Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No.7----------------------------------------DIE2^ELT-------------------------------15 nach ihrer Lehre auch nicht anders. Demgemäss hat eine ganze Reihe von Päpsten sich mit grosser Entschiedenheit gegen jenen Aberglauben ausgesprochen. Der Episkopat vertritt überwiegend den gleichen Standpunkt. Im Polnaer Falle ist aber eine betrübende Ausnahme zu konstatieren. Am 2. November 1899 erschien in dem bischöflichen Organ „Obnova" ein von anderen Blättern begierig abgedruckter Vortrag, betitelt „Das Blut", den der für Polna zuständige Bischof Brynych von Königgrätz, in Chrast, einem kleinen tschehhischen Orte Böhmens, gehalten hatte. Einige Bruchstücke des Vortrages, die dessen Geist zur Genüge erkennen lassen, seien im folgenden wiedergegeben. Der Bischof schildert an der Hand der Geschichte den Fluch, der auf dem jüdischen Volke laste: „Das römische tieer zog gen Jerusalem heran, es umzingelte es, als Hunderttausende von Menschen dort in den Feiertagen versammelt waren. Jerusalem selbst sowie der Tempel wurden zerstört und vernichtet, und der Juden wurden so viele getötet, dass das Blut alle Gassen und Gräben füllte, ja sogar auf den Stiegen des Tempels stromweise flös-s. Und seit dieser Zeit ruht der Fluch auf diesem Volke, welches jetzt schon mehr als 1800 Jahre ohne Vaterland und König, ohne Altar und Priester, gehasst und verabscheut auf dem ganzen Erdball zerstreut ist. Wie man das Evangelium nicht konfiszieren kann, so kann man auch die Geschichte nicht aus der Welt schaffen. Die „Obnova" brachte unlängst die Geschichte dss Märtyrers oder des Knäbleins Simon von Trient, wie es am 24. März 1472 geschehen war. Sie sagte, wie man nach der gewissenhaftesten Untersuchung der ganzen Sache in der Kirche und insbesondere in der Trientischen Diözese dieses Knäblein als heiligen Märtyrer verehrt/wie man in dem geistlichen, von Kirchenbehörden herausgegebenen Gebetbuche liest, dass es auf das Kreuz gespannt war, und dass sein Blut aus Hass gegen Christus vergossen, aufgefangen und für die alttestamentarischen Osterbrote weggetragen wurde. Diese schreckliche Begebenheit ist wie der immer sich widerholende Ruf: „Sein Blut auf uns und unsere Söhne!tt . . . und wie andere Herren, ich weiss nicht, ob aus blosser Verblendung oder aus antikatholischem Denken, nicht das Blut sehen wollen, von dem ich. rede, müssen sie uns, wenn sie ordentlich freisinnig sind, verzeihen, dass sie uns unsere Ueberzeugung aus dem Herzen nicht herausreissen werden, nach welcher nicht nur von allen Chören in der heiligen Osterzeit, sondern auch in den durch alle Jahrhunderte sich wiederholenden Begebenheiten*) des Blutes rufende Stimme tönt: „Sein Blut auf uns und unsere Söhne!" Gegen diese Auseinandersetzungen könnte mir jemand einwenden: Wo ist denn der Fluch? Geht es nicht gerade diesem Volke gut? Wird es nicht reich, und beherrscht es nicht überall die Christen? Darauf antworte ich: Ob nicht gerade daraus ein um so grösserer Fluch folgt, weiss ich nicht, aber ich lege nur das zum Nachdenken vor, dass gerade dieses Reichwerden und dieses Beherrschen die Christen weckt. Und wenn sich die Staaten nicht bald aufraffen werden, um die Christen zu schützen, kann etwas daraus entstehen, was alles, nur kein Segen sein wird. Darum halten wir es für einen auch den Juden schadenden u:,d verhäng-* nisvollen Fehler, wenn es in manchen Staaten Kerker und Galgen oder Guillotine nur für Christen gibt und nicht auch für Dreyfus." Sehr wirkungsvoll ist der Schluss. Der Bischof sagt: „Nicht Gewalt, nicht Hass, aber neues Blut, das muss unsere Losung sein. Neues christliches Blut.......Dieses neue Blut wird nicht etwa unverträglich sein, Verträglichkeit besteht nämlich nicht etwa darin, dass sich der Christ sein Blut aussaugen lasse, sondern darin, dass er niemandem Leid zufüge. Wenn dieses neue Blut Oesterreich durchdringen würde, hätten wir längst das, wonach wir Tschechen uns sehnen, natürlich ohne den Deutschen nahezutreten. Wenn dieses neue Blut unseren Staat durchdringen würde, wäre nicht unschuldiges Blut in unserem Vaterlande geflossen. Es möge sich also beleben und stärken das Christentum in unserem Vaterlande, dass sein reines Blut wieder in unseren Adern rolle." *) d. h. den Ritualmorden. (Zu bemerken ist die beständige Wiederholung des Wortes „Blut".) Man denke sich das alles von dem hohen geistlichen Würdenträger cer gläubigen Gemeinde vorgetragen und ermesse danach die Wirkung. Wie muss bei solcher Haltung des Bischofs erst der ihm untergebene niedere Klerus seinen ungeheuren Einfluss auf die Menge ausgeübt haben! An Einzelheiten ist erklärlicherweise in dieser Hinsicht nicht viel bekannt geworden. Bemerkenswert ist aber, dass nicht weniger als drei Geistliche, nämlich die Patres Kasal, Vieck i.nd Vrba, Broschüren im Sinne des Ritualmordes veröffentlichten, was natürlich nicht ohne Billigung der oberen Kirchenbehörde geschehen konnte. Dass die von den Geistlichen inspirierte klerikale Presse, wie die „Katolicke Listy" und „Kriz" der Blutmordhetze mehr als wohlwollend gegenüberstand, ist bei einer Ritualmordäffäre schon als selbstverständlich zu bezeichnen. So konnte es denn nicht ausbleiben, dass sich in der ländlichen Bevölkerung bald die feste Ueberzeugung von der Schuld nicht nur Hilsners, sondern des Judentums überhaupt festsetzte. Aus der Ritualmordvorstellung wurde dabei ein ganz bestimmtes Bild von dem Hergang bei der Tat abgeleitet, ein Bild, dessen charakteristische Züge ebenso in den Fällen Tisza Eszlar, Xanten, Könitz usw. auftreten. Der Ritualmord wird nämlich nicht von einem Einzelnen begangen, sondern es bedarf zu dieser feierlichen Handlung einer Mehrheit von Tätern, schon deshalb, weil der eine mit der Auffangung des Blutes beschäftigt ist. Das eben erwähnte Flugblatt gibt uns näheren Ausschluss über die Verteilung der Rollen im Falle Hilsner: Den Kopf hielt „ein Kultusbeamter der Hebräer, Oberer des Kahal, der Polizei- und Henkertruppe der Hebräer", den Schnitt führte der „Zaodick oder heilige Mann der Hebräer, der Wunderrabbi und Schächter der alljährlichen Sühneopfer". Hilsner war nur der „Beschaffer des Opfers". Aus den Zeugenaussagen aller Ritualmordprozesse wissen wir ferner, dass um die Zeit der Opferung unheimliche fremde Juden in grosser Zahl an dem Ort der Tat zusammenströmen. Weshalb sie sich in so unglaublicher Weise auffällig machen, ist eigentlich nicht klar, man muss wohl annehmen, dass sie bei der Tat in grosser Zahl die durch den Ritus vorgeschriebenen Gebete herzusagen haben (das »Gebabbere", das Masloff im Konitzer Prozess aus dem Keller Levys gehört haben wollte). Die jüdischen Schächter der Umgebung müssen um ihr Alibi sehr besorgt sein; es liegt gar zu nahe, dass sie mit dabei gewesen sind, die verschiedensten Zeugen wissen belastende Umstände anzugeben. Diese ganze psychische Atmosphäre erinnert auffällig an die Hexen-, Teufel- und Zauberprozesse des 15. bis 17. Jahrhunderts, nicht nur in der gemeinschaftlichen Grundlage der auf religösem Aberglauben beruhenden Massensuggestion, sondern auch in manchen Einzelheiten, wie denn das Blut in den Zauber- und Hexenprozessen eine grosse Rolle spielt. Wir glauben uns um mehrere Jahrhunderte zurückversetzt, wenn eine Zeugin in der Piseker Verhandlung von einem Gerücht erzählt, wonach seit der Ermordung der Hruza in ihrem Geburtsort Wieznitz das Wasser blutig fliesse und sich die Juden darin die Hände wüschen. Nicht ausgeschlossen ist es auch, dass zu der Vorstellung des hässlichen hinkenden Juden, der in Gesellschaft Hilsners jedesmal vor Verübung der Mordtaten gesehen wurde und beide Male spurlos verschwand, dunkle Teufelsreniiniszenzen mitgewirkt haben. Die abergläubigen Vorstellungen und Leidenschaften pflanzten sich bald durch ganz Böhmen und Mähren fort und erzeugten besonders in dem tschechischen, z. Tauch in dem deutschen Sprachgebiet eine wahre Ritualmordbesessenheit. Wo eine jüngere Person männlichen oder weiblichen Geschlechts ermordet wurde oder zunächst auch nur verschwand, entstanden alsbald Ritualmordgerüchte und Unruhen, die durch die antisemitische Presse und Agitation eifrigst unterstützt wurden und in einigen Fällen sogar durch Interpellationen im Reichsrat verewigt worden sind. Für unsere Untersuchung können die Fälle, auch soweit sie zeitlich hinter dem Hilsnerprozess liegen, ein hohes Interesse beanspruchen, da sie Milieu und Folgen des Prozesses treffend beleuchten. Einige von ihnen verdienen in der Tat, in den eisernen Bestand der kriminalpsychologischen Literatur aufgenommen zu werden.