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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 -No. 7 Welches Verständnis Steinthal für das Wesen des jüdischen Volkes und dessen Seelenleben hatte, ersehen wir aus einem Aufsatz, den er um jene Zeit bezüglich eines anderen Vorwurfes gegen die Juden schrieb. Es wurde damals die Ansicht ausgesprochen, die Juden sollten sich der jüdisch-deutschen Mundart, des sogenannten „Mauschelns" enthalten, weil sie mit dieser Sprache die Abneigung der christlichen Nachbarn gegen sich provizieren. Sogar von der Kanzel in der Synagoge wurde diese Moral gepredigt. Steinthal schrieb dagegen: „Es gibt ein Jüdisch-Deutsch, das in früheren Jahrhunderten für wissenschaftliche Diskussionen aller Art, namentlich für Religionsphilosophie, verwendet worden ist, und das wohl an gemütlichen Ausdrücken reich ist. Auch dieses wollen wir aufgeben; es fahre hin, obwohl es manches echte deutsche Sprachgut in sich schliesst. Bewahren aber wollen wir uns jem? unübersetzbaren neuhebräischen Worte, in denen das jüdische Herz liegt, an denen es hängt .... der gebildete, der hochgebildete Jude wird jene Worte lieben und nur das eine wünschen, dass sie nicht Phrasen seien, sondern die damit ausgedrückten Sachen der Juden erhalten bleiben". Wie sich Steinthal das moderne Judentum dachte, äusserte er in seiner,Festrede zum 25 jährigen Jubiläum der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums: „Mancher denkt sich das Judentum als eine, gleichviel mit welchem Rechte, in die Gegenwart hineinragende Gestaltung der Vergangenheit, welche sich ausgelebt hat, und für eiche, da sie keine aktuelle Bedeutung mehr besitze, sich auch nichts mehr schaffen lasse. So bedeutet für ihn die Wissenschaft des Judentums nur ein grosses und.reiches Kapitel der Geschichte — gross, sehr gross, gesteht er zu; er selbst aber, sagen wir, steht klein daneben; reich, sehr reich, gesteht er zu; er aber darbt daneben. Und nicht anders ist es mit andern, welche das Judentum nicht minder für ein abgeschlossenes Drama halten, in dessen Schluss wir stehn. Sie wollen befestigen, erhalten — vergebliche Mühe, sagen wir; wir sagen es ernstlich pessimistisch: das Abgeschlossene ist tot, und keine Macht kann es erhalten; das Leben bläst es hinweg. Wir aber ... wir sind überzeugt, dass Gott damit in uns ein ewiges Leben gepflanzt hat. Das Judentum lebt und hat sein Leben durch praktische und auch theoretische Schöpfungen zu bekunden; es lebt, und so hat es sich" weiter zu entwickeln, hat seine Lehre fortdauernd tiefer und umfassender zu gestalten; es ist ein unerschöpflicher Schacht, aus dem immer Neues zu gewinnen bleibt. Freilich, das hat unser Jahrhundert gelehrt, muss alles, was lebendig sein will, an die Vergangenheit anknüpfen." Und über die Zugehörigkeit zum Judentum schrieb Steinthal („Unsere Fehler" S.61) die lapidaren Sätzenieder: „Zu uns gehört, wer unter uns geboren ist, ohne jegliche Wahl, gleichviel, ob er reich oder arm, gebildet oder ungebildet ist. Nun soll aber wenigstens jeder, der sich seiner vortrefflichen Glaubensgenossen freut oder gar rühmt, danach streben, sich solcher Männer, neben denen er vor Gott steht, würdig zu zeigen.....Wenn du dich jemals zum auserwählten Volk zählst, schämst du dich nicht, dass du dich so benimmst, als wäre dein Volk auserwählt, nicht zum Segen, sondern zum Fluche? Sagt nicht, das sei übertrieben; die Juden selbst, und die besten darunter am meisten, übertreiben die Fehler, die Schlechtigkeiten ihrer Stammesgenossen aus Liebe. Zugestehn aber müssten ja doch Alle, dass diese Fehler in einer mehlhundertjährigen Geschichte und selbst heute ihre Entschuldigung finden. . . . Mängel erklären, bietet kaum eine Entschuldigung, und wenn dies, so doch gewiss l eine Rechtfertigung." „Wenn es so weit gekommen wäre, dass man sagte: „Ein Schurke, obwohl ein Jude", so wäre das zwar ein Zeugnis, dass im allgemeinen das Schlechteste aus Israel geschwunden, verbannt wäre; aber damit wären wir doch noch fern von einem idealen Zustande und wir hätten auch dann immer noch mit allem Eifer an unserer Reinigung zu arbeiten, um nicht vor Menschen, sondern vor Gott, dem Gott unserer Väter, rein zu erscheinen." Lernet dieses Buch! KRIMINALPSYCHOLOGISCHES ZUM HILSNER-PROZESS VON RECHTSANWALT Dr. ARTHUR NUSSBAUM Die Blutbeschuldigung, d. h. die Anklage, dass Juden zu rituellen Zwecken Christenblut brauchen, tritt zuerst im 13. Jahrhundert auf, aber mehr als sechs Jahrhunderte hindurch scheint es sich nur um vereinzelte Fälle gehandelt zu haben. Jedenfalls erscheint die Blutbeschuldigung, was das letzte Jahrhundert anbelangt, in massenhafter und bedrohlichster Form erst seit dem Aufkommen des modernen parteipolitischen Antisemitismus; diese nicht nur aus der Zeit, sondern auch aus dem Geist des Mittelalters entsprungene Vorstellung erreicht ihre höchste Kraft und Verbreitung in den Jahren 1880 bis 1900, die wohl auch die Blütezeit der antisemitischen Bewegung begrenzen. Das Zusammentreffen ist kein zufälliges. Die Blutbeschuldigung erwies sich als ein unvergleichliches Mittel der antisemitischen Agitation. Denn die Vorstellung, dass die Juden Mörder von Religions wegen seien, dass sie sich gerade die unschuldigen Kinder, Jünglinge und Jungfrauen zu Opfern ihres verbrecherischen Fanatismus aussuchen — dieser Gedanke muss ja die gläubige Menge bis in die dunkelsten Tiefen .aufwühlen, rnuss die Vernichtung der ruchlosen Verbrecher ais eine heilige, eine gottgewollte Tat erscheinen Aus dem eben erschienenen Buche: Der Po Inaer Ritnalmordp r o z e s s von Dr. Arthur N ussban m, Berlin. A. W. fiayn's Erben. lassen, Alierdings findet solche Agitation nicht überall Anklang, den rechten Boden bietet dafür hauptsächlich eine zurückgebliebene gläubige Landbevölkerung. Es ist bemerkenswert, dass alle neueren „Ritualmordfälle" sich in Dörfern oder Landstädten abgespielt haben, und dass diese Ortschaften stets in katholischem, oder griechisch-katholischem Religionsgebiet gelegen sind. In dem tschechichen Sprachgebiet Böhmens erfreut sich der Antisemitismus besonderer Kraft und Popularität. Er verdankt sie den nationalen Leidenschaften, die zur Zeit des Hilsner-Prozesses durch den damals tobenden Kampf um die Aufhebung der Badeni'schen Sprachenverordnungen zu hellsten Flammen angefacht waren. Denn die Juden betrachteten vielfach im slavischen Sprachgebiet das Deutsche (wenn auch z. T. ein verderbtes Deutsch), als ihre Muttersprache — erst in den letzten zwanzig Jahren beginnt sich in Böhmen unter dem Druck der tschechischen Herrschaft ein Umschwung anzubahnen —; der Jude gilt daher dem Tschechen als Deutscher oder doch als national unzuverlässig. Hier musste die Blutbeschuldigung also ein überaus dankbares Feld finden. Die antisemitische Agitation, die in Böhmen und Mähren schon lange sogen. Blutabzapfungen und Ritualmorden auf der Spur gewesen war, bemächtigte sich alsbald auch des Polnaer Falles. Es war der tschechisch-antisemitische Redak-

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