Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE3&ELT 11 Und weil er so litt, sah er sich gezwungen, aus der Studierstube auf den Markt des Lebens zu treten. Der Gelehrte wurde zum Volksredner und zum Publizisten, Eigentlich besass er so wenig äussere Mittel, um als Redner und Publizist zu wirken. Denn auch da war er von der wissenschaftlichen Akribie, von der Gewissenhaftigkeit des Forschers beseelt. Wie seine Stimme schwach, kaum hörbar war, so war auch sein Stil höchst einfach, schmucklos und ungekünstelt. Denn nichts hasste Steinthal so sehr wie die Phrase. Aber trotzdem machte er stets mit seiner Rede einen nicht zu beschreibenden Eindruck. Es bewährten sich die talmudischen Worte: „Was vom Herzen kommt, dringt auch ins Herz." Die Reden und Schriften Steinthals über Juden und Judentum liegen jetzt durch Gustav Karpeles gesammelt in einem Band vor. (Ueber Juden und Judentum, Vorträge und Aufsätze von Prof. Dr. F. Steinthal, Berlin. Verlag M. Poppelauer 1906.) Ich möchte die Leser der „Welt" mit diesem inhaltreichen Buch bekannt machen, oder richtiger, ich möchte ihnen die Lektüre dieses Buches dringend anempfehlen. Vielleicht gelingt es mir. indem ich nur einiges davon bespreche, ihre Neugier zu reizen, so dass sie darauf das ganze Buch nicht etwa „durchlesen" sondern es „lernen44, wie wir Juden früher mit solchen Schriften zu verfahren pflegten. Es dürfte mir gestattet sein, gleich mit einem Aufsatz zu beginnen, den Steinthal im Jahre 1882, anlässlich der damaligen Judenverfolgungen in Russla.id unter der Üeberschrift: ,,Die Juden und kein Ende" schrieb. Er hatte ein süddeutsches Zeitungsblatt von unbekannter Hand zugeschickt erhalten, in dem sich ein Leitartikel mit der Üeberschrift: „Immer wieder die Juden" befand, Dazu schrieb Steinthal die Worte, die genau auch zu den letzten Ereignissen in Russland passen: „Was den Pöbel zu pöbelhafter Raub- und Mordgier führt, wäre ja eine Frage, welche die Antwort schon in sich schliesst; den Staatsmännern aber, so oft sie Veranlassung zu haben meinen, eine „Walfisch - Tonne" auszuwerfen, bieten sich die Juden immer als geeignetes Opfer dar. Hier ist es die durch Nihilisten angefachte Zerstörungswut, dort ist es die von den Sozialdemokraten hervorgerufene Erregung, hier und dort ist es die durch national-ökonomische Verhältnisse bewirkte Unzufriedenheit, deren Ausbruch auf die Juden abgelenkt wird, während sie sich in ihrem ungestörten Gange gegen ganz andere Dinge und ganz andere Personen wenden würde." Und auch über das Verhalten der „zivilisierten Welt" zu diesen unerhörten Greueltaten fand Steinthal den richtigen Ausdruck, wenn er schon damals sagte: „Die europäischen Grossrnächte sehen den Greueln, welche Russland verübt, untätig zu. Ihre Staatsmänner verstehen einander, und sie wissen, dass sie einander Liebesdienste zu erweisen haben, um sie von einander erwarten zu können. Die angezogene süddeutsche Zeitung verspricht die entschiedenste Einwnkung selbst auf die hartgesottensten Grossrussen, wenn alles, was sich zur Zivilisation zählt, eine gemeinsame oder doch gleichlautende Note nach St. Petersburg erliesse, mit der kurzen Andeutung: Europa und die mit ihm Gleichgestimmten erinnern den Grafen Ignatieff (bekanntlich der Lehrer und Meister Piehwes, D. V.) daran, dass das 14. Jahrhundert längst vorüber ist, und dass sie, wenn Russland noch so weit zurück sein sollte, ihm die Türkei als nachahmenswertes Muster empfehlen, einstweilen aber jede Verbindung mit ihm abbrechen. — ......Da nun der Pöbel niemals aufhören kann, sich pöbelhaft zu benehmen, so kann die Judenfrage nur erst dann, wie sie theoretisch für den Denkenden erledigt ist, auch praktisch von der Tagesordnung schwinden, wenn die leitenden Staatsmänner staatsweise und die Staaten Rechtsstaaten geworden sein werden. Wie die Sachen jetzt liegen, kann ich nicht hoffen, man werde Ignatieff und seinen Genossen begreiflich machen, dass seine staatsmännische Schlauheit neben ihrer Karaibenrohhelt auch noch sehr dumm sei; man wird ihm nie die Augen darüber öffnen können, welch ein Gefallen den Nihilisten damit geschieht, wenn die Bande von Gesetz und Ordnung vollkommen gelöst, und zwar unter Konnivenz der Regierung gelöst werden. Und wird man unsern deutschen Staatsmännern bemerklich machen können, wie neben der Judentonne auch die Deutschentonne in Russland ausgeworfen ist? Dass aber auch in Deutschland zwischen jüdischem und christlichem Kapital, zwischen Kapital und Grundbesitz keine Linie gezogen werden kann? Und werden die Männer von Berlin, Paris und London, welche Europas Schicksal leiten, zu der Erkenntnis kommen können, dass der Hexentrank der Anarchie., der jetzt in Russland gebraut wird, bald überfliessen wird, und dann von Europa ausgetrunken werden muss, und dass aber ein energisches Veto gegen die Judenverfolgung die Dinge zum Stehen bringen könnte?u Bemerkenswert ist noch, dass Steinthal die beste Lösung der Judenfrage in Russland in der Auswanderung fand. Er meinte: „Sind die amerikanischen Urwälder gelichtet genug, so wird Australien noch anzubauende Strecken bieten. DieHohePfortewird sich auch wohl noch überzeugen lassen, dass es für sie vorteilhaft sein kann, wenn öde Länder von einigen Tausend besiedelt werde n." Also bereits eine Anregung im Sinne des heutigen Zionismus, und auch Steinthal meinte schon damals: „Aber Grundsatz sei, hinaus aus Russland." # * * Im Jahre 1893, als in Berlin der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" gegründet wurde, meinte Professor Albrecht Weber, den man zum Beitritt aufgefordert hatte, die Juden sollten zuerst selbst Einkehr halten und ihre Fehler ablegen. Steinthal, der mit diesem Gelehrten befreundet war, konnte dessen Äusserung nicht ohne Antwort lassen. Er erinnerte zuerst Weber daran, dass die Juden wohl sehr oft Einkehr halten. Man müsse nur die Sprichwörter der Juden kennen, die eine bittere und scharfe Selbsterkenntnis enthalten. Indessen liege nicht darin der Schwerpunkt der Judenfrage, sondern in der falschen Auffassung des jüdischen Charakters seitens der Christen. Auch die Selbsterkenntnis der Juden müsse sich jetzt nach einer anderen Seite richten, d. h. nicht die Sünden sollen wir bekennen, die wir angeblich an der nichtjüdischen Umgebung begehen, sondern die Sünden gegen unser eigenes Volk. „In früheren Zeiten",sagtSteinthal, „hat es wirklich eine jüdische Solidarität gegeben, diese ist jetzt itn Schwinden begriffen, und manche Leute, die sich nicht ganz vom Judentum trennen können und deshalb für ihre eigene Person nicht die Fahnenflucht ergreifen, tun dies für ihre Kinder, welche sie taufen lassen."