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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 DIEKEU -No. 7 seines Berichts zu folgenden Forderungen, die er der Regierung der Vereinigten Staaten unterbreitet: 1. Die Dampfschiftsgesellschaften müssten angewiesen werden, ihren Ärzten die Behandlung der an ansteckenden Krankheiten Leidenden zu untersagen. Dies würde ein Ende mit der Methode machen, die Kranken „aufzustümpern" und sie in dieser unzureichenden Weise für die Zulassung in Amerika vorzubereiten. 2. Die Agenten der Dampfschiffsgesellschaften in Deutschland müssten ihre Praxis aufgeben, die Auswanderer zum Kaufe von Billetten für die Vereinigten Staaten zu zwingen. Die Dampfschiffsgesellschaften haben zwar immer geleugnet, dass dies vorkommt, aber es ist nichtsdestoweniger, wie oben angeführt, der Fall. 3. Das riauptübel ist der sogenannte Anwerber. Er ist es, der in Osteuropa von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf geht, den Leuten wunderbare Geschichten über das Glück vieler Einwanderer in Amerika erzählt und über die Vorteile, welche sich den Einwanderern in den Vereinigten Staaten bieten. Der Anwerber weiss nichts davon, dass irgend jemand „unerwünscht44 ist, er versichert, dass er jedem das Tor von Amerika aufschliessen kann. Er ist es, der viele kranke Personen erst verleitet, die Überfahrt zu versuchen, und er ist es, der mit seinen Genossen alles mögliche tut, um die Überfahrt der Kranken zu ermöglichen. Die Dampfschiffsgesellschaften arbeiten zwar in der Regel mit diesen Anwerbern nicht direkt Hand in tiand und lehnen jede Verantwortung für ihre Praktiken ab, aber die offiziellen Agenten der Dampfschiffsgesellschaft bezahlen ihren Anwerbern die Provision für jeden Auswanderer, den sie bringen. Viele von den Auswanderern werden von den Anwerbern über die deutsch-österreichische und deutsch-russische Grenze geschmuggelt. Wenn sie an den Kontrollstationen ankommen, haben die meisten Auswanderer bezeichnenderweise bereits die Adresskarte eines bestimmten Dampfschiffsagenten in Händen, und umgekehrt hat der Dampfschiffsagent ein Verzeichnis aller Personen, die über die Grenze geschmuggelt worden sind. Wenn die Dampfschiffsgesellschaften und Agenten aufhören würden, den Anwerbern Provision für jeden Auswanderer zu zahlen, würde dieses Verfahren, das viele zur Auswanderung verleitet, die nachher zurückgewiesen werden, sehr bald aufhören. H. STEINTHAL: UEBER JUDEN UND JUDENTUM Dr. SIMON BERNFELD, Berlin Es gibt Gelehrte und Schriftsteller, vielleicht sind es die Meisten, die, wenn man ihre persönliche Bekanntschaft macht, stark enttäuschen. Man soll aber deshalb keine geringe Meinung von ihrer Leistung haben, selbst wenn ihre Lehre im schreienden Widerspruch zu ihrem Leben steht; sie sind höchstens zu bedauern, dass sie so wenig von ihren eigenen Schriften profitiert haben. Es gibt aber auch Gelehrte und Schriftsteller, freilich sind es die Wenigsten, die das, was sie schreiben, auch erleben; es ist alles, wie Ludwig Börne sagt, das Blut ihres Herzens und der Saft ihrer Nerven. Das jüdische Volk hat solche Männer aufzuweisen, die man nicht Schriftsteller im Sinne des Wissens und des Könnens nennen kann. Das ist der „prophetische" Geist, der über das jüdische Volk einst gekommen ist und von dem ein Funke noch immer glimmt. Schriften, die man erlebt, bevor man sie niederschreibt, sind nicht das Produkt wissenschaftlicher oder künstlerischer Begabung; vielmehr bilden sie den Inhalt der inneren Kämpfe und Leiden, und nur zum Teil erfährt die Aussenwelt, unter welchen Schmerzen sie entstanden sind. Zu dieser Art von Schriftstellern gehörte gewiss H. Steinthal. Er war nicht nur ein Mann der Wahrheit, sondern ein Mann der Wahrhaftigkeit. Die Wahrheit war ihm nicht etwas Erkanntes, ein Objekt, sondern er lebte in ihr. Steinthai ist zumeist als Gelehrter, als Philosoph und Sprachforscher bekannt. Das war er unstreitig und darin genoss er einen Weltruf. Seit Welheim v. Humboldt hatten wir keinen Sprachforscher, der so tief wie Steinthal in das innere Wesen der Sprache drang, der in der Sprache eines Volkes dessen Seele fand. Aber noch bedeutender denn als Sprachlehrer und Philosoph war Steinthal als Persönlichkeit und als Jude. Auch dafür haben wir interessante Dokumente, verschiedene Schriften über fast alle Fragen des Lebens, Indessen gerade in dieser Beziehung muss man Steinthal persönlich gekannt haben, um ihn überall ganz zu verstehen. Das Verhältnis Steinthals zum Judentum ist ein Rätsel, das zu lösen nicht leicht wird. Die erste Frage würde lauten: War Steinthal ein frommer Jude? Strenggläubige Juden werden diese Frage mit nein beantworten — von ihrem Gesichtspunkt aus mit Recht. Er war ein freisinniger Bibelkritiker, freilich ohne jede verletzende Spitze gegen die Frommen. Denn Steinthal verehrte die Bibel, er bewunderte sie, ihre Schönheit entzückte und überwältigte ihn. Für ihn war dieses Schrifttum göttlich, auch wenn es von Menschen herrührt. Manche würden sogar Steinthal des Atheismus zeihen, aber richtiger wäre, von ihm das zu sagen, was ein grosser Philosoph einst von Spinoza gesagt hat: „Nicht Atheismus lehrt er, sondern Akosmismus." Ueberau ist das Göttliche....... * Die zweite Frage würde lauten; War Steinthal Nationaljude? Für gewöhnlich werden wohl nationalgesinnte Juden ebenfalls mit nein antworten, denn Steinthal war gewiss ein guter Deutscher. Aber ebenso wie er zweifellos trotz seines angeblichen Atheismus, trotz seines Freisinns, eine religiöse Natur war und auch Jude im religiösen Sinne, so war er auch ein national gesinnter Jude, trotzdem er so innig am Deutschtum hing. Dieses Problem zu lösen, überlasse ich Anderen; ich konstatiere nur diese Tatsache, die für mich über jeden Zweifel erhaben ist: Die Liebe Steinthals zum Judentum und zum jüdischen Volk machte sein inneres Wesen aus. Mit dieser unauslöschlichen Liebe im Herzen lebte er, oder noch mehr: kämpfte und litt er. In den letzten Jahren seines Lebens litt er sogar doppelt, denn er wurde durch die antisemitische Bewegung aufs heftigste erschüttert; andererseits sah er mit unsäglichem Schmerz den inneren Verfall des modernen Judentums und den charakterlosen Abfall der modernen Juden von der 3000jährigen Geschichte.

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