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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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funden wird oder die physisch zusehwach sind, werden nicht eingeschifft, sondern in ihre Heimatsländer zurückgesandt. Die deutsche Regierung erlaubt diesen Auswanderern nicht, in irgend einer Stadt Deutschlands zu verbleiben, und sie sind tatsächlich Gefangene in den Händen der Dampfschiffsgesellschaften (nicht anders wie zur Verladung bestimmte Ware. Die Dampfschiffsgesellschaft ist verantwortlich dafür, sie in irgend einer Art aus Deutschland zu entfernen. In Wirklichkeit kehrt aber nur ein verhältnismässig geringer Teil der Zurückgewiesenen in die fieimatsländer zurück. Die grosse Mehrheit schifft sich vielmehr nach England oder Südamerika ein. In dem ersten Lande bleiben sie häufig für immer, aber gelegentlich versuchen sie auch, doch noch die Überfahrt und Zulassung in die Vereinigten Staaten zu erlangen, indem sie sich, wie wir unten noch ausführen werden, wegen ihrer Krankheit einer Heilbehandlung unterziehen. In Hamburg und Bremen selbst wird sehr wenig dafür getan, um durch Anwendung ärztlicher Behandlung die Auswanderer zur Ueberfahrt geeignet zu machen. Nur selten wird ein Arzt einen Auswanderer an Trachom oder Favus behandeln. Aber in den Kontrollstationen an der russischen und österreichischen Grenze blüht diese ärztliche Praxis. Dr. Fishberg hat persönlich mehr als fünfzig Auswanderer mit Trachom in dem Diakonissenheim in Thorn angetroffen. Ihnen allen war das Gesundheitszertifikat durch den Arzt, der die Dampfschiffahrts-Gesellschaft zu vertreten hat, verweigert worden, und es war ihnen aufgegeben worden, sich in ihre Heimat zurückzubegeben. Aber angesichts dessen, dass sie genügend Geld für eine „Kur" hatten, waren sie von den Dampfschiffs-Agenten dem Hospital zugeführt worden. Einige Auswanderer erzählten, dass sie schon über 2 Monate dort wären; nur sehr wenige würden in einem Monat entlassen. Sie bezahlen täglich 3 Mk. für die Verpflegung und 2 Mk. für ärztliche Behandlung. Aehnlich sind die Verhältnisse in den anderen Städten, in denen die Kontrollstationen der Dampfschiffs-Gesellschaft sich befinden. Eine grosse Unzuträglichkeit inbezug auf das Verhalten der Dampfschiffs-Agenten zeigt sich in Folgendem: Sie sehen in jedem osteuropäischen Ankömmling einen Mann, der nach den Vereinigten Staaten gehen muss, mag er wollen oder nicht. Viele von den Ankömmlingen, die durch die Polizei in die Kontrollstation gebracht werden, antworten auf die Frage, wohin sie gehen wollen, dass sie England zum Reiseziel haben. Der Agent jedoch, der beim Verkauf eines Billets nach England nur wenig Verdienst hat, argwöhnt immer, dass der Auswanderer die Absicht hat, nach seiner Ankunft in England mit einer englischen oder amerikanischen Dampfschiffslinie nach Amerika zu fahren. Wie sehr der Auswanderer, der Deutschland passiert, als die legitime Beute der deutschen Dampfschiffahrts-Gesellschaften und ihrer Agenten betrachtet wird, zeigt folgendes Gespräch, das man in den Kontrollstationen öfters hören kann: Agent: Wohin wollen Sie? Auswanderer: Nach Amerika. Agent: Wie viel Geld haben Sie? Auswanderer: Haben Sie ein Recht, danach zu fragen? Gendarm: Widersprechen Sie nicht! Zeigen Sie alles Geld, das Sie haben. Wenn Sie es nicht tun, bringe ich Sie sofort narh Russland zuück und übergebe Sie den russischen Beamten. Der arme ein geschüchterte Auswanderer zieht all sein Geld von den verschiedenen Stellen, an denen er es in seiner Kleidung aufbewahrt hat, hervor. Der Agent zählt es in Gegenwart des Polizeibeamten. «)ann zieht er den Preis für die Fahrkarte nach Hamburg oder Bremen und für das Zwischendecksbillet nach New-York ab- Den '^est wechselt er in deutsches Geld um und gibt es dem Auswanderer zurück, dem es nicht erlaubt wird, noch irgend welche '^age zu_stellen. So wickelt sich die Sache bei den meisten Auswanderern ab. in Teil jedoch antwortet auf die Frage nach dem Reiseziele, dass er nach England oder Belgien oder Frankreich gehen wolle. Das will der Agent niemals glauben.- Er sieht in jedem einen „Amerikaner" (technischer Ausdruck für die Auswanderer nach den Vereinigten Staaten) und sagt dem Auswanderer auf den Kopf zu, dass er lügt, dass er in Wirklichkeit nach Amerika wolle, und deshalb sofort ein Billet nach Amerika kaufen müsse. Fishberg war persönlich Zeuge, wie ein Mann mit Frau und vier erwachsenen Kindern dem Dampfschiffs-Agenten in Thorn mitteilte, dass er all sein Hab und Gut in seiner Heimatstadt Warschau verkauft und gerade hinreichend Geld erlangt habe, um nach England zu kommen. Aber der Agent bestand darauf, dass die Leute nach Amerika gehen müssten und weigerte sich, Billets nach England zu verkaufen. Der Gendarm als Repräsentant der Polizei stand dem Agenten zur Seite: „Entweder Ihr geht nach New-York oder zurück nach Polen,u war sein Verdikt. Der arme Mann entschloss sich zuletzt, seine Frau und zwei Töchter nach Polen zurückzuschicken, während er für sich und seine zwei Söhne Billets nach New-York kaufte. Das ist kein vereinzelter Fall. Jeder Ausländer in Deutschland, der zu einer Kontrollstation gebracht wird und angibt, nach Amerika gehen zu wollen, wird von dem Dampfschiffs-Agenten unter dem Beistande der Polizei geradezu gezwungen, nach den Vereinigten Staaten zu gehen, und dieser Zwang lässt die Zchl der Auswanderer nach den Vereinigten Staaten so anschwellen. Viele, die ernstlich die Absicht haben, sich in England niederzulassen, finden sich plötzlich gegen ihren Willen auf dem Wege nach den Vereinigten Staaten. Mancher Ausländer wird in Leipzig, Thorn, Eydtkuhnen, Berlin, Hamburg usw. aufgegriffen, zur Kontrollstation geschleppt und aufgefordert, entweder nach Amerika zu gehen oder in sein Heimatsland zurückzukehren. Alles Widerstreben hilft dem Unglücklichen nichts. Es wird ihm kein Billet nach England, Frankreich oder irgend einem andern Lande verkauft. „Nach Amerika oder nach Hause" — ist das Verdikt, das von dem Dampfschiffs - Agenten gefällt und vom Gendarmen bestätigt wird. Wie schon oben gesagt, treffen alle die angeführten Massnahmen nur diejenigen Auswanderer, die mit der 3. oder 4. Eisenbahnklasse ankommen, und als Zwischendeckspassagiere weiter fahren. Alle diejenigen, die den Preis für ein Billet 2. Klasse bezahlen können, dürfen dagegen ohne weiteres passieren und sind keinerlei Scherereien durch Arzt oder Polizei unterworfen. Viele Auswanderer, die Grund haben, ärztliche Untersuchung zu scheuen, reisen deshalb 2. Klasse und sichern sich so die Ueberfahrt nach den Vereinigten Staaten. Oft rät der Dampfschiffs-Agent selbst solchen Auswanderern, die mit Trachom behaftet sind, zur Fahrt 2. Klasse, indem er ihnen versichert, dass es auf diese Weise für sie1 ganz sicher sei, in die Vereinigten Staaten hineingelassen zu werden. Am häufigsten findet sich diese Praxis auf der französischen Dampfschiffslinie. Jeder Auswanderer, der auf dieser Linie als Zwischendeckspassagier befördert sein will, wird ärztlich untersucht zu dem ausgesprochenen Zweck, Trachom bei ihm zu entdecken. All diesen wird die Ueberfahrt verweigert, und sie werden in die Hände der sogenannten „Anwerber" (runner) ausgeliefert, äusserlich mit dem Auftrage, sie in ihr Heimatsland zurückzuschicken. In Wirklichkeit wird dem Auswanderer von. dem Anwerber mitgeteilt, dass er zur Ueberfahrt zugelassen werden könne* wenn er mehr Geld zahlt. Er müsse sich erstens etwas anständiger kleiden und dann ein Billet 2. Klasse nehmen. Mehrere Anwerber in Havre versichern, dass diese Methode ganz sicher ist und dass nur ganz ausnahmsweise Passagiere 2. Kajüte in Amerika zurückgewiesen werden. Es scheint, dass in Havre die Zulassung zur Ueberfahrt lediglich eine Geldfrage ist. Wer genügend Geld hat, kommt hinüber, mag er gesundheitlich auch noch so wenig dazu geeignet sein. Dr. Fishberg geht dann ausführlich auf die Einwanderungsmassregeln in England und Belgien ein und kommt am Schlüsse

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