Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— DIE^ELT Nü.7 also: Auch Initialen, aber eigene. Heute aber verlässt jman sich auf Fremde, sie mögen uns helfen. . . S. D., S. R., K. D. — damit erschöpft sich noch '.bei weitem nicht die Liste der jüdischen Initialen. Da haben die P. P. S. (Polnische Sozial. Partei), deren Einfluss auf die jüdische Jugend in Polen und Litauen nicht gering ist. Dann wieder Z. S. (Zionisten- Sozialisten) — und die P. Z. (Poalei-Zion) aller Schattierungen und Gruppierungen. Und jede dieser Unterabteilungen hat ihr eigenes Programm, deutet auf eigene Faust Marx, hat ei«e eigene, einzige und originelle Theorie. Die Schulen von Sura und Pumbadjta oder die Anhänger von Abälard und Wilhelm von Champeaux haben sich nie so befehdet, wie die Anhänger der einzelnen SchuJen dieser „ Ismen". So viele dieser Ismen ebensoviel Kommentare zum „Kapital" und zum „Erfurter Programm". Und gar die „Ito", Initiale par excellence, die vieldeutige, vielgedeutete! Und jeden Tag treten neue Gruppen mit neuen Initialen ins jüdische Leben ein. Wer zählt die Sterne; wer kennt die Namen? Die Zeit aber macht von selbst stienge Revision, prüft sorgfältig, ob noch dieser oder jener Name, dieses oder jenes Programm, dieses oder jenes Schlagwort lebensfähig ist oder zum alten Eisen gehört. Unsere Aufgabe ist es der Zeit zu helfen. AUF DEM WEGE NACH AMERIKA Von*Dr. ARTHUR RUPPIN, Berlin Im Auftrage der Regierung der Vereinigten Staaten hat der durch seine anthropologischen Arbeiten über die «Duden bekannte New-Yorker Arzt Dr. Maurice Fishberg im Jahr 1905 die europäischen Auswanderungsländer besucht, um Material über die Gesundheitsverhältnisse der Auswanderer und ihre Behandlung in den Verschiffungshäfen zu beschaffen. Dr. Fishberg hat der Regierung über die Ergebnisse seiner Reise einen ausführlichen Bericht erstattet, der zu einem Teil in dem soeben erschienenen Jahresbericht für 1904/05 der amerikanischen Behörde für die Einwandeiungsländer abgedruckt ist. Die Mitteilungen des Fishberg'schen Berichtes beziehen sich hauptsächlich auf die nach den Vereinigten Staaten auswandernden Juden Russlands, Galiziens und Rumäniens, wie der Bericht selbst, obwohl er an sich alle Auswanderer, auch die christlichen, behandelt, sofort erkennen lässt. Dr. Fishberg hat mir seinen Bericht mit besonderem Hinweis auf die darin enthaltenen Mitteilungen über die Unzuträglichkeiten, denen die russischen und galizischen Auswanderer auf der Durchreise durch Deutschland seitens der Gendarmen und Dampfschiffsagenten ausgesetzt sind, eingesandt und daran den Wunsch geknüpft, es möchte doch etwas geschehen, um diesen Unzuträglichkeiten zu steuern. Ich glaube am besten hierzu beitragen zu können, indem ich den Bericht in seinen wesentlichen Teilen hierdurch einem grösseren Publikum bekannt mache. Fishberg schildert die Schicksale des aus Osteuropa an die deutsche Grenze gelangenden Auswanderers wie folgt: An allen Eisenbahnstationen an der deutsch-österreichischen und deutsch-russischen Grenze ist eine besondere Gendarmerieabteilung stationiert, um jeden anzuhalten, der mit der dritten oder vierten Eisenbahnklasse ankommt und seinem Aussehen nach ein Ausländer ist. Er wird darauf zu den Agenten der Dampfschifffahrtsgesellschaften gebracht, die in den „Kontrollstationen" (siehe unten) ihre Bureaus haben. Hier wird der Auswanderer einem scharfen Verhör unterworfen, was er in Deutschland zu tun hat. Gibt er vor, eine Weile in Deutschland bleiben zu wollen, so wird er zum Nachweise aufgefordert, dass er nicht der öffentlichen Armenpflege zur Last fallen wird, dass er irgend welche geordnete Beschäftigung beabsichtigt usw. Wenn er der Polizei und insbesondere dem Dampfschiffsagenten nicht befriedigende Auskunft hierüber gibt, so wird er mit dem ersten Zuge nach Russland oder Österreich zurücktransportiert. Die überwiegende Mehrheit der russischen und österreichischen Eisenbahnpassagiere dritter oder vierter Klasse geben jedoch an, dass sie Deutschland auf dem Wege nach den Vereinigten Staaten, England, Kanada, Argentinien usw. passieren wollen. Diese werden den Vertretern der Dampfschiffsgesellschaften übergeben. Die letzteren erkundigen sich in erster Linie, ob die Durchwanderer mit genügendem Gelde versehen sind, um die Überfahrtskosten zu bezahlen. Trifft dies zu, wie es bei der überwiegenden Mehrheit der Fall ist, so wird ihnen aufgegeben, sich mit Eisenbahn- und Dampfschiffsbilletten zu versehen. Nach diesen Vorbereitungen werden die Auswanderer, welche die Überfahrtskosten bezahlt haben, in das Gebäude gebracht, das sich „Kontrollstation" nennt. Hier werden sie zuerst gebadet und ihre Kleidung in einem Desinfektionsapparat desinfiziert. Jedermann ohne Unterschied des Geschlechts und Alters wird im Bade mit grüner Seife durch besondere Badewärter und Wärterinnen abgerieben. Der Arzt, welcher für die Dampfschifffahrtsgesellschaften tätig ist, ist während des Bades zugegen und prüft jeden einzelnen genau, um irgend welchen körperlichen Fehler zu entdecken. Nachdem die Auswanderer gebadet sind, wird ihnen ihre desinfizierte Kleidung zurückgegeben, und sie werden in die sogenannte „saubere Station" gebracht, wo sie bis zu ihrer Abreise nach Hamburg oder Bremen verbleiben. Jeder Auswanderer, der vom Arzt mit Trachom (Augenkrankheit) oder Favus (Kopfgrind) behaftet gefunden wird, wird von der Weiterfahrt nach Hamburg oder Bremen ausgeschlossen und angewiesen, in sein Heimatsland zurückzukehren. Weigert er sich^ so wird er dem Gendarmen überliefert, der ihn, wenn erforderlich, mit Gewalt an die Grenze bringt. (Dies ist jedoch nicht in allen Fällen von Trachom oder Favus der Fall, wie unten gezeigt werden wird.) Alle Auswanderer, welche die ärztliche Untersuchung überstanden haben, werden mit der Eisenbahn nach Hamburg oder Bremen gesandt. Hier werden sie von den Vertretern der Dampfschiffsgesellschaft in Empfang genommen und sofort in Bremen in die von den Dampfschiffahrtsgesellschaften unterhaltenen Logierhäuser, in Hamburg in die sogenannten Auswandererhallen gebracht. Dieses Gebäude liegt ausserhalb der Stadt auf einer Fläche von 25O0O Quadratmetern und ist so gelegen, dass die Auswanderer dort durch ein besonderes Schienengleis direkt ankommen und es ebenso bei der Einschiffung auf besonderem Wege verlassen, ohne überhaupt in die Stadt Hamburg hineinzukommen. Die Auswandererhallen sind in zwei Stationen geteilt, die schmutzige und die saubere Station. Die schmutzige Station ist für neue Ankömmlinge, die noch keine Kontrollstation passiert haben und nun hier dem Bade und der Desinfektion der Kleidung unterworfen werden. Die saubere Station besteht aus hübschen Schlafbaracken, Restaurants, Gotteshäusern usw., und die Auswanderer werden hier bis zur Abfahrt mit dem Dampfer nicht anders wie Gefangene behandelt. Am Tage der Abreise werden die Auswanderer wiederum ärztlich untersucht, mit besonderer Rücksicht auf Trachom und Favus. Alle diejenigen, bei denen eine ansteckende Krankheit ge-