Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No.7 DIE ^EELT 7 Eine der interessantesten Erscheinungen in diesem Prozesse ist die Konstituierung des sogenannten Rechtskomites. Ein antisemitischer Agitator, ein Redakteur des „Deutschen Volksblattes" in Wien, erschien in Polna und leitete,, mit Unterstützung des Bürger meisters, des Polizeikommisärs und anderer Gemeindefunktionäre, eine förmliche Nebenuntersuchung ein. Eine grosse Anzahl von Personen wurde protokollarisch vernommen, ihre Zahl wird bald mit 80, bald mit 180 angegeben. Die Aussagen der Zeugen werden von diesem Rechtskomitee für die Hauptverhandlung präpariert und wenn sie von den Aussagen vor dem Rechtskomite abweichen, werden letztere von dem Vertreter der Privatpartei dem Zeugen entgegengehalten, ja, einem Hauptbelastungszeugen werden von dem Rechtskomite sogar die Mittel zur Verfügung gestellt, um die Prozesse zu führen, in die er durch seine Beteiligung an dem Hilsner-Prozess verwickelt wurde. Der Unfug des Rechtskomites wurde geduldet, wahrscheinlich „wegen der Beunruhigung der breiteren Volksschichten". — Die österreichische Justiz Hess sich die unerhörten Schmähungen der Richter von Kuttenberg, ja, des damaligen Leiters des K. K. Justizministeriums Ignaz Edlen von Ruber gefallen. Der versoffene antisemitische „Volksvertreter" Schneider hat am 5. November 1904 im niederösterreichischen Landtag gesagt: „Er habe den Juden nicht nachgegeben und es dem Minister Ruber unmöglich gemacht, den Polnaer Ritualmord und andere Ritual morde totzuschweigen.44 Der Minister nahm diese und noch gröbere Beleidigungen des Antisemiten ruhig hin und reagierte nicht. Vielleicht hatte er Grund dazu. Vielleicht fürchtete er sich vor dem parlamentarischen Hooligan. Aber hatte er das Recht, einen Menschen auszuliefern, der Wut und der Barbarei des Pöbels preiszugeben, ja noch mehr, einen schwerwiegenden Präzedenzfall zu schaffen? Hier handelte es sich nicht um einen einfachen, „gemeinen" Mord. Ritualmord — hiess die Anklage. Das ist nicht mehr die Anklage gegen ein Individuum, sondern gegen ein ganzes Volk. Wieviel Blut hat uns schon nicht dieses blödeste und grausamste aller Blutmärchen gekostet! Vor Polna-Xanten und Tisza-Eszlar, nach Polna-Konitz. Päpste haben bereits Bullen erlassen gegen dieses Blutmärchen, Regierungen scharfe Edikte veröffentlicht. Aber das Volk wusste, dass alle, Staat und Kirche, es nicht so ernst meinen und es mk den Juden nicht so genau nehmen- Das Volk ist immer brutal, glaubt an die unmöglichsten Dinge, kann unter schwerem Eide die abenteuerlichsten Aussagen machen. Der Polnaer Prozess ist eine Fundgrube für solche Kriminal-psychologische Betrachtungen. Aber unser Interesse beschränkt sich nicht darauf. Wir sind nicht in der angenehmen Lage der Beobachter, der Zuschauer. Prof. Franz Liszt deduziert aus dem Prozess ziemlich traurige Folgerungen über die Psychologie der Zeugenaussagen und deren Verlässlichkeit. Dr. Karl K r a 1 1, K. K. Oberlandesgericht-Präsident a. D. schreibt in der „Neuen Freien Presse" darüber: „Wir stehen hier vor Verurteilungen, welche die gewichtigsten Bedenken wachrufen, und da muss man sich wohl die Frage vorlegen, ob die Bestimmungen unserer Strafprozessordnung ausreichen, um der Wiederkehr solcher Fälle vorzubeugen, und wie das Verhalten unserer öffentlichen Funktionäre war, welche es ermöglichten, dass Verurteilungen auf der Grundlage von Inzichten erfolgten, welche wahrlich nicht als eine beruhigende Grundlage für einen Schuldspruch angesehen werden können.44 Er nimmt zu dieser Frage Stellung vom Standpunkte des Juristen, der die Reform des Prozessverfahrens befürwortet. Wir aber, wir, die die Betroffenen sind, wir, die unter der Ungerechtigkeit einer ganzen Welt leiden, wir müssen die Frage von einem anderen Gesichtspunkte betrachten. Wir müssen uns sagen: „Wir sind ein Häuflein und der Feinde sind Scharen." Und unsere Feinde sind Dummheit und Bosheit und Judenhass. Jedes soziale Uebel, jedes geschichtlich ererbte Geschwür nimmt auch die Formen des Antisemitismus an, infiziert uns, affiziert uns. Die alten Hoffnungen der, liberalen zerschellten an der Klippe des wirklichen Lebens. Was können wir hoffen? Gestern war es Polna, dann kam Könitz, bald war Kischinew da. Sogar Revolutionen haben eine antisemitische Facette. Wir sehen den Polnaer Prozess mit den Augen des Verläumdeten an, der an sich beinahe verzweifelt, in sich Halt und Mut sucht. Und wir sagen mit Achad-Haam: „Ist es denn möglich, dass die ganze Welt Unrecht und die Juden allein Recht haben? Gewiss ist es möglich, und die Blutlüge ist der Beweis. Hier sind die Juden so rein, wie die Engel des Himmels. Ein Jude und Blut? Gibt es denn zwei grössere Gegensätze als diese? Und dennoch!44 .. Ein halber Trost — ein schwacher Trost. Das Lamm tröstet sich, dass der Wolf, der es frisst, ungerecht ist, aber gefressen wird es dennoch! Und dennoch ... — gibt es Juden, die sich auch mit dem „halben Tröste" begnügen! Die Initialen za^reic^en Bezeichnungen und Epitheten des jüdischen Volkes würde sich noch ein Epitheton anfügen lassen: „Ein Volk der Initialen44. Kein Volk der Erde hat so gerne Abkürzungen, Initialen gebraucht wie das jüdische. In der ganzen griechischen Literatur findet man vielleicht einige Abkürzungen und auch diese waren unwesentlicher Art. Bei Juden stand die Sache anders. Sie haben die wichtigsten Wörter und Begriffe nie ganz ausgesprochen. Sie haben Gottes Namen abgekürzt und nur die Initialen ausgesprochen. Und als der Glaube an Engel und Teufel dem jüdischen Glauben einverleibt wurde, da kürzten sie auch diese neuen Benennungen ab. Der Talmud, der Sohar, die ganze mittelalterliche Literatur strotzen von Abkürzungen, Initialen (oder Rosche-Tewos, Notrikon, wie sie im hebräisch-aramäischen Idiom hiessen). Der Jude hatte einen zu raschen, nie rastenden Verstand, hatte zu wenig Zeit, um mit Ruhe und Behagen alles voll auszusprechen. Er musste vieles verheimlichen und verbarg sich hinter den „Initialen". Während der Deutsche in seiner schwerfälligen Art seine Grossen immer mit ihrem vollen, langatmigen Namen nannte, bemühte sich der Jude, die Namen der Seinigen soviel als möglich abzukürzen, zusammenzudrängen. Aus Rabbi Mosche ben Mainion, hat er Rambam gemacht, aus Moses Mendelsohn — Rambaman, aus S. D. Luzzatto, — Schadal u. s. w. Es ist natürlich eine Metapher, aber sie hat einen Kern von Wahrheit: Das ganze jüdische Leben ist eine Abkürzung. Nirgends ein volles Sichausleben, ein ruhiges, behagliches, langsames Tempo. Es wäre eine interessante Aufgabe, die Rolle und die Bedeutung all der Initialen darzustellen, die im jüdischen Leben einen Platz eingenommen haben. Es wäre vielleicht eine Kulturgeschichte des Judentums. Mit der neuen Zeit kamen neue Schlagworte ins jüdische Leben — neue Initialen. Ein jüdischer Schriftsteller, ein witziger Kopf und wohlbekannter Satiriker, Herr A. L. Lewinsky hat in einem launigen Aufsatze in der jüdischen Tageszeitung „Der Weg44 einige feine, geistvolle Bemerkungen über dieses Thema geschrieben, die wir an dieser Stelle wiedergeben möchten. Er schreibt: „Wir erinnern uns noch, wie man nach den Pogromen der achtziger Jahre ganz anders über die Sache gedacht hat. Man hat sich nicht verlassen auf Fremde, nicht gerechnet auf ,S. D.' (Sozialdemokraten), ,S. R.' (Sozialrevolutionäre), ,K. D.' (konstitionelle Demokraten) und andere „Initialen44. Man hat wohl verstanden, dass die Hilfe nur in uns allein liegt. Darum hat man den| Verein „Bilu" [[Initialen von Bes Jakow L'chu w'nelchu] geschaffen, dessen Ziel Erez-Isral war, dessen Streben dahinging, einen Weg zu finden für das jüdische Volk, einen Weg zum alten Vaterland* Damals hat [man einen zweiten Verein gegründet „Alu44 [Initialen von „Am olom l'chu bw'nelchu], urn neue Heimstätten für Juden in Amerika zu schaffen. Ihr seht