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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No.7 DIE^ELT 5 Träumer" hiess er! Und solche „Josefs" gab es viele. Leone Ebreo, der Sohn von Don Isak Abarbanel, Emanuel Romanus, M. Ch. Luzzatto — waren nur einige glänzende Sterne, die am Himmel des italienischen Judentums erschienen. Da kam das „Risorgimento", die Wiederauferstehung Italiens. Und die Ghetti leerten sich. Erst gestern verachtete Juden, „usurai", (Wucherer) „ebrei", wurden sie Staatsmänner, Anführer, Wortführer der italienischen Nation. Vor fünfzig Jahren durften die italienischen Juden noch keine öffentliche Schule besuchen. Ein Strahl der Freiheit — und aus ihren Reihen erstanden Gelehrte wie Lombroso, Ascol Massarani, D'Ancona, Fano, Luzzatti, Staatsmänner wie Daniel Manin, Musiker wie Franchetti. Welch' ein Reichtum an Kräften! An der Spitze Italiens steht jetzt ein Jude, freilich ein „evangelischer11, ihm zur Seite Luigi Luzzatti, ein Jude. Wir freuen uns und neiden nicht. Wir freuen uns, dass unser Volk so reich an innerer Kraft ist, wir neiden nicht, dass sie, die Männer des Geistes, sich anderen Völkern widmen. — Wir neiden nicht, weil wir wissen, dass wir einen unerschöpflichen Born von Geisteskraft haben, einen Jungbrunnen des Geistes...... £ Wir haben ein psychologisches Interesse an Sonnino. Es ist für uns, die Beobachter des jüdischen Wesens, von Bedeutung zu konstatieren, dass wir nicht einseitig sind, dass wir nicht bloss ein Volk der Negation sind. Marx, Lassalle, Heine waren die grossen Verneiner. Stehen denn nicht ihnen gegenüber Männer wie Disraeli, wie Luzzatti, wie Sonnino, die — grosse Konservative sind! Aber auch ihr Konservativismus trägt an sich den Zug des jüdischen Geistes, den Zug zu grossen Träumen, zur grossen Gerechtigkeit. Ein Italiener hat es einmal gesagt — die Juden sind die Apostel der Gerechtigkeit. Diesen Zug sehen wir überall, wo starke, wirkliche jüdische Charaktere auftreten, Juden ins Leben eingreifen. Apostel der Gerechtigkeit sind sie — aber nur ihrem eigenen Volke gegenüber sind sie ungerecht. Unsere grossen Brüder haben tiefes Verständnis für alles, nur nicht für uns selbst, nur nicht für ihr eigenes Volk. Und in diesem Punkte liegt unser politisches Interesse an allen politischen Ereignissen, wo Juden Protagonisten sind. Wir werfen einen Blick auf andere Völker und werden neidisch. Z. B. Polen. Auch die polnische Nation hatte bedeutende Söhne, die sich fremden Völkern zuwandten. So war es Graf Walewski, Minister des Aeussern unter Napoleon III., so war es Fürst Czartoryjski der Leiter der russischen Politik unter Alexander I Sie waren treue Diener ihres Landes, aber nicht minder treue Söhne ihres Volkes. Sie haben nie an Polen vergessen. Sie haben die Wiederherstellung Polens in ihr Programm aufgenommen. Und waren nicht die Phanarioten, die in türkischen Diensten standen^ grosse griechische Patrioten? Oder haben die reichen amerikanischen Irländer, aus deren Mitte ja auch ein Präsident der V. S. hervorgegangen ist, an das*„grüne Erintt vergessen!? — Wir hoffen nicht mehr ausschliesslich auf unsere grossen Brüder. Wir wissen, dass wir zusammen, als Nation stärker und reicher sind als sie. Aber wir denken an unserer Geschichte und sagen uns: Sind denn heutzutage Nehemias und Serubabels unmöglich? Oder schlummert vielleicht in einem unserer bedeutenden Stammesgenossen die jüdische Seele eines Chasdai-ibn-Schaprut, des Premierministers des mauritanischen Spaniens oder eines Fürsten von Naxos? Und wir fragen uns: Können wir auf diese Ingredienzien der Geschichte rechnen oder nicht? Können wir auf unsere grossen Stammesgenossen hoffen, wenn die Stunde unserer Freiheit kommen wird? — . . Jede der vielen Schweizer Universitäts- und Aus der Schweiz. Hochschulstädtc hat ihre „russische Kolonie", ihr Völkchen russisch-jüdischer Studenten und Studentinnen. „Kolonie" — das Wort ist nicht unpassend gewählt. In diesem Land, mit seinem überquellenden Reichtum an Naturschönheiten, das seine Bürger mit dem seltenen Segen eines friedlichen, behaglichen Lebens beschenkt, in das sich alljährlich ein Strom der Reichsten aller Länder ergiesst, die zu frohem Geniessen, zu ruhigem Beschauen hierherkommen — in diesem Lande, von seinen freien Hintergründen, seinen freien Menschen, heben sich die seltsamen Gestalten der jungen östlichen Juden ab wie ein kontrastierender Farbenton, den eine bizarre Künstlerlaune mitten in ein Gemälde gesetzt hat. Hier die meist kraftstrotzenden Gestalten der Schweizer, die mit weitausholenden festen Schritten den Boden, ihren Boden, treten, mit ihren einfachen und oft sehr engen Interessen, ihren unkomplizierten Leiden und Freuden, sieher, ruhig, gleichmütig, ob es nun Bauern oder Kaufleute, Politiker oder Studenten sind. Dort die schmächtigen, ärmlichen, äusserlich häufig vernachlässigten Juden, mit ihren hastigen Bewegungen, nervösen Gesten, mit ihren blassen, schwermütigen Gesichtern, in denen immer der Gedanke arbeitet. Ein Schweizer Student, ein jüdischer Student — sieht man sie nebeneinander, man möchte sie direkt als Typen festhalten, des bequemen, wohlbegrenzten Konservativismus einerseits, des unstäten, schrankenlosen Vorwärtsdringens andererseits. Die russisch-jüdischen Studenten sind der Schweiz dankbar für die Gastfreundschaft, die sie ihnen gewährt. Sie hängen an dem Lande mit einer rührenden Liebe. Unisoni ehr, als sie hier soviel finden, was ihnen im Geburtslande verwehrt ist: Luft, Licht, Schönheit, Wissen und — Freiheit. Besonders Freiheit. Und da mag es manchmal geschehen, dass die jüdischen Studenten die Freiheit we'ter ausnützen, als es das Land mit den Rütli-Traditionen seinen Gästen verstatten will. Man sieht sie in manchen Städten öffentlich mehr, als es sein sollte. Manche beschränken ihren inneren Drang nach Aussprache, nach Demonstration, der teilweise aus der aufgespeicherten zornigen Empörung, aus dem ruhelosen Willen nach Befreiung geboren ist, nicht auf die eigenen Versammlungen, beschränken auch ihre politischen Aspirationen nicht immer auf ihre russisch-jüdischen Interessen, sie treiben dann und wann auch Schweizer Politik, beteiligen sich an sozialistischen Umzügen, an Manifestationen" u., s. w., und werden dabei, eben weil sie eine so exotische Erscheinung bilden — gleichermassen von Freund und Feind „bemerkt". Das und die forcierte Lebhaftigkeit ihres eigenen politischen Getriebes, das mitunter über die Grenzen des gebotenen Taktes hinausgeht, ist aber auch alles, was ein objektiver Beobachter der Kolonien zum Vorwurf machen kann. Dafür giebt es hervorragend sympathische Züge an ihnen, die man unmöglich übersehen kann: Ihre Anspruchlosigkeit, hinter der sich oft etwas weit grösseres, das stille Heldentum: Darbender, Hungernder verbirgt, ihr Idealismus, ihre Hingabe an soziale Interessen, der fast absolute Mangel an dem bei jungen Leuten sonst so häufig auftretenden Karrierismus, und nicht zuletzt1 ein Wissensdrang, der umso schätzenswerter ist, je ärmer, je schwächer, je weniger vorgebildet diese Menschen sind. So wird kaum ein gerecht Urteilender bestreiten können, dass die russisch-jüdischen Akademiker einen der besten Einschläge in den^jnternationalen Gemeinden der Schweizer Hochschulen darstellen. Und es kommt dazu, dass ohne sie an manchen Hochschulen der Hörerstand auch : nicht entfernt ausgefüllt wäre, und des^Weiteren, dass sie trotz ihres durchschnittlich sehr bescheidenen VerbrauchSji'doch — weil es sich um Tausende von Hörern handelt —«für die akademischen Anstalten und für das kleine Erwerbsleben in den Schweizer Städten auch eine gewisse ökonomische Bedeutung haben. Geeen diese russisch-jüdischen Studenten ist mit einemmal, zuerst unter deutschem Einfluss, der Schweizer Antisemitismus mobil gemacht worden. Allerdings, zwischen den russisch-jüdischen und den Schweizer Studenten gibt es nur wenig Verwandtes, kaum vereinzelte Berührungspunkte. Sie bewegen sich gesellschaftlich, politisch, ökonomisch in verschiedenen Lebenssphären. Aber dementsprechend gibt es auch wenig Reibungsflächen. Eine ökonomische Konkur-

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