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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DJ E ME LT No.7 tretern dieser Korporationen Rücksprache zu pflegen. Sie täuschen sich jetzt nicht mehr darüber, dass aller Voraussicht nach, eine Massenauswanderung von unübersehbarem Umfange zu erwarten ist. Sollen ja doch sogar schon manche von den Unterzeichnern des sogen. Rothschildmanifestes ihre öffentlich ausgesprochene Meinung, dass die Frage der russischen Juden nur in Russland zu lösen sei, angesichts der neuen Pogrome und der elementaren unaufhaltsamen Emigration bedeutend revidiert haben! Aber die Vertreter der Hilfsorganisationen sind der Ansicht, dass die Kraft und Gebewilligkeit der westeuropäischen und amerikanischen jüdischen Philanthropen erschöpft sei. Sie sei höchstens im Momente der erschütternden Katastrophen grosser Anspannungen fähig. Man bemerkt also den ungeheuren Notstand, man ermisst seinen Umfang, aber man sieht keine Möglichkeit, ihn zu beheben, ihn zu lindern — und verharrt angesichts des Dilemmas ratlos, tatlos. In diesem resignierten Stehenbleiben, in dieser Halbheit steckt Methode. Dieser Methode stellen wir nnsere zionistische entgegen, die des Vorausschauens, Vorausbauens. Es ist höchste Zeit, dass sie auch auf die katastrophalen Ereignisse des Augenblicks angewendet werde. Die Juden aller Welt müssen endlich die Pflicht erkennen, sich für Katastrophen zu rüsten, die sie herankommen sehen. Es könnte sich sonst das Schauspiel wiederholen, das wir am Krassesten anlässlich der grossen Juden- Emigration aus Rumänien vor Augen hatten, als trotz aller Voraussagen die Hilfsorganisationen von dem Massenstrom überrascht wurden und ganz versagten. Es giebt jetzt eine Möglichkeit, noch manches Versäumte gutzumachen. Die Kommission, die die Brüsseler Konferenz eingesetzt hat, wird zweifellos mit Rücksicht auf die bedrohliche Situation der Juden in Russland, im Hinblick auf die anschwellende Emigration, so schnell als möglich die geplante Gesamtorganisation herbeizuführen suchen. Gelingt das, so wird abgesehen von anderen Hilfsmassnahmen, von denen wir heute nicht sprechen wollen, zweifellos als eine der ersten Fragen vor dieser Organisation die der Schaffung eines Fonds stehen müssen, der der Emigration zur Seite stehen soll. Die öfters gegebene Anregung, Gemeinden, wohltätige Vereine, (deren Zahl ausserordentlich gross ist) und Private durch eine systematische Aktion für einen solchen Fonds heranzuziehen, könnte bei dem moralischen Gewicht eine Gesamtreoräsentanz und bei dem praktischen Zusammenwirken aller sich endlich verwirklichen lassen. Vor allem aber dürfen sich die Organisationen, die tatsächlich über Mittel verfügen, in dieser ausserordentlich kritischen Zeit nicht stillschweigend mit der Erklärung der geldarmen Organisationen decken - - wenn sie nicht ihr ganzes Prestige einbüssen wollen. Selbstverständlich, dass daneben auch für Unterstützung der Emigranten durch Auskunftsstellen in Russland, durch ein grossangelegtes Informationssystem in den Immigrationsländern viel getan werden kann. Aber getan muss werden. POLITISCHE REVUE Sonnino. Baron Sidney Sonnino — Premierminister von Italien! Diese Nachricht durchflog vor einigen Tagen die ganze Welt, bildete den Stoff zu politischen Betrachtungen, Kombinationen — und Kannegiessereien. Für Italien war es ein Ereignis, eine wirkliche Krise, eine Wendung. Es war nicht etwa eine Krise der gewöhnlichen Art, die durch Neid und Ministersehnsucht mancher Deputierten, die glaubten, ihre Stunde schlagen zu hören, hervorgerufen werde. Für die Italiener war es schliesslich gleichgiltig, ob Giolitti oder Fortis oder Marcora regierte. Man kannte die Musikanten, man kannte auch ihre Weise. Aber — Sonnino! Da horchte Italien und mit ihm ganz Europa auf. Das ist etwas Anderes, etwas Neues! Es ist nicht nur ein neuer Premierminister, es ist ein neues System, das ans Ruder kommt. Sonnino! Und dem Italiener kamen gleich die Reaktionszeiten von Pelloux-Sonnino ins Gedächtnis! Sonnino, heisst die Herrschaft des Konservativismus, der Reaktion, die Wiederkehr der Politik von 1898. — Sonnino! Das war der Teufel an der Wand der italienischen Demokratie. — Wir wollen uns natürlich nicht mit italienischer Politik beschäftigen. Und auch Sonnino's politisches Programm ist uns gleichgiltig. Aber er hat für uns ein anderes Interesse, ein psychologisches und — auch ein politisches .... Baron Sidney Sonnino ist ein Jude. Ein getaufter, „evangelischer" — aber das bischen evangelisches Taufwasser hat doch den Juden in ihm nicht weggewaschen. Sohn eines Juden aus Florenz, der nach Alexandrien sich begab und ein sehr grosses Vermögen erwarb. Seine Mutter aus England gebürtig. Der Vater ein Florentiner Jude, die Mutter eine Englische, der Sohn geboren in Aegypten — und Lenker der Geschicke Italiens. Ist es nicht eine eigentümliche, höchst merkwürdige Erscheinung? Ist es nicht eines von den Phantasmen des jüdischen Lebens, des reichen, verzweigten, die ganze Welt umfassenden, nicht zu erfassenden? In Rom, der ewigen Stadt, in „Roma la Terza", in Rom, das seinen Fuss setzte auf den Namen Judä'as und es zerdrückte — in Rom, der Hochburg der „Ghetti" — sitzt im „Palazzo Firenze" ein Jude, sitzt im „Palazzo Madama" ein Jude! Wenn wir durch die Strassen von Rom, Florenz, Venedig, Ancona, Livorno wandeln, so verirren wir uns oft in enge, dunkle Gässchen, wo die Sonne nie scheint, wo der blaue rlimmel Italiens nie sichtbar ist. Man sieht an den alten Mauern, dass hier Elend und Not und Trauer wohnten. Ein italienischer Schriftsteller, Ercole Natali, hat einmal diesen Gässchen ein Buch gewidmet — das waren die „Ghettiu. In Rom und in Livorno wohnen auch heutzutage Juden, arme, elende Lumpenhändler. . . . Italien war seit jeher tolerant gegen seine Juden. Tolerant, insoferne ein Kirchenstaat und ein Feodalland, das das frühere Italien war, es überhaupt sein konnte. Es hat die Juden nicht allzusehr molestiert. Aber eingesperrt hat es sie, in dumpfe Löcher, in enge Gässchen. Und diese Gassen waren vor der übrigen Welt, vor der lachenden Sonne mit eisernen Riegeln versperrt. Wie sie sich nach dem Sonnenlicht sehnten, die armen Ghettojuden! Zangwill hat uns in einer schönen Novellette die Seele eines italienischen Ghettojünglings vor Augen geführt. „Josef der

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