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Die Welt · 1906-02-16 · 7 (16.2.1906) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEIN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — - REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK.----- X. JAHRG. KÖLN, 16. Februar 1906 plinS ibnn"* toa»"x"3 Nr. 7. UNAUFSCHIEBBARE FRAGEN Vergebens warten wir von Tag zu Tag auf eine Klärung der Dinge in Russland. Revolution und Kontrerevolution stehen sich noch immer, mit wechselnden Erfolgen, Aug in Aug gegenüber. Hier hat die Reaktion oder die Militärgewalt die Aufständischen niedergeworfen, dort flammt plötzlich wieder die Revolution auf. Und die Regierung erklärt, dass sie entschlossen sei, zunächst Ruhe im Lande zu schaffen, um dann die Duma einzuberufen. Eine beklemmende, gewitterschwere Situation. Wer denkt in diesen Zeiten an die Juden? Nicht nur, dass sie seit dem Oktobermanifest keinerlei Rechte erhielten, nicht nur, dass sich niemand darum kümmert, dass man die wenn auch kärglichen Rechte der Oktober- Konstitution auf sie erstreckt, — jede Bewegung, sei es ein Vorstoss der Revolution, sei es ein Rückstoss der Kontrerevolution, erschüttert mit furchtbarer Wucht die ohnehin verzweifelte jüdische Position. Und immer hinter ihnen, vor ihnen der entsetzliche Schrecken der Pogrome. Und dazu das unbeschreibliche ökonomische Elend, das sich im Verhältnisse zur allgemein-russischen wirtschaftlichen -Depression bei ihnen noch ins Vielfache steigert. Es ist nichts als eine Selbstverständlichkeit, wenn Hunderttausenden von Juden jetzt nur der eine Wunsch auf der Seele brennt: Fort von Russland! Wenn sich nicht alle Kenner der Sachlage irren, so werden wir im Frühjahre vor einer jüdischen Massen- Emigration ohnegleichen stehen. Was ist da zu tun? Diese Frage stand bekanntlich auch vor der Brüsseler Konferenz. Sie ist dort nur prinzipiell erörtert, aber nicht den akuten Bedürfnissen entsprechend erledigt worden. Gewiss war einer der Gründe dafür der, dass man für die Erledigung der Emigrations- sowie für andere jüdische Notfragen zunächst eine Kooperationsbasis schaffen wollte. Jedenfalls — das Problem wartet noch auf seine Lösung, sagen wir besser, da von einer „Lösung1' kaum gesprochen werden kann, auf eine leidlich befriedigende Beantwortung durch die Tat. Die Zionisten erklärten in Brüssel mit Recht, dass sie im Zionismus eine Antwort auf das Problem erblicken, aber nicht für heute und morgen. Die Besiedelung von Palästina und seinen Nebenländern — so sehr sie auch, wie wir jüngst ausführten, schon jetzt für wirtschaftlich stärkere Volkselemente in Betracht kommt, so sehr sie eine unaufschiebbare nationale Arbeit darstellt — für die grossen mittellosen Massen ist sie im wesentlichen eine Versicherung für spätere Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Wenn Zangwill heute an die russischen Juden ein Sendschreiben schickt, in dem er sagt: Wir bieten Euch an, in eine Wüste zu gehen und daraus einen blühenden Rosengarten zu machen, — so kann er, wie er das ja auch in den Uganda-Diskussionen betonte, höchstens an eine kleine Elite gedacht haben, die einen gewaltigen Kampf mit der Wüste führen muss, einen Kampf langer Jahre, ehe sie ein Stück erobert, ehe sie diesem Stück die erste Frucht entlockt hat. Aber die grosse Hilfe — die Transportierung, die sofortige Versorgung der Emigranten an ihren neuen Wohnplätzen mit Brot, mit Arbeitsgelegenheit, Erwerbsmöglichkeiten, — für sie muss noch erst gesorgt werden. Die in Brüssel vertretenen Hilfsorganisationen haben erklärt, dass sie die Emigration Mittelloser nicht unterstützen können. Die Konferenz hat diese Erklärung zur Kenntnis genommen. Das sollte aber nicht heissen, dass für sie damit die Frage aus der Welt geschafft war. Im Gegenteil, die heftige Diskussion gerade bei diesem Punkt war ein Beweis dafür, dass diese Stellungnahme der Hilfsorganisationen das Problem erst recht zu einem brennenden gestaltet. Ihre Erklärung war eine peinliche, zumal sie eine Warnung an die Emigranten in sich schloss, die vom Standpunkte der mittellosen Hilfsorganisationen vielleicht gerechtfertigt war, die aber den mittellosen Emigranten, dem Zwange der Tatsachen gegenüber nichts ist als ein leeres Wort. Sind sich die Hilfsorganisationen, die in Brüssel vertreten waren, darüber im Unklaren? Wir hatten Gelegenheit, mit hervorragenden Ver-

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