Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316193--47791-3342692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
18 DIEMEELT -No. 6 CSß C® FEUILLETON §?£ %o JAKOB GORDIN (New-York): „DAS GELD" DRAMA IN 4 AKTEN AUS DEM JUEDISCHEN. (Fortsetzung) DRITTER AKT. Ein noch reicher ausgestatteter Salon in Merscheids Wohnung. Blumen, Portieren. Es ist Nacht Aaf dem Tische brennende Lampen. In der Ecke eine eiserne Kasse. Masik svzt an der Kasse, zählt grosse Geldsummen. Leiser geht auf und ab im Zimmer, murmelt ungeduldig vor sich hin. Leiser: Merkwürdig, plag Dich, soviel Du willst! Noch einmal: Achme. Bachrne, Cachme, Dachme . . {ruft in die Türe hinein): He, Du dort, schneller! Hast nicht gehört, was Reb Uriel geheissen hat? {Ein jüdischer Diener bringt eine Flasche Wein und zwei Gläser) Also, wo halt' ich? Hachme, Jachme . . . Masik: Masik {schenkt Wein ein): Ihr werdet doch etwas Leiser: davon nehmen. Ich hab' Euch gern, wenn Ihr ein Räuschlein habt! Leiser: Erst noch viel gefragt, ob ein Trunk mir behagt! {Leert das ganze Glas.) Reb Uriel, hört, ich quäl' mich schon zwei Tage, um einen Reim zu finden auf den Namen Chatzkel Drachme, und es geht nicht. Ich nehm' das ganze Alphabet her, A, B, aber es geht nicht. Eure Gesundheit! {Trinkt wieder) Masik: Ja, bei Chatzkel Drachme will sich's nicht reimen. Hahaha! Setzt Fuch, Reb Leiser. Lasst uns trinken und ein wenig plaudern! {Leiser setzt sich. Masik schlürft langsam aus seinem Glase) Wie alt seid Ihr eigentlich? Leiser {trinkt): Schon hinübergerollt über die Siebzig! Reb Uriel, ich hab' Euch was fragen wollen: Wann wird eigentlich Herscheie kommen? Masik: Vielleicht heute, vielleicht in ein paar Tagen. Euch ist wohl bang nach ihm, und ihm ist Frei de: bang nach seinem jungen Frauchen. Leiser: Mög' ich sein so krank, wie ich nach ihm Masik: bang'! Ich fühl' mich erst zuhaus, wenn er ist aus dem Haus! Eure Gesundheit! {Trinkt) Eine merkwürdige Sache! Das ganze Alphabet vorgenommen und kein Reim zu finden! Pachme, Rachme ... Frei de Masik {versonnen): Da hast Du einen Menschen, Gottes Ebenbild! Ueber ziebzig Jahre — und was ist er? Wozu hat er gelebt? Was hat er ausgerichtet und was weiss er mehr als ein Tier? Hahaha! Zerbricht sich den Kopf, um einen Reim zu finden auf Drachme! Masik: Und so zerbrechen sich die meisten Menschen ihr Lebenlang den Kopf um einen Reim, bis der Tod kommt und sagt: Genug, göttlicher Badchen! Genug mit der Reimerei! Trinkt, Reb Leiser! Einen guten Schluck aus dem vollen Krug! Haha! Leiser: Reb Leiser trinkt wie ein Kaiser! . . . {Trinkt) Ihr lacht über meine Reime. Hört, ich will Euch was ins Ohr sagen: Ihr seid, nichts für ungut, ein Landbriefträger! Wenn einem Kind zum Beispiel sein Bäuchlein weh tut, so gibt man ihm ein Spielzeug. Meint ihr, das Spielzeug nimmt das Bauchweh fort? Keine Spur! Aber das Kind spielt und vergisst für eine Weile, was in seinem Bäuchlein vorgeht. Geliebter Reb Uriel, jedem Menschen tut irgendwo etwas weh. Ihr seid ein feiner Herr, so ergötzt Ihr Euch an einem besseren Spielzeug, ein anderer spielt mit etwas anderem — ich spiel' mit Reimen. 'S ist aber nur, weil mir was weh tut. {Singt): Einen guten Schluck aus dem vollen Krug! Bauchweh habt Ihr! Haha, nicht übel! Ihr fragt: Was ist Leiser Badchen mehr als ein Tier? He, Leiser Badchen kann ein Tier sein, aber ein Tier kann kein Badchen sein. Man muss sich drauf verstehn! Ihr fragt: Was ist Leiser Badchen? Er ist ein Mensch mit einer Seele wie alle Menschen. Er ist ein Jud', und ein Jude hat einen guten Kopf und einen guten Verstand. Ihr meint, Ihr seid gescheid, weil Ihr lacht, wenn's Euch Spass macht, und weint, wenn Euch der Jammer packt. Ich bin stärker als Ihr: Ich lach' und witzle, wenn ich weinen will, wenn mir das Herz im Leib zerspringt, und kein Mensch weiss es. 'S ist ja wahr: Was ist mir von meinem ganzen Leben geblieben, und was hab ich hier in dieser grossen, reichen Stube? Eh — einen guten Schluck! {Freide tritt ein) Pst, ich will Euch was sagen: Ich werd' noch eine Flasche für Euch bestellen. {Ab) Ist kein Brief gekommen, Reb Uriel? (Geht zum Spiegel). Nein, ich mein', Reb Herscheie wird heut' selbst kommen. Freide, erlaubt mir, Euch zu sagen, dass Ihr's gar nicht nötig habt, Euch vor den Spiegel zu stellen. Ihr seid zu schön für das kalte Glas. {traurig): Ich schau' in den Spiegel schon aus Gewohnheit, weil ich die ganze letzte Zeit nichts zu tun habe und nur mit mir beschäftigt bin. Meint Ihr nicht auch, Reb Uriel, dass das Leben langweilig und traurig ist? Das Leben ist ein schöner Garten voller Fruchtbäume. Über den Köpfen der Menschen hängen Früchte der Lust und der Freude. Aber der Mensch will sich nicht in die Höhe strecken, um diese Früchte zu erreichen, pflückt nur ein paar grüne Blättlein von den Bäumen, kaut sie und klagt nachher, dass das Lebeu nicht schmackhaft ist. Haha! Blätter kauen ist