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Die Welt · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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16 DIEMELT No.6 mir die höfl. Erklärung, dass diese Sammlung meinen Intentionen nicht entspricht. Möge daher die g. Redaktion die gesammelten Gelder den edlen Spendern für anderweitige Zwecke zur Verfügung stellen. Wollen Sie gütigst von meiner Erklärung in Ihrem g. Blatte Notiz nehmen, wofür ich Ihnen besonders danke. Erklärung. In Tiberias treibt ein junger Mann Namens Jakob Israel Perez als Fälscher schrecklichster Art sein Unwesen, indem er nicht allein tausende von Bettelbriefen unter verschiedenen fingierten Namen in die Welt hinausfliegen lässt, sondern auch aus eigener Machtvollkommenheit bald zum Oberrabbiner von Tiberias, bald zum Rektor einer dortigen Hochschule sich ernennt. In neuester Zeit hat er, wie das ehrwürdige Rabbinat zu Tiberias mir mitteilt, die zahlreichen handschriftlichen und gedruckten Arbeiten des Rabbiner Dav. Scheffmarin insofern sich zu eigen gemacht, als er alle verfasst zu haben behauptet. Unter diesen Arbfiten befindet sich eine grössere Abhandlung über meinen Tossef takommentar zu Serai'm. Der Chacham Baschi Aron Elbradef stellt nun das Ersuchen an mich, auch meinerseits den Fälscher zu brandmarken: Ich entspreche an dem Ersuchen, indem ich erkläre, die gewisse Abhandlung von ihrem Autor, Herrn Rabbiner Scheffmann im Januar 1901 in Karlsruhe erhalten zu haben. Seitdem sind iat i;> Jahre dahingegangen; der 18jährige Jakob Israel Perez hätte sie demnach in seinem 3. Lebensjahr verlebt. Vor diesem Wundertäter sei hiermit Jedermann gewarnt. Wien, den 4. Februar 1906. Prof. Dr. Schwarz. AUS DER BEWEGUNG Wien. Am 30. Januar d.J fand im grossen Saale des „Hotel Postu eine überaus stark besuchte konstituierende Generalversammlung des neuen „Zion. Zentral-Verein in Wien" statt. In einer sachlichen und gediegenen Rede setzte der Referent, Herr Fakrikant Adolf Böhm auseinander, dass bei der Zersplitterung, welche die bisherige Agitation mit sich gebracht habe, die Gründung eines Zentral-Vereines dringend notwendig gewesen sei. Er entwickelte die Grundlagen des Zionismus, zeigte, dass die Assimilation Schiffbruch gelitten habe, dass die blosse Wohltätigkeit kein Prinzip der jüdischen Politik abgeben könne und sprach in warmen Worten für Palästina, wobei er den Territorialismus heftig bekämpfte. Nach einer ausführlichen Besprechung der Organisation, der Colonial-Bank und des National-Fonds sagte er, dass der Zionismus nichts anderes sei, als der Wille des jüdischen Volkes, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Der Verein konstituierte sich sofort mit einigen hundert Mitgliedern und wählte folgende Herren in den Vorstand: Dr. J. Margulies — Obmann, Markus, Van-Young — Obmann-Stellvertreter, Böhm, Stein — Schriftführer, Lederer Kassierer, Gewitsch, Dr. Gottlieb, Dr. Littmann, Dr. Meisel, Dr. Weisengrün. Zuschriften und Anfragen sind zu richten an das Sekretariat des „Zion. Zentral-Verein" Wien IX, Türkenstrasse 9. Prag. Am 3. Januar fand hier eine grosse jüdischeVolksversammlung statt, auf deren Tagesordnung die Frage stand: „Die Juden und die Wahlreform". As Referent war aus Wien Herr Dr. Leopold Kahn berufen worden Weit über 700 Personen waren erschienen, die gespannt den mehr als einstündigen Ausführungen des Referenten folgten. An der Hand geschichtlicher Tatsachen "enthüllte er das Trugbild, in das den Juden die eigene Phantasie gesponnen hatte: Das Trugbild der gesetzlichen und politischen Gleichberechtigung. Diese Gleichberechtigung steht auf dem Papiere. Um den § i9 der Raatsgrundgesesetze kümmert sich keine Behörde und keine Regierung. Bei noch so niederträchtigen Feindseligkeiten, die gegen das Judentum verübt werden, haben alle Staatsanwälte Oesterreichs den § 302 plötzlich aus dem Gedächtnisse verloren. Schon an der Schwelle eines beliebigen Klosters hören die Gesetze auf zu existieren, selbst wenn "es gilt, ve< zweifelten Eltern das geraubte Kind wiederzugeben! Kommen sie mit Klagen und Beschwerden, finden die Juden statt des gesuchten Rechtes nur — blutigen Hohn . . . Denn — und hier ist der wunde Punkt — sie haben keine Vollmacht, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen, sie haben kein juristisches und politisches Mandat, das sie zur Intervention berechtigen würde, aufzuweisen. Sie müssen ihre Kinder in Schulen schicken, in denen ihnen von hämischen Lehrern Verachtung ihres Volkes und ihrer Relegion anerzogen wird. Es gibt zwar keinen Juden, der seine rechtlose Stellung nicht mit Ingrimm empfinden würde. Es gibt auch keine Eltern, die die Kränkungen, denen ihre Kinder von Jugend an ausgesetzt sind, nicht bitter fühlen würden. Aber zur erlösenden Tat haben sich die Juden noch nicht aufgerafft! Die grössten Opfer, Gut und Blut, haben die Juden ihren sich bei lohnenden Gelegenheiten sehr gönnerhaft geberdenden Wirtsvölker in Oesterreich gebracht. Aber gerade durch ihre widersinnige Selbstentmündigungspolitik haben sie den heutigen Zustand der Rechtlosigkeit heraufbeschworen. Eingesprengt in das sich gegenseitig bekämpfende Nationalitätengewirr, sind die Juden der Prügelknabe aller. Sie werden nur aufatmen können, wenn sie, ihrer eigenen Interessen eingedenk, sich selbst zu einer politischen Partei auf nationaler Grundlage zusammenschliessen. Es gibt eigentlich nur eine Partei, die mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln gegen die Einigung des Judenvolkes kämpfen wird. Die Polen, die an den Juden den so sträflich missbrauchten gefügigen Handlanger zur Unterdrückung eines Brudervolkes zu verlieren beginnen, das wohlfeile Werkzeug, das man bequem und skrupellos in die schmutzigste Ecke hätte werfen können. Auch die speziell böhmischen Verhältnisse machen es den Juden zur dringenden Pflicht, einmal sich in dem Kampfe zwischen Deutschen und Czechen passiv zu verhalten, andererseits in der nachdrücklichsten Verfechtung nur jüdischer Interessen den ihnen hier drohenden Gefahren zu begegnen. Sie werden die Feindseligkeit der einen, die die Juden irn Lager ihrer nationalen Gegner zu sehen gewohnt sind, die Spitze abbrechen, und den andern Gelegenheit geben, ihren angeblichen Liberalismus — der sich aber bisher nur in einer unausgesetzten Dupierung ihrer sich aufopfernden Bundesgenossen manifestierte — klar unr4 wahr sehen zu lassen. Es ist mit einem Worte die Anlegung eines jüdischen Katasters eine unumgängliche Notwendigkeit, da nur eine jüdische Kurie die Verfechtung jüdischer Interessen wird wahren können und wahren wollen. — Stürmischer Beifall folgten den Ausführungen des Redners. Um den grossen Eindruck zu zerstören, reizten Sozialdemokraten und Czechisch-Nationale durch unqualifizierbare Bemerkungen zu lauten Widerspruch, so dass die Versammlung angesichts der aufgeregten Simmung vom Kommissär aufgelöst wurden. Aber die Gegner hatten sich getäuscht, — die Zionisten wären nach früheren Erfahrungen auch schon für diesen Fall gerüstet, so dass sofort — es war um Mitternacht! — eine zweite Versammlung einberufen wurde, die unter starker Beteiligung im jüdischen Vereinsheim abgehalten wurde und in der Dr. Kahn die früher vorgebrachten Anwürfe glänzend widerlegte. Es würde eine Resolution angenommen, welche die Regierung auffordert zum Schutze der jüdischen Minorität dieses Rates das zur Schaffung einer jüdischen Kurie Nötige zu veranlassen. Wz. Bielitz. Herr Dr. Kadisch, Schriftsteller aus Wien, der nach Abschluss seiner fünfwöchentlichen Agitationstournee durch Mähren und Schlesien, wo er in fast 30 jüdischen Versammlungen referierte, in Bielitz einen kurzen Aufenthalt genommen hatte, sprach Samstag, 27. und Sonntag den 28. hier in drei Versammlungen: Samstag abends referierte Herr Dr. Kadisch über das Thema „Die Juden und der neue österreichische Kurs." Er beschäftigte sich mit der Frage der nationalen Autonomie der österreichischen Juden . und beleuchtete eingehend die Stellung, die die Juden anlässlich des neuen Kurses in Österreich einzunehmen haben. An den Vortrag knüpfte sich eine lebhafte und sehr interressante Debatte, an der sich die Herren Prof. Dr. Werner, Allerhand, Weiss und Dr. Blum beteiligten. Sonntag nachmittag sprach Dr. Kadisch im Kreise junger z i o n i s t i s c h e r Privatbeamten, die sich demnächst zu einem Verein zusammenschliessen'werden. Am Abend sprach der Referent in einer Versammlung des jüngst gegründeten Vereins zionistischer Handelsangestellter und Arbeiter „Poalei Zion" über „Die Aufgaben des judischen Proletariates* und erläuterte die spezifischen Aufgaben des jüdischen Proletariates. Redner trat für eine moderne von jedem Chauvinismus freie nationale und moderne Arbeit im Geiste Henry George's, Franz Oppenheimer's und Damarchke's ein. * Auch in der Wahlrechtsfrage fand hier am 14. Jänner im grossen Kaiserhofsaale eine Volksversammlung statt, an der gegen 800 Personen teilnahmen. Das Referat „Die Juden und die Wahlreform" erstattete Herr Dr. Kahn aus Wien. Der Referent wies an der Hand von geschichtlichem und einem reichen Tatsachenmaterial die Notwendigkeit der Schaffung einer jüdischen autonomen Kurie nach. In der folgenden Debatte sprachen sich die anwesenden Sozialdemokraten, durch deren Auftreten die Versammlung aufgelöst zu werden drohte, dagegen aus. Trotzdem nahm die Versammlung, die bis 1 Uhr währte, fast ein-

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