Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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9 14- DiE^ELT -No.6 gnädig aufgenommen und ihnen Wohnplätze in der Umgebung seiner Hauptstadt angewiesen haben. Die Juden sollen mit der Zeit einen solchen Einfluss gewonnen haben, dass die Bibelsprache während der vorchristlichen Epoche am königlichen Hofe Georgiens gebräuchlich war. Auch das Christentum soll nach denselben Dokumenten von Juden nach dem Kaukasus verpflanzt worden sein, und zwar dank den engen Beziehungen, die zwischen Mtzchet und Jerusalem bestanden haben. Regelmässig sandten die kaukasischen Juden ihre geistigen Häupter nach Jerusalem, behufs Lösung verschiedener religiöser Fragen und diese Abgesandten überbrachten dem Volke die Neuigkeiten aus dem Leben Israels in Palästina. Einer von diesen Gesandten war der Verbreiter des Christentums in Kaukasien. Unter den Georgiern ist noch jetzt die Legende von der heiligen Sidonie, der Tochter dieses Abgesandten, die Zeuge der Ereignisse am Golgatha gewesen sein soll, verbreitet. Ueberhaupt betrachteten sich die kaukasischen Bergjuden als eine Kolonie von Jerusalem. Zuerst genossen die Juden Georgiens, wie ersichtlich aus den alten Dokumenten, volle Freiheit; sie zahlten nur eine gewisse Steuer an Gold und Vieh. Aber nach der letzten Judeneinwanderung nach dem Kaukasus (im Jahre 62 nach Chr.), als Georgien von Persern, Chasaren und Mongolen überflutet war, verschlimmerte sich ihre Lage: Sie wurden Sklaven der Klöster und der Fürsten. **) Die Juden beschäftigten sich mit Ackerbau und Handwerk, aber sie waren auch als Sklaven hochgeschätzt. Der bekannte Geschichtsschreiber Georgiens, Tschit§chinadze, berichtet, dass jeder Fürst als das kostbarste Brautgeschenk für seine Töchter eine Anzahl jüdischer Sklaven betrachtete. Der berühmte Historiker Wachuschti erzählt uns vom jüdischen Kaufmann Sorobabel, dem der Abschluss des Heiratskontraktes zwischen der georgischen Königin, Tamara, und dem Sohne des russischen Grossfürsten Andrej Bogoljub anvertraut wurde. Auch Wachuschti erzählt von jüdischen Sklaven. Aber nicht alle Juden waren Sklaven; es gab auch freie Juden, die alle Rechte besassen. Das ist ungefähr alles, was wir von der Geschichte der kaukasischen Juden wissen. Bis zum XIII J^hrh. war Mtzchet ihr Zentrum, jetzt aber findet man dort keine Juden. Der grösste Teil von ihnen wurde später an das Gelater Kloster (Gouvernement Kutais) verschenkt, ein kleinerer Teil wanderte später nach Palästina aus. Die jetzt in Kutaisser Gouvernement wohnenden 4000 Juden sind eben die früheren Leibeigenen des Gelater Klosters (ausgenommen die etwa 25 aus Russland eingewanderten Familien). Der Bergjude lebt jetzt in den Dörfern und in den Aul's (Bergdörfern). In den Städten, wie Tiflis und Batum findet man sehr wenig Bergjuden. Die meisten Bergjuden sind sehr arm, waren es auch seit jeher. Noch im Anfange des XVIII. Jahrh. sind 18 Familien nach AWseille für 500 Goldiivres verkauft worden. Aber auch jetzt ist ihre Armut so gross, dass sie nicht im Stande sind, gute Schulen einzurichten. Die jüdische Religion und Sprache werden nach einer ganz primitiven Methode unterrichtet. Auf einer Steintafel werden die hebräischen Buchstaben aufgezeichnet, die etwas eigenartig ausgesprochen werden, und um den Stein herum sitzen die Kinder und lernen auf diese Weise die Lehre des Judentums! Andere Schulen gibt es nicht, weil Niemand von aussen die Initiative dazu ergreift und die russische Regierung davon nichts hören will. Erst vor zwei Jahren haben die Kutaisser Juden eine kleine Schule gegründet, die sich kaum wird halten können, wenn Hilfe von aussen ausbleibt. Während der letzten 50 Jahre haben die Bergjuden keinen Mann hervorgebracht, der ihre Interessen vertreten könnte. Während dieser 50 Jahre haben nur 2 Juden das Kutaisser Gymnasium absolvieren können. Die russische Regierung sucht mit allen Mitteln, die Juden von der Bildung fernzuhalten. Was nun die Beziehungen zwischen den Bergjuden und den russischen Juden (Aschkenazim) anbetrifft, so haben wir folgendes zu bemerken: die russichen Juden, die meistens aus halbintelligenten Elementen bestehen, verachten die Bergjuden, die sie „Stiere" nennen, wegen ihrer geringen Kultur. Diese wiederum bezeichnen die russischen Juden als Täuflinge „Meschumadim". Somit ist jede Beziehung zwischen den beiden jüdischen Gruppen **) Aus den Schriftstücken ersieht man, dass dem Mtzcheter Kloster noch dahre 1392 jüdische Leibeigene-Ackerbauer und Kaufleute — gehörten. unmöglich geworden. Als die russische Regierung die Flerrschaft über Georgien bekam, war sie ganz erstaunt über die Anwesenheit von jüdischen Leibeigenen uud Ackerbauern. Sie befreite sie von der Leibeigenschaft, aber auch vom Boden. Man hat die Juden befreit, aber nahm ihnen zugleich die Existenzmittel — den von ihnen Jahrhunderte lang bebauten Boden, den die Regierung entweder an die georgischen Fürsten verschenkte, oder an sich riss. Diese Ungerechtigkeit werden die Bergjuden nie vergessen, denn sie hatte nicht bloss Armut, sondern auch kulturellen Niedergang und Entartung zur Folge. Viele von Juden bewohnte Dörfer, — Tzchinnali, Kulaschi, Bandzo, Sudschuni, Satschino, — wurden ihnen geraubt, und die jüdische Bevölkerung wurde zu Bettlern gemacht, die zum grössten Teile nach Palästina auswanderten. Als nun zu diesen Juden die Kunde vom Zionismus gedrungen ist, als sie davon zu hören bekamen, dass die Juden in Palästina Boden bekommen werden, da herrschte unter ihnen eine unbeschreibliche Freude. Ackerbauer auf eigenem Boden! Welch' ein Glück! In der Stadt Kutais, sowie auch in anderen Städten sind auch zionistische Vereine gegründet worden, aber sie lösten sich auf, weil es an Rednern mangelte, die die georgische Sprache, die Sprache der Bergjuden, beherrschten. Die Rechtslage der Juden am Kaukasus ist eine unbestimmte. Bald fand sich ein Generalgouverneur, wie z. B. Lewaschow, der das Prinzip aufstellte, dass die Bergjuden aus dem Rechtsbegriff „russischer Jude" ausgeschaltet seien, dass sie eine besondere ethnische Gruppe darstellen und dass ihnen deshalb alle Rechte zukommen, unter anderen auch das Recht, Boden zu kaufen. Der folgende Generalgouvernetir aber, änderte die Taktik, und deshalb wagen es sogar die vermögenderen Bergjuden nicht, Boden zu kaufen. Eine ganze Reihe von Gerichtsprozessen illustrieren die unsichere Lage der Bergjuden. Deshalb sind die Juden bis auf den heutigen Tag Zinsbauern auf den Gütern der Fürsten Zeretelli, weil sie sich scheuen, Eigentümer ihres Bodens zu werden. Auch hier ist die einheimische Bevölkerung, die georgische, vom Antisemitismus angehaucht. Das Wort „Uria" bedeutet nicht bloss Jude, sondern auch Sklave. Der Georgier kann sich einen gebildeten Juden nicht vorstellen: „Der Gebildete soll sich taufen lassen". Auch hier bekamen die Juden das ihnen in Russland oft dargebrachte Geschenk in der Form von Pogromen, selbstverständlich mit Unterstützung der russishen Bureaukratie, und zwar im Jahre 1892. Jetzt hat sich die Lage geändert: Im Kampfe gegen die russische Regierung ruft der Georgier auch die Hilfe der Bergjuden an. Aber durch diese moralische Erhebung ist den Juden noch keineswegs geholfen. Sie schreien trotzdem nach Licht, nach Besserung ihrer Lage, indem sie vor allem auf ihre Brüder in Russland hoffen. Ja, Hilfe ist notwendig. Fünfzig Tausend Bergjuden erwarten sie von ihren Brüdern. Worin soll sie bestehen? Nach unserer Meinung muss sie zweifacher Art sein: materieller und geistiger Natur. Die materiele lHilfe muss darin bestehen, dass den Bergjuden die Möglichkeit gegeben werde, sich Boden zu verschaffen. Jahrhunderte lang waren sie Ackerbauer und sie wollen es auch bleiben — nicht bloss in ihrem eigenen Interesse, sondern auch im Interesse unseres jüdischen Volkes. Wir hoffen, dass die Jca, die ja den jüdischen Ackerbau begünstigen will, diesen Unglücklichen zu Hilfe eilen wird. Aber wir hoffen auch, dass das für seine nationale Rechte kämpfende russische Judentum die Bergjuden hilfreich in ihren Kulturbestrebungen unterstützen wird. Man muss dort mehrere Musterschulen einrichten, wobei die Lehrer Träger der allgemeinen und der nationaljüdischen Kultur sein müssen. Dann erst wird das kaukasische Judentum ein ebenbürtiges Mitglied der jüdischen Nation werden. Bei der jetzigen Lage aber werden sie oft gegen ihren Willen in lokale nationale Kämpfe hereingezogen, nicht bloss ohne Nutzen, sondern oft sogar zu ihrem Schaden, weil sie jetzt nicht einmal die Bedeutung dieses Kampfes begreifen. Aber wenn sie an diesem Kampfe nicht teilnehmen wollten, so würden ihnen wirtschaftlicher Boykott und furchtbare Verfolgungen drohen. Da gibt es nur einen Ausgang: man muss das nationaljüdische Selbstbewusstsein der Bergjuden heben, dann werden sie aufhören, ein Werkzeug der anderen Nationen zu sein. BENO KATELASCHWILI.