Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 6--- DIE^ELT 13 Vor kurzer Zeit haben sich viele junge Angehörige der ungarischen Gemeinde zu einem Vereine mit dem Namen „Jischuw- Erez-tiakodesch" zusammengeschlossen. Das Ziel dieses Vereines ist, die hiesigen jungen ungarischen Leute zu Bauern auf dem Boden des heiligen Landes heranzuziehen. Diese energische Jugend will erfreulicherweise keine Chaluka gemessen, die ihre Schritte zähmt und lähmt, damit sie nur ja nicht die „vier Ellen der Halacha" überschreiten. Im Gegenteil, die Mitglieder des genannten Vereins wenden sich an die reichen Juden in Ungarn, dass sie ihnen anstatt Almosen und Chaluka die Möglichkeit geben, Land zu kaufen und sich als Bauern ansässig zu machen, damit sie sich dann von ihrer -Hände Arbeitund nicht vom Bettelbrod der Chaluka ernähren können. Hoffentlich werden unsere Brüder im Auslande ihrem Hilferufe williges Gehör leihen. * * „Mucharem!" Dieses. Wort hallt jetzt wieder in den Strassen Jerusalems. Ein schmerzliches Wort, besonders für die Armen, klingt es schrill auch in die Ohren der übrigen hiesigen Juden. Ja, eine schwere Zeit ist die Mucharemzeit, die Zeit des Mietwechsels und des Wanderns von einem Hause zum anderen. Die Familie wächst, die Lebens- und Hausbedürfnisse werden immer grösser und kostspieliger; beklommen und sorgenvoll fragt mancher Haus- und Famil envater, woher er auch noch die Mittel für die stets steigende Miete nehmen soll. Mancher hat noch einen Teil des Mietgeldes vom vergangenen Jahre nicht bezahlt, und wenn er jetzt an Mucharem nicht Rückstand abzutragen und für das laufende Jahr die Miete im Voraus zu entrichten imstande ist, wird er von dem Hauseigentümer unerbittlich auf die Strasse gesetzt werden. Dieses Jahr haben sich, wie schon erwähnt, ausser den allgemeinen Zuständen auch die Mietverhältnisse durch den Zuzug russischer Auswanderer verschlimmert, da die Preise dadurch sehr in die Höhe getrieben worden sind. Wie ratsam und heilsam wäre es, wenn man die Chalukagelder zum Bau von Armenhäusern verwenden wollte, in denen die Unbemittelten vorerst zinsfrei wohnen und die sie eventuell nach und nach durch Ratenzahlungen als Eigentum erwerben könnten. Es wäre damit nicht nur den Armen, sondern auch vielen jüdischen Geschäftsleuten und Arbeitern geholfen, die auf diese Weise Beschäftigung und Verdienst fänden. Dabei aber erhebt sich die alte und täglich neue Frage: Werden die massgebenden Faktoren sich endlich einmal zu einer vernünftigen, praktischen und heilsamen Regelung der Chaluka bewegen lassen? •Das „Bet Chinuch Jwrim" macht durch die Energie der Vorsteher dieses Instituts mit jedem Jahre immer grössere Fortschritte. Dieses Blinden-Institut ist vor fünf Jahren mit sehr wenigen Mitteln von den Herren Dr. Krischewsky, A. M. Lunz und U. Natansohn gegründet worden. Seit dieser Zeit haben sich die Ausgaben immer gesteigert, da die Zahl der Zöglinge stetig zunahm, die Einnahmen aber blieben hinter den Unkosten weit zurück, zumal die Anstalt noch jung und wenig bekannt war. So lastet jetzt auf dem Institute eine drückende Schuldenlast, die es schon mit dem Untergang bedrohte. Indessen verlieren die Vorsteher nicht den Mut und arbeiten immer tüchtig weiter. Mit welchem Erfolge, davon konnten sich die Bewohner Jerusalems in erfreulicher Weise bei der diesjährigen zu Chanuka abgehaltenen Prüfung der Zöglinge überzeugen. Die Prüfung erstreckte sich über vier Chanukaabende und ergab jedesmal höchst achtungswerte Resultate. Das Orchester der armen Blinden trug schöne Lieder und Musikstücke vor, von denen das Publikum entzückt war. Ein ungefähr dreizehnjähriger blinder Junge hielt eine Anrede in wohlklingender hebräischer Sprache über die Geschichte des Chanukafestes und wurde zur Belohnung mit nicht endenwollendem Händeklatschen der Zuhörer bedacht. Kleine fünfjährige blinde Knaben und Mädchen vom Kindergarten erschienen auf der Bühne und sangen hebräische Lieder. Niemand konnte sich der Rührung, der wehmütigen und freudigen Teilnahme entziehen. Dei Prüfung aus den Schulunterrichtsgegenständen folgte eine Ausstellung und Vorführung von Handarbeiten der Blinden. Sie zeigte, dass die Zöglinge in dem abgelaufenen Jahre im Schul- und Handarbeitunterricht wesentliche Fortschritte gemacht haben. Die Übergabe des Rischoner Weinkellers an die Kolonisten, der bis heute unter der Administration der Jca gestanden hatte, findet dieser Tage statt. Somit taten unsere Pioniere den ersten und zugleich wichtigsten Schritt, der sie zur Selbständigkeit führen soll. Hoffentlich lernen sie auch bald, auf eigenen Füssen zu stehen. An unsere Gesinnungsgenossen tritt aber jetzt mehr denn je die Pflicht heran, den Verkauf unserer Weine zu fördern. Herr Ing. Wilbuschewitsch hat in Lud eine Oelfabrik errichtet, von der man sich gute Erfolge verspricht Die Herren Professor Schatz, Lilien, Rotschild und Josua Kantorowitz, die Leiter und Lehrer des „Bezalel" sind hier vorige Woche angelangt. Hazioni- DIE KAUKASISCHEN BERGJUDEN. (EIN BRIEF AUS GEORGIEN.) Das russische Judentum ist zu neuem Leben erwacht. Die zionistische Propaganda und der Kampf gegen die Rechtlosigkeit haben ein neues Judentum geschaffen. Nur in einem Winkel des russischen Reiches leben und vegetieren Tausende von Juden, die von allen vergessen sind; wir meinen die Bergjuden vom Kaukasus. Wunderbar und fast unbegreiflich ist die Geschichte der georgischen Judenschaft, dieses schon in uralten Zeiten vom Stamme losgerissenen Blattes, dass durch einen stürmischen Herbstwind zufällig in einen der verborgensten Winkel der Welt hingeschleudert wurde. In diesem Winkel des Kaukasus, in Georgien, hat der Jude die altehrwürdigen Sitten und Gebräuche in ihrer vollen Reinheit bewahrt. Es ist jetzt schwer, da das Material wenig gesammelt, uns noch nicht vollständig zur Verfügung steht, und auch das wenige nicht verarbeitet worden ist, ein ganzes Bild der geschichtlichen Entwickelung der kaukasischen Bergjuden zu geben, aber die alten Denkmäler Georgiens geben uns S.off genug, um sich davon ein klares Bild zu machen. Das ^Georgische Leben" (ein sehr altes georgisches Geschichtsdokument) erzählt uns folgendes: Im 11. Jahrhundert vor Chr. kamen nach Georgien Fremde, bis zu jener Zeit unbekannte Leute aus „Uriastani" d. i. aus Palästina. (Es handelt sich um die Judeneinwanderung aus Palästina nach der ersten Tempelzerstörung durch Nawuchodonossor. *) Wie bekannt, gehörte damals der Vorderteil Kaukasiens den Assyrern und dort fanden die jüdischen Flüchtlinge teils als Freie, teils als Sklaven Schutz gegen die Verfolgungen. Nach der Erzählung des „Georgischen Lebens" soll der damalige Georgier „Mamassachlisi" (Pater familias, der zu jener Zeit in Mtzchet (Gouvernement Tiflis) wohnte) die Juden *) In den 80er Jahren des vorigen Jahrh. wurde in Mtzchet ein Grabdenkmal mit jüdischer Inschrift vom Jahre 589 vor Chr. entdeckt.