Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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No.6 „diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege" schneller die ersehnte Professur zu erreichen. In den Jahren 1828—1856 hat ein einziger Berliner Pastor 17 Juristen und 27 Mediziner vom Judentum zum Christentum geführt. A. Ruppin meint: „In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es fast keinen bedeutenden Juden, den nicht das Taufwasser besprengt hätte." Und für die zweite Hälfte des Jahrhunderts behauptet Max Nord au: unter allen Juden, die in den letzten 30 oder 40 Jahren auf irgend einem Gebiete Ruhm oder auch nur Anerkennung erlangt haben, sei wohl kaum ein Fünftel dem Judentum treu geblieben. Die wenigsten denken wie Meno Burg, der es gern hörte, wenn man ihn den „Judenmajor'1 nannte. Als man ihm die Taufe anriet, sagte er: „Ich würde einen schlechten Tausch machen. Jetzt bin ich der einzige jüdische Major in der Armee; nach der Taufe macht man mich vielleicht zum General, aber dann bin ich — einer unter vielen!" Haben wir angesichts solcher Erscheinungen ernste Besorgnisse für die Zukunft zu liegen? Ein talmudisches Sprichwort lautet: „Armut steht Israel gut, wie rotes Zaumzeug dem Schimmel", dennoch aber wollen wir nicht hoffen, brauchen es auch trotz aller Tauten nicht zu fürchten, dass unsere Gemeinschaft der Verarmung anheimfällt — weder wirtschaftlich noch geistig. Der reiche Fond von Betriebsamkeit und geistiger Kraft, der dem jüdischen Stamme eigen ist, wird den Abgang leicht und schnell wieder ersetzen. NOTIZEN AUS JERUSALEM. Jerusalem, 28. Januar. Weit vom Getriebe der Stadt und ihren schmutzigen Gassen am Abhänge des Skopusberges gelegen, erhebt sich die bucharischjüdische Kolonie. Breite, reine, gepflasterte Strassen durchkreuzen diese Kolonie, neben deren schönen Gebäuden sich kleinere oder grössere nette Gärten befinden. Die Bewohner der Kolonie sind meistens bucharische Juden, deren Zahl hier seit zehn Jahren sich beträchtlich vergrössert hat. Anfänglich kehrten manche Einwanderer wieder nach ihrer Heimat zurück, weil sie hier keine passende Beschäftigung fanden, allein gegenwärtig nimmt der Zuzug von bucharischen Juden Von Jahr zu Jahr zu. Ungefähr vor acht Jahren kauften sie am Abhänge des Skopus ein Stück Land, auf welchem sie ihre Kolonie „Rehobot* bauten- Die hiesigen bucharischen Juden, welche meistens wohlhabend sind, leben abgesondert von den übrigen Gemeinden und mengen sich niemals in deren Angelegenheiten. Ihre schöngebauten Synagogen sind zugleich die Schulen, wo die Kinder von einem Privatlehrer (Rabbi) in Bibel und Talmud unterrichtet werden. Profane Bildung kennen die hiesigen bucharischen Juden nicht und lassen auch ihre Kinder nichts davon gemessen. Ihre Töchter wachsen fast ganz ohne jeden Unterricht auf. Während die Aschkenazim (deutsche und russische Juden), die von der „-Chaluka" leben und darum von den Fanatikern abhängig sind, ihre Söhne meistens notgedrungen in die Jeschiba schicken und sie die monotone Melodie des „Amar Abaye" singen lassen, schicken doch die meisten ihre Töchter in die Mädchenschulen und die ganz Kleinen in die Kindergärten, der drohenden Peitsche der „Chaluka" zum Trotze. Die bucharischen buntgekleideten Mädchen bleiben aber ihr Lebelang auch ohne die elementarste Bildung, obwohl ihre Väter vor bildungsfeindlichen Rabbinern und einer Einbusse der Chaluka (da sie keine beziehen) nichts zu fürchten haben. Dieser bedauernswerte Zustand erklärt sich allerdings teilweise damit, dass die bucharischen Juden, wie schon oben erwähnt wurde, in ihrer Kolonie „Rehobot" nur den Frommen mit ihrem Cheder und Jeschiba nahe und von den- Schulen und Kindergärten weit entfernt sind und auch zu geizig sind, um mit ihrem Gelde selbst eine Schule, oder einen Kindergarten in ihrer Kolonie zu eröffnen. Es gelingt^ einem schwer, von einem Bucharer für einen guten nützlichen oder nationalen Zweck eine Spende zu erhalten, für sich aber in Bezug auf Essen und Wohnung spart der Buchare nichts und muss im Verhältnis zu der übrigen Jerusalemer Judenschaft vielfach geradezu verschwenderisch genannt werden. Die Kolonie vergrössert sich durch stetigen Ankauf von Land immer mehr und damit kommt wenigstens etwas reges Leben hinein in den stillen'Gang der Dinge. Gegenwärtig herrscht hier ein reges Geschäft in Landankäufen ausserhalb der Stadt. Auf dem anzukaufenden Lande sollen Häuser gebaut und dann einzelweise zu günstigen Preisen verkauft werden. Diese Geschäftsbewegung gibt Hoffnung, dass dadurch die Stadt grösser und schöner werden wird. Die ohnehin schon beklagenswerten Jerusalemer Verhältnisse werden durch die neuen armen Ankömmlinge ..us Russland, deren Zahl sich immer mehr steigert, noch vielfach verschlimmert. Die meisten sind nur mit wenig Habe hier angelangt und haben die jüdischen Pilgerhäuser angefüllt, diejenigen aber, die dort keinen Platz mehr fanden, müssen den letzten Pfennig für ein kleines Zimmerchen hergeben, denn die Mietpreise sind durch den grossen Zustrom ungeheuer gestiegen. Der Winter hat sich diesmal gleich mit seiner ganzen Strenge eingestellt. Nachdem man bis Ende Dezember wegen Wassernot gefastet und gebetet hatte, verhüllte sich der blaue schöne Himmel Palästinas mit dichten schwarzen Wolken, der Regen ging Tage und Wochen lang in Strömen nieder und bereitete in manchen schlecht bedeckten Häusern ein unfreiwilliges Bad in den Wohnungen. Auf den Regen folgte eine empfindliche Kälte mit Schneefall und Eis, die auch den Gartengewächsen schadeten. Erfreulich ist es immerhin, dass jetzt wenigstens die Strassen wieder vom Staub und Schmutz, diesen ewigen Krankheitserzeugern des Orients, gereinigt sind. Die Touristensaison hat bereits begonnen, und man sieht schon als Zeichen dafür manche Fahnen, auf den Hotels wehen. Auch von der zu erwartenden neuen Reisegesellschaft hofft man, dass sie Leben und Verdienst in unsere Stadt bringen werde. Eine Karawane aus Algerien wird hier erwartet. Zur Feier des Weihnachts- und Neujahrsfestes sind heuer weniger Russen als gewöhnlich hier eingetroffen. * * * Der H i 1 fs v er e i n der deutschen Juden hat in diesem Semester hier eine Mädchenschule eröffnet. Der Hauptunterricht wird in der hebräischen Sprache erteilt, ausserdem wird aber auch die die deutsche Sprache gelehrt. Wir hoffen, dass auch diese Schule viel dazu beitragen wird, die hebräische Sprache unter dem jungen Geschlechte Jerusalems zu verbreiten. Derselbe Verein wird auch in kurzer Zeit in Jaffa eine Knabenschule eröffnen, worin dem Hebräischen wohl auch eine bevorzugte Stellung eingeräumt werden wird.