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Die Welt · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No.6 DIE^ELT 11 viel zu n'edrig, denn es fehlen die Kinder, welche gleich nach der Geburt von den jüdischen Eltern dem Christentum zugeführt wurden. Diese werden von der preussischen Statistik nicht als getaufte Juden, sondern als geborene Christen gezählt. Die Gesamtsumme der im 19. Jahrhundert getauften preussischen Juden wird von Willy Bambus auf 12 060, von J. de le Roi auf 13128 geschätzt. Es ist bemerkenswert, dass diese Taufen sich durchaus nicht gleichmässig auf die einzelnen Jahre verteilen, sondern in einzelnen Perioden besonders zahlreich hervortreten. Die erste Taufperiode deckt sich ungefähr mit der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. (1797-1840), während welcher in Preussen, durch Verweigerung politischer Gleichstellung und religiöser Reformen, das Missionswerk von oben herab systematisch und mit grossem Erfolge gefördert wurde. 1882 - 1840 sind jährlich im Durchschnitt 122 preussische Juden evangelisch geworden. Die zweite Taufperiode beginnt mit dem Jahre 1880, da, wo durch den Antisemitismus das Judentum gleichsam in Verruf erklärt wurde. Während noch 1875—1879 in den altpreussischen Provinzen nur 62 Juden im Jahresdurchschnitt zur Landeskirche übertraten, wurden es 1880 plötzlich 120, und die Zahl wuchs stetig bis 1888, wo sie die erschreckende Höhe von 348 erreichte. Diese Ziffer ist erfreulicherweise trotz der gestiegenen Seelenzahl bis jetzt die höchste geblieben u). Im Verhältnis zur Gesamtzahl der Juden hat sich doch immerhin nur ein geringer Prozentsatz taufen lassen. In der ersten Taufperiode sind es, bei einer Durchschnittszahl von 168 761 Juden15) etwa 0,7°'oo, d. h. 7 von zehntausend. Eine noch kleinere Zahl (5,5 von zehntausend) ergibt sich für das erste Jahrzehnt des Antisemitismus (1880—1889), wenn wir als Durchschnittszahl der jüdischen Bevölkerung — nach dem Ergebnis der Volkszählung vom 2. Dezember 1885 — 366 575 und als jährliche Durchschnittszahl der Taufen 203 annehmen. Und das sind gerade diejenigen Jahre, in welchen Judentaufen besonders en vogue waren. Überdies darf nicht ausser acht gelassen werden, dass von den Getauften durchaus nicht alle freiwillig das Christentum gewählt haben. Ein sehr grosser Teil waren Kinder, die von den Eltern zum Taufbecken gebracht wurden. Die Taufen beschränkten sich zumeist auf die grossen Städte 1G) Genaueres wissen wir über Berlin. 1811 reichte David Friedländer dem Staatskanzler v. Hardenberg ein Verzeichnis von Berliner Juden ein, die in den letzten 5—8 Jahren übergetreten waren. Es waren 32 Familien und 18 unverheiratete Männer. Friedländer bemerkte jedoch, dass ihm durchaus nicht alle bekannt geworden seien. Wenn man bedenkt, dass Berlin um das Jahr 1806, nach Friedländer, nur 405 jüdische Familien zählte, so wird man die Zahl der Getauften recht erheblich finden. „Die Berliner Juden wollen sich alle taufen lassen" schrieb am 9.'11. September 1818 Adelheid v. Rappard, geborene v. Massenbach, an ihre Schwester Albertine. „Pfuel hat zu diesem Zweck seine Badeanstalt zur Verfügung gestellt- Während der Anwesenheit des russischen Kaisers sollen die Neugetauften nach der Parade bei den Majestäten vorbeidefilieren." Das war natürlich nur ein Gerücht; man sieht aber doch daraus, was man den Berliner Juden damals zutraute. In einem Briefe, den Rahel Levin 1819 an ihren Bruder schrieb, heisst es von der Berliner Gemeinde: „Die li) Für Gesamtpreussen ist sie allerdings 1Q02 auf 413 gestiegen, 15) Zwischen 1822 und l'J40 fanden 7 Volkszählungen statt. Die angegebene Zahl ist das arithmetische Mitte1 aus den Ergebnissen dieser Zählungen (3. G. tioffmann: Sammlung kleiner Schriften, S. 353). 18) Freilich sind auch manche kleinere Städte reich damit gesegnet. So hören wir beispielsweise a. d. Jahre 1834 von Erfurt, es gäbe dort so v:ele Meschumodim, dass man damit die Gera (ein Flüsschen bei Erfurt) ausfüllen könnte (Brauns Jahrbuch, 1897, S. 32). Hälfte ist getauft". „Die Hälfte'4 bedeutet aber hier .wohl nur: sehr viele. Die Taufepidemie herrschte namentlich unter den Studierten und den mit Glücksgütern Gesegneten. Sara Levy, die edle Tochter Daniel Itzigs, eines der reichsten und geachtesten Juden der Fridericianischen Zeit, klagte: „Ich komme mir vor wie ein entlaubter Baum; alle die Meinigen um mich her sind durch ihren Übertritt zum Christentum mir doch in vieler Hinsicht fremd geworden." — 1830, als in Berlin noch keine 5000 Juden lebten, sind deren 196 bloss in der Bethlehemskirche evangelisch getauft worden. Schottische Missionare fanden 1840 in Berlin unter 8000 Juden 1000 getaufte. Pastor Kuntze, der grösste Judentäufer seiner Zeit, hat während seiner Amtsführung in Berlin (1832— 1859) 200 Juden ins Christentum befördert Pastor Da ab taufte 1882—1885 62 Juden, Pastor Bieling 1890—1898 deren 86, Paulus Cassel brachte es in einem Jahre — es war allerdings das böse Taufjahr 1888 — auf 29 Taufen. An Pastor Schultz wandten sich besonders die studierten Juden, deren er 1828—1856 an 70 taufte, darunter 27 Mediziner. 1872- 1902 sind nach dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin 2812 Judentaufen erfolgt (Jahresdurchschnitt 91). Von den 750 preussischen Judentaufen in den Jahren 1830—1836 kamen 326 auf Berlin, von den 6513 Täuflingen der Jahre 1880—1902 waren 2592 Berliner. Daher ist wohl glaublich, dass 1898 das Weihnachtsfest in Berlin unter Teilnahme von 200 Judenchristen gefeiert werden konnte. — Breslau hatte 1873—1902 115 Abtrünnige. Frankfurt a. M. verzeichnet 1891—1903 67 Austritte aus der Gemeinde. Königsberg i. Pr. 1881—1905 nur 45. — In Wien sind 1868—1904 nicht weniger als 10 289 Juden aus ihrer Religionsgemeinschaft ausgeschieden denen allerdings einige Tausend Christen gegenüberstehen, welche das Judentum angenommen haben. Auch bemerkt Herr Oberrabbiner Güdemann, dessen freundlicher Vermittlung ich diese Angabe verdanke, dass darunter viele fremde Juden waren, welche der Wiener Gemeinde gar nicht angehörten. In Budapest wurden 1896—1904 1539 Juden getauft. — Um noch einige andere Städte zu nennen, so hatte Rom, die weitaus grösste Gemeinde Italiens, während des päpstlichen Regiments 1813—1869, trotz Zwangspredigten und Katechumenenhaus, im ganzen bloss 196 Judentaufen zu verzeichnen. In Jerusalem sind von der Mission 1830- 1860 ca. 180 Seelen gewonnen worden. In der dortigen Zionskirche sollen bereits 565.Juden getauft sein..... Die Kreise, aus denen sich die Täuflinge rekrutieren, sind vorzugsweise die Spitzen der Gesellschaft, die Geld- und Geistesaristokratie: unsere unteren und mittleren Volksklassen haben sich auch im verflossenen Jahrhundert dem Liebeswerben der Mission gegenüber sehr spröde erwiesen. Ursprünglich wurde ja das Evangelium von den an Geld und Geist Armen begierig aufgenommen, jetzt aber sind es gerade die Reichen und Gelehrten, welche besondere Empfänglichkeit dafür zeigen. Maria Theresia soll einmal ihrem Kaunitz die Frage vorgelegt haben, wie sie am leichtesten die Juden fürs Christentum gewinnen könne. „Majestät," antwortete dieser, „wenn Ihr sie adelt!" Der kluge Staatskanzler hat recht gesehen. Im Sitzungssaale des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde zu Wien hängen die Bildnisse der Männer, welche einst Vertreter und Wohltäter der Gemeinde waren; ihre Nachkommen sind meist Christen. In Berlin sind aus den Itzigs Hitzigs, aus den Ephraims Ebers und Ebertys geworden; in Breslau sind die früheren Generalprivilegierten, wie sich ein Breslauer Freund auf meine Anfrage prägnant ausdrückte, sämtlich „ausgetauft"; in Königsberg ist es nicht anders. Es ist eben die alte Leier: Der Jude kann keine guten Tage vertragen. Mit unserer Aristokratie des Geistes ist es nicht besser bestellt. Wer es bis zum Rat gebracht hat, kapituliert mit seinem Gewissen und lässt sich taufen, damit der „Geheime* nicht zu lange auf sich warten lässt. So mancher Privatdozent hofft, auf

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