Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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10?ELT -No 6. ÜBER JUDENTAUFEN. Von Dr. N. Samter * In früheren Zeiten war die Taufe eines Juden ein hochwichtiges Ereignis, für welches sich die höchsten Herrschaften höchlichst interessierten und eine Ehre darein setzten, Patenschaft zu übernehmen. Im 18. Jahrhundert Hess es sich König Ludwig XV. von Frankreich nicht nehmen, bei der Taufe des Louis Levy zu assistieren1). 1823, als der russische Jude S. Meyerssohn aus Berditscheff in Berlin getauft wurde, waren drei Söhne und eine Tochter des Königs von Preussen Taufpaten, und der König selbs- Hess sich durch einen General vertreten2). Ja, noch in den 50er Jahren verschmähten es der König und die Königin von Hannover nicht, Taufpaten zu sein, alsihr Konzertdirektor Joseph Joachim Christ wurde3). Heutzutage geht dergleichen gewöhnlich ohne Sang und Klang vorüber. Aus dem Juden wird einfach der getaufte Jude, der von den Juden als Abtrünniger verachtet, von den meisten Christen auch nicht für voll angesehen wird, „denn auch Nachkommen wirklich bekehrter Juden können erst etwa von der fünften Generation ab ohne grosse Gefahr für das deutsche Volk von demselben als gleichberechtigt anerkannt werden"4). Manche freilich mögen Vorliebe für Exjuden hegen. Ein vornehmer Engländer, der zwei Bewerber um die Hand seiner Tochter hatte, von welchen der eine ein getaufter Jude war, gab diesem unbedingt den Vorzug, bloss weil er dem auserwä'hlten Volke entstammte5). Venantius Fortunatus, ein frommer Dichter des sechsten Jahrhunderts, singt: Abluitur judaeus odor baptismate divo Et nova progenies reddita surgit aquis Vincens ambrosios suavi spiramine rores Vertice perfuso chrismatis efflat odor6) (Weggespült wird der jüdische Geruch durch das heilige Taufbad, Und ein neues Geschöpf taucht aus den Fluten empor, Weit übertreffend ambrosischen Tau an lieblichem Dufte . . .) Merkwürdig, wie der Geruch doch verschieden ist! Dem Venantius duftet der getaufte Jude lieblicher als Ambrosia, Professor Schoenlein dagegen, der Leibarzt Friedrich Wilhelms IV., hat die Wissenschaft mit der Entdeckung bereichert, dass bei einem solchen Individuum trotz der Taufe „der Knoblauchsgeruch durch die Politur stets durchstinkt"7). Ich fürchte, es werden mehr Christen dem Arzte als dem Dichter beipflichten, wenn sich auch nicht alle so geschmackvoll auszudrücken verstehen. Dem sei aber, wie ihm wolle, mögen solche Leute nach Ambrosia oder nach Knoblauch duften, jedenfalls trifft Fritz Reuter den Nagel auf den Kopf, wenn er in seiner humoristischen Weise vom Getauften spottet: „Dat so'n Kirl ein ümmer vorkümmt as dat witte Blatt twischen oll un nie Testament!" .... Wie viele Juden in unserem Jahrhundert den Weg der Taufe gegangen sind, lässt sich nicht genau berechnen. Professor Heman meint: mindestens 1000008); Dalman nimmt 130 000 und an einem anderen Orte 250000 an. J. de le Roi, der die sorgfältigsten Berechnungen angestellt hat, gibt als Resultat die Zahl 224 000. *■ Aus dem VI. Kapitel des soeben erschienenen interessanten Buches von Dr. N. Samt er: „Judentaufen im 19. Jahrhundert. Berlin. Verlag von M. Poppelauer. 1906. 1) L6on Kahn: Les juifs de Paris au XVIIIe siecle, Paris 1894, pag. 122. 2) 3. de le Ro i: Die evangelische Christenheit, Bd. II, S, 154. 3) A. Moser: Joseph Joachim, Berlin 1898, S. 160. *) Kirche und Juden. Von einem Theologen. Dresden 1894, S. 47. 6) Augsburger Allgemeine Zeitung, 1846, Nr. 15, S. 114. «) Venantii Fortunati carm. V, 5, 109—112 (ed. Leo pag. 111). 7) AUg. Zeitung d. Judent., 1840, S. 516. 8) Herzogs Realencyclopädie für protest. Theologie, 2. Aufl., Bd. X. S, 114. Jährlich sollen 2500—3000 Juden getauft werden. 1870 wurde die Zahl der lebenden Judenchristen auf 20000 abgeschätzt, 1891 auf 100000, 1897, von Missionar Völter, gar auf 200 000. Einigermassen zuverlässige Angaben für längere Zeiträume existieren — abgesehen von Preu sen und Deutschland — nur für Russland. Die Zahl der zur griechisch-katholischen Kirche 1836—1897 Übergetretenen gibt der Heilige Synod auf 58582 an. Die orthodoxen Taufen für das ganze Jahrhundert sollen etwa 69 400 betragen. Namentlich verstand Zar Nikolaus I. die schwere Kunst der Judenbekehrung. In dem einen Jahre 1854 wusste er 4439 Judenseelen zu gewinnen — die höchste Jahresziffer, welche während des Jahrhunderts in irgend einer Kirche erreicht worden ist. Die beiden russischen Hauptstädte zählten in den 40er Jahren über 30000 Neuchristen; Juden durften daselbst nicht wohnen. Unter Nikolaus' Nachfolger, Alexander II., nahmen die Taufen sehr ab, 1863 waren es nur 352. Unter Alexander III. stieg mit dem Drucke auch die Zahl der Täuflinge und erreichte 1893 die Höhe von 1420. Nach einem Bericht der Alliance israelite sind namentlich in den Jahren 1882, 1887, 1890 und 1891 Tausende von Juden zur Taufe gegangen. Seitdem ist wieder ein Rückgang eingetreten. Für Österreich liegen zuverlässige Angaben nur von Übertritten zu den beiden protestantischen Kirchen vor, die als wertlos hier übergangen werden dürfen. In Ungarn haben die Taufen in stetiger Steigerung von 169 im Jahre 2897 bis auf 486 im Jahre 1901 zugenommen9). In dem Lande, wo die Gleichstellung der Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens am vollständigsten durchgeführt ist, in Frankreich, gab es sonst die wenigsten Renegaten. Ob oer Antisemitismus der letzten Jahre dort viele Bekehrungen zu wege gebracht hat, ist mir nicht bekannt. England ist das klassische Land der Judenmission. 1857 sollen bei 50000 Juden, die überhaupt das Land bewohnten, 3000 Apostaten gewesen sein 10). 1868 wurden angeblich in London allein fast ebensoviel gezählt. Nach dem, was man in einem späteren Berichte darüber liest, scheinen jedoch diese Angaben sehr übertrieben, oder die Mission ist dort gewaltig zurückgegangen. Für das ganze Jahrhundert nimmt J. de le Roi 23 500 Täuflinge an. Für Palästina werden für den Zeitraum 1849—1898 582 Judentaufen angegeben11), in Abessinien sollen 1860—1894 1470Falascha getauft sein I2). In Deutschland, für welches seit 1880 das Stuttgarter „Allgemeine Kirchenblatt für das evangelische Deutschland" die Übertritte von Juden zu den evangelischen Landeskirchen registriert, sind deren 1880—1902 (ausser Preussen) 3795 erfolgt. Für Preussen haben wir offizielle Angaben für die Jahre 1822—1840 und dann von 1875—1902. In dem ersteren Zeiträume sind 2200 Juden übergetreten 13). Die Zahl der Täuflinge 1875—1902 beträgt nach dem „Kirchlichen Gesetz- und Verordnungsblatt", redigiert im Bureau des preussischen Oberkirchenrats, 6173. Diese Angaben beziehen sich jedoch nur auf Übertritte zur evangelischen Landeskirche in den acht altpreussischen Provinzen. Für ganz Preussen gibt seit 1880 das „Kirchenblatt für das evangelische Deutschland" genaue Zahlen. Danach sind 1880—1902 6513 Juden evangelisch getauft worden. Tatsächlich sind diese Zahlen freilich 9) A. Ruppin : Die Juden der Gegenwart, Berlin 1904, S. 67. 10) 3. de le Roi: Die evangelische Christenheit, Bd. III, S. 60. U) Mitteilungen aus Justus Perthes' Geographischer Anstalt, 1902, S 46. 12) Nathanael, 1904, S. 108. 13) J. G. Holtmann : Sammlung kleiner Schriften staatswissenschaftlichen Inhalts, Berlin 1843, S. 351.