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Die Welt · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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V No. 6- 9 auch hier, auch von diesem Standpunkte aus begehen die Gegner der jüdischen Nationalautonomie einen logischen Fehler, indem sie von dem Mangeln einer einheitlichen, anerkannten Nationalsprache auf den Mangel an jeder anderen kulturellen Gemeinschaft schliessen. Bilden denn nicht die Juden in Russland oder in Galizien ein kulturelles Ganzes, haben sie denn am Ende nicht eine, wenn auch nicht gesrochene, so doch allgemein verstandene Sprache — die hebräische, und eine beinahe allgemein gesprochene — wenn auch missachtete Sprache, den Jargon? Wer wird denn im Ernste die Bluteinigkeit, die nationale Zusammengehörigkeit der Juden bestreiten wollen? „Eine Nation", sagt Renan in der oben angeführten Schrift: „ist eine grosse Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewusstsein der Opfer, die man gebracht hat und noch zu bringen bereit ist, auf die Uebereinstimmung, den klar ausgesprochenen Wunsch, das gemeinschaftliche Leben weiterzuführen." Kein Volk der Erde hat so viele und so blutige Opfer gebracht für seine Erhaltung, für sein Eigensein, wie das jüdische, — die Geschichte von Jahrtausenden ist Blutzeuge dafür, — und kein Volk kann deshalb ein grösseres Recht beanspruchen auf autonomische Selbstbestimmung, als das jüdische. Das jüdische Volk hat keine einheitliche Sprache, — es hat aber die Keime zu dieser Sprache. Eine neue, jüdische Kultur beginnt dem Boden, dem weichenden, wankenden Sumpfboden des jüdischen Lebens zu entspriessen. Haben wir Juden weniger Recht auf national-kulturelle Autonomie als die Ruthenen oder die Letten? Das werden sogar die jüdischen Assimilanten oder die Sozialdemokraten nicht behaupten wollen. Es gibt absolut keinen theoretischen Einwand gegen diese Forderung der kulturellen Autonomie, keinen Gegensatz zur Theorie der Demokratie oder der Sozialdemokratie. Im Gegenteil, die Sozialdemokratie, die die alten Fesseln des Staates zerbrechen will, sollte im Interesse der Durchführung ihrer Anschauung die Juden als Experimentsobjekte, als „Versuchskanichen" benutzen, um einmal zu zeigen, dass alle festgewurzelten Begriffe von Staat und Nation nur Wortbegiiffe sind, die von der Zeit bereits überholt worden sind. Die bürgerlichen Theoretiker, wie z. B. A. Kirch- Ii off („Zur Verständigung über die Begriffe Nation und Nationalität. Halle 1905a), bestehen auf dem Zusammenhange zwischen Land und Volk, Staat und Nation; so sagt der obengenannte Verfasser (1. c. S. 47): „Staatgebiet und Nation gehören so unlösbar zusammen, dass es allgemein üblich wurde, jenen Ausdruck für diesen zu gebrauchen." Die Theoretiker der Sozialdemokratie sollten sich von diesem Dogma befreien. Und doch stecken sie tief in dieser Anschauung. Sie waren und sind ja auch gegen den Zionismus nicht bloss, weil sie an die Existenz einer jüdischen Nationalität nicht glauben, wie sie es manchmal vorgeben, sondern weil sie sich nicht ein Volk ohne ein ihm zugehörendes Territorium denken können. Somit ist ihre Theorie von der „Selbstbestimmung" der Nationalitäten, ohne Rücksicht auf die äusseren Bedingungen, durch sie selbst widerlegt. Auch der „Bund/ die jüdische sozialdemokratische Partei, deren Grundprinzip es gerade ist, dass ein Volk für seine Existenz keiner Bodenständigkeit, keiner territorialen Umgrenzung bedarf, schlägt sich selbst ins Gesicht, indem er sich der Autonomiebewegung der Juden in Russland und Oesterreich ablehnend verhält. Etwa bloss in jüdischen Wahlkurien? Diese sind zwar eine Notwendigkeit, eine taktisch-politische Forderung, da die Juden sonst in die Klemme zwischen die verschiedenartigsten Interessen der heterogenen Völkerschaften der in Frage kommenden Länder — also Deutschen und Tschechen, Polen und Ruthenen, Letten und Deutschen u. s. w., geraten müssten und für beide Teile büssen würden. Aber eine jüdische Wahlkurie ist ein Notbehelf, ein Teil des Programms. Wie ist aber das ganze Programm beschaffen? Und ist es ausführbar? Wir möchten unserem Zweifel mit den Worten Lassalles Ausdruck geben: „Woher aber sollte dieses Rechtauf Autonomie nach Innen kommen, wie sollte es nur gedacht werden können, wenn ihm nicht zuvor das Recht auf Autonomie nach Aussen, auf freie . . . Selbstgestaltung eines Volkslebens vorausginge?" — Wie kann sich staatliche Abhängigkeit mit innerer Autonomie vertragen? Und kann denn ein Volk, das unter anderen Völkern, die es mit einer kompakten Majorität, wie mit eine n eisernen Ringe umgeben, sich frei nach innen entwickeln? Es ist eine bekannte physikalische Tatsache, dass der Kristallisationsprozess nur dann ungestört vor sich gehen kann, wenn keine Erschütterungen oder Störungen von Aussen ihn unterbrechen. Wir Juden haben uns nie ausbilden können, wir sind eben deswegen Fragmente geblieben, in. ethnischer wie in psychischer Beziehung, weil wir nie Zeit und Ruhe hatten, für uns selbst ungestört zu leben. Wir haben bereits am Beispiele der „Kahalinstitution" * gesehen, welche Entwicklung das jüdische Leben hätte durchmachen können, wenn es nicht in einem fort durch Erschütterungen von Aussen, durch Donner- oder Keulenschläge aufgerüttelt, zerbrochen wäre. Und hier erhebt sich das schwerwiegende, schwer zu beantwortende Problem: Wie sollen wir uns organisieren, hier, in unseren Wohnländern, mit möglichst grossem Erfolge und mit möglichst geringer Aufopferung unserer nationalen Kräfte? Die Antwort lautet: „Organisieren" — Wir verstehendarunterdie Arbeitder KonsolidierungderjüdischenMassen, der Nationalisierung derselben, der Einlenkung der jüdischen Strömungen in ein bestimmtes Bett. Das ist der Inhalt unseres Programms — des „AutononuV-Programms, und das ist auch der innere Grund, der uns dazu bewegt, für die nationale Autonomie einzutreten. •Das Leben wird uns zeigen, wie weit wir gehen können und was wir erreichen werden. Es ist zweifelhaft, ob es uns gelingen wird, eine wirkliche nationale Autonomie zu erlangen, schon aus dem Grunde, weil eine politische Autonomie uns in den Ländern, wo wir die Minorität bilden, nie gewährt werden wird, eine kulturelle Autonomie aber ohne politische Unterlage mehr Papierautonomie, als Wirklichkeit ist. Aber eines werden wir sicherlich erreichen — wir werden das jüdische Volk konsolidieren, es zu einem politisch geschulten, reifen Volke machen. Das sind die Grundzüge. Wir werden noch Gelegenheit haben, die Frage der Autonomiebewegung, des /Minimum- und Maximumprogramms, die Anwendung der Theorie auf die verschiedenen Verhältnisse in Russland und Oesterreich u. s. w., eingehend zu besprechen. A. Cor. Anders verhält sich die Frage, wenn man die Form der Autonomie bestimmen will. Worin soll sie sich ausdrücken? *) Vergl. „Zur Frage der Autonomie" in No. 4 der „Welt".

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