Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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die3|eelt Haltung unserer liberalen Juden gegen die jüdisch-nationalen Bestrehungen jeglicher Art. Es ist aber ein Misverständniss seitens der Liberalen, es ist ein doktrinäres Festhalten an Worten und Formeln, es ist ein Erstarren im Eis der Begriffe. Wenn wir an dieser Stelle die Frage der Autonomie der Juden auch von diesem Standpunkte beleuchte! wollen, so ist es ausdem Grunde, weil an der Hand des Gegensatzes zwischen unserer Auffassung und der liberalen das Wesen der Frage uns klarer werden wird- Es ist vielleicht ein Kampf mit Windmühlen, denn die liberale Partei hat jetzt jede Macht und jedes Ansehen verloren, besonders aber die liberale Judenheit. Aber wir wollen das Wort „liberal" nicht in seiner engen Rai teiLedeutung fassen. „Liberal*' ist ein genereller Begriff, ein überparteilicher. Aber weil er zu allgemein ist, weil er bloss ein SJiema. eine „Methode" ist, kann dieser Begriff sich nur in andere; beschränkteren, aber dafür auch be~ sti . nHeren und klareren Formen verkörpern. Und eine diese1* Formen ist dh* Demokratie, der die Weit gehört, die Gegen wa;t und die Zukunft. Die Demokratie vcrhä't sich zum Eiben» lismus, wie das Deuteronomium zum Dekalog, sie ist die Er Weiterung, der Kommentar derselben. „Gleiches Recht für Alle" — sagt der Hihe! des Liberalismus, „/.lies übrige lerne von selbst'1 Und was ist dieses „alles übrige"? Diese Erweiterung i.nd Erlau erung bietet uns das Programm der Demokratie. Während der Eibe;a.ismus vorn Einzelnen, vom Menschen an sich spricht, dehnt die Demokratie ihre heg: iffsphäre auch auf Völker und Gemeinschaft-n aus. Und sie gelangt zum Prinzip der Nationalität, des freien Volkstums. Was heisst Nationalität? Eine Gemeinschaft von Menschen, die!rei, muh eigenem Willen, nach eigener Bestimmung leben will. „„Die Existenz einer Nation," sagte einmal Re; an, „ist ein Tag >ür Tag fortgesetztes Plebiszit" (Renan". Qu'est ce qu'une nation? Paris 1882). Es ist natürlich eine paradoxale und einseitige Behauptimg. Nicht bloss weil ein Volk wiii, lebt es, sondern weil es muss. Ein Individuum kann mit seinem Leben schalten und v/alten, ein Volk hat keinen Willen über sich selbst. Aber eines ist sicher, je entwickelter ein Volk ist, je höher, gebildeter, reifer die einzelnen Individuen, die Bestandteile desselben sind, um so eher kann man von einer freien, bewusst nach Unabhängigkeit strebenden Nation sprechen. Fichte hat es einmal in seiner klassischen, lapidaren Sprache gesagt: „Es muss ein Gesetz geben, bis zu welcher Stufe der Bildung sich Alenschen nicht mehr zu einem neuen Vo ke gestalten!..... Wenn das Volk sein schon in ihr naturliches Sein und Bewusstsein eingegangen." — Wenn das Volk einmal diese Stufe erreicht hat, so wäre jede Vergewaltigung seiner nationalen Eigenheit auch eine Vergewaltigung der Prinzipien der Freiheit, der Demokratie. Demokratie und nationale Entwickelung sind unzertrennlich. Das hat uns schon vor ungefähr einem halben Jahrhundert der Grossmeister der europäischen Demokratie, Ferdinand L a s s a 11 e, gesagt: „Wie sehr man auch über den speziellen Inhalt des Begriffs der Demokratie auseinandergehen möge," sagt er („Der italienische Krieg") „da hinein werden sich alle demokratischen Fraktionen vereinen, dass dieser Begriff auf einen allgemeinsten Ausdruck reduziert, nichts anderes bedeutet als: Autonomie, Selbstgesetzgebung des Volkes nach Innen..... Das Prinzip der freien unabhängigen Nationalitäten ist also die Basis und die Quelle, die Mutter und die Wurzel der Demokratie überhaupt. Die Demokratie kann nicht das Prinzip der Nationalitäten mit Füssen treten, ohne selbstmörderisch die Hand an ihre eigene Existenz zu legen, ohne sich jeden Boden theoretischer Berechtigung zu entziehen, ohne sich grundsätzlich und vom Grunde aus zu verraten." Als Lassalle diese Worte schrieb, war das nationale Bewusstsein noch nicht iu einem so hohen Masse erstarkt, wie es jezt der Fall ist. Die Sozialisten der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts träumten sogar von der Abschaffung aller nationalen Schranken, Aufhebung aller Besonderheiten in einer höheren Einheit. Und das war für sie die dialektische Entwickelung der Nationalitätenidee. Aber die Zeit hat die Entwickelung in andere Bahnen geleitet. Anstatt zu schwinden, steigerten sich die Besonderheiten, drängten sich dem Bewusstsein der Völker auf, wurden ein Machtfaktor der Politik. Dem Leben folgte die Theorie. Die Sozialdemokratie hat in dieser Hinsicht ihre Ansichten radikal geändert, sie ist — volens nolens — national geworden. Pernerstorfer ist vielleicht der schärfste und entschiedenste Vertreter dieser Idee innerhalb der sozialistischen Partei. Er sagt: „. . . . Jede Kultur ist national .... Der Sozialismus und der nationale Gedanke sind nicht nur keine Widersprüche, sie gehören notwendig zusammen. Jeder Versuch, den nationalen Gedanken zu schwächen, muss, wenn er Erfolg hat, den Reichtum des Menschengeschlechts vermindern .... Der Sozalismus will die Menschheit organisieren, nicht atomisieren . . . Diese Anschauungen teilen a ich andere hervorragende Vertreter der deutschen Sozialdemokratie wie David, C a 1 w e r u. s. w. Also weder vom Standpunkte des Liberalismus noch von dem der Sozialdemokratie tkann der Nationalitätengedanke angegriffen oder abgelehnt werden. Warum aber verhalten sich die jüdischen Liberalen und Sozialdemokraten schroff ablehnend gegen die Idee der jüdischen Nationalität, der jü.üschen Autonomie? Wir wollen nicht von denjenigen sprechen, die feige „sich nicht zu erkennen geben*' wollen. Diese Herren, ä la Byk oder die ,,Genossen" von der „Arbeiterzeitung" in Wien, haben ja keine anderen Motive als innere Knechtschaft, fürchten vor dem Lichte von der Wahrheit. Sie ziehen es vor, als Deutsche oder ,Polen etc. (in Anführungszeichen) ausgelacht und chikaniert zu werden, als stolz und offen sich als Juden zu bekennen. Sie sind wrie jener Bucklige aus der bekannten Anekdote, der glaubte, dass die Leute seinen Buckel nicht sehen, wenn er es ihnen nicht erzählt. Sie sind der Lächerlichkeit anheimgegeben. Aber es gibt auch ernste Menschen, die mit ernsten, durchdachten Motiven gegen die jüdische Nationalbewegung und deren Verwirk1 ichung auftreten. Sie geben die Existenz einer jüdischen Son .ernote, einer jüdischen Volksprache zu. Aber das genügt ihrer Ansicht nach nicht für ein Nationalleben. Wohlgemerkt, wir sprechen hie nicht vom Zionismus und seinen Gegnern, sondern von der jüdischen Naiionalautonomie in den Ländern, wo sie wohnen, in Oesterreich und in Russland schlagen die Wellen dieser Bewegung hoch. In Oesterreich verlangen die Juden Ii'ukI Autonomie und jüdische Wahlktirien, in Russland gehen sie noch weiter in den Forderungen und träumen von einem jüdischen Landtag, von einem föderativen Verhältnis zum russichen Reiche. Und das Merkwürdige hat sich wieder eingestellt. Dieselben Elemente des jüdischen Volkes, Dem kraten uud Sozialisten, die es als selbstverständlich betrachten, dass der zemralistische alte Staat vor dem modernen dezentralisierten, föderativen, weichen müsse, die für alle Völker der Erde Autonomie verlangen, werden stutzig, sobald diese ihre Grundsätze auch auf die jüdischen Verhältnisse angewandt werden. Derselbe „Bund," der ja immer von „nationaler Selbstbestimmung44 spricht, der unergründlich tiefe Theorien darüber ausgesponnen hat, spottet über den Gedanken der allgemein-jüdischen Organisation auf föderativer Grundlage. Woher diese Inkonsequenz? Sie ist wrohl zu suchen in Begriff der Nationalität, der verschiedene Deutungen zulässt und verschieden aufgefasst wird. Der alte Begriff der Nation war der der einheitlichen Abstammung, Religion und Sprache. Es gibt noch heute Staatsrechtler, die Ungarn und Deutschland nicht als Nationalstaaten anerkennen, für die nicht der Wille der zusammenlebenden Individuen, sondern die Bluteinigkeit und Sprachgemeinschaft die massgebendsten Faktoren sind. So ist für sie Amerika kein Nationalstaat. Und sie haben auch insofern Recht, als sie an den Begriff der Nation das alte Kriterium anlegen. Nach dieser Theorie fällt es nicht schwer, die Existenz einer eigenen jüdischen Nationalität zu leugnen. Haben doch die Juden keine eigene Sprache! Aber