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Die Welt · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No.6 helfen können — denn, und das ist ja die Grundthese des „Woschod" und des „liberalen" russischen Judentums — die russische Judenfrage kann nur in Russland gelöst werden. Wir haben diese Worte gehört schon lange vor der russischen Revolution. Seit der Regierungszeit Alexanders II wiederholt man sie bis zum Ueberdruss. Alexander III kam und mit ihm die Schreckenszeit. Der „Woschod" und sein Gefolge in Russland, die politikscheuen Philanthropen in Westeuropa, haben in rührender Harmonie das Zukunftslied gesungen, das Lied des'freien Russlands. Antirevolutionär und bürgerlich im Grund ihrer Seele, lauschten sie mit Spannung den dröhnenden Kampftönen der russischen Marseillaise. . . . „Schütteln wir ab den Staub von den Füssen, den Staub einer alten Welt, sind verhasst uns die goldenen Götzen, und verhasst des Despoten Palast". . . . Und sie hörten das Nahen des kommenden Sturmes uod hofften. Der Sturm kam. Er raste, wie noch kein Sturm der Revolution je gerast hat — er rast noch immer. Es war ein Kampf auf Leben und Tod, aber ein unfruchtbarer. Keine Revolution hat so lange gedauert, kein Moloch hat soviel Opfer verlangt. Und wenn wir das Fazit ziehen, wenn wir nun die Stimmen derjenigen jüdischen Kreise hören, die früher Alles von der Revolution erwarteten, so hören wir in ihrer Stimme ein Zittern; ihre Antworten sind vag, unbestimmt. Sie haben das eigentümliche Phänomen dest russischen Lebens nicht erfassen können, sie haben die russische Geschichte vielleicht nie verstanden- Und nun nach der Revolution sitzt Graf Sergej Juljitsch Witte, der die Hoffnung aller jüdischen Liberalen ist, und schaut untätig zu, wie in Hornel, in Chodorkow, in Berschad, an vielen andern Städten des Rayons, die entmenschte Soldateska im Bunde mit der Polizei Judenhäuser demoliert, jüdische Männer und Frauen ermordet. Graf Witte und seine Regierung haben die Judenfrage ad calendas graecas verschoben JSoll nur die Duma zusammentreten. . . . Aber die Duma kann nicht zusammentreten. Dunkle Mächte arbeiten ihr entgegen. Die Reaktion will überhaupt keine Duma,8 die Revolution will keine solche Duma. Die einen, die „Schwarzen", werden die Duma wahrscheinlich boykottieren, weil sie die Autokratie wünschen, die anderen,? Konstitutionalisten [und Radikale aller Schatierungen, werden sie boykottieren, weil sie nur eine auf Grund der „vierstöckigen" Formel gewählten Duma anerkennen. Die einen ziehen den Staatskarren links, die anderen rechts — und der Karren steckt noch immer im Sumpf. Kann man von einer solchen Revolution etwas für die Juden erwarten? Kann der Proletarisierung des Massen, der Verelendung des Mittalstandes der jüdischen Bevölkerung, durch den Sieg der Revolution irgendwie gesteuert werden? .... Eine starke Welle der Verzweiflung hat sich Russlands bemächtigt. Eine gedrückte Stimmung herrscht im Lande. Ein Dunkel, in das die Flammen der Judenpogrome oder der „Pazifizierung" der baltischen Provinzen ein aufloderndes, entsetzenerregendes Licht werfen. . . . Es ist eine Revolution ohne Schönheit. „Unsere Revolution" schrieb neulich ein russischer Publizist in den „Nowosti", — „geht vor sich ganz in derselben Weise, wie unser ganzes spiessbürgerliches Vegetieren. Sie zieht vorüber, wie ein dunkler Alp. Es gibt in ihr viel Heldentum, aber keine Helden, viele Kämpfer, 7 aber keine Führer, viel Wrahnsinn, aber keinen Enthusiasmus. . . . Wir hören von allen Seiten, dass die russische Revolution der Kamm einer ungeheueren Welle ist, die die alte soziale Ordnung wegschwemmen, die ganze Welt erschüttern wird. Welche Verirrung! Unsere Revolution ist eine Bücherrevolution, und deshalb wird sie nichts grosses bringen.....Unsere Revolution reisst Europa nicht hin, weil sie keinen schönen Enthusiasmus hat, sie schreckt ab wie eine Tragödie, sie stösst ab wie ein Alp." . . . . Vielleicht ist diese Verzweiflung verfrüht. Aber in einem Lande, wo noch während das Eisen heiss ist, solche Ausbrüche der dumpfen Verzweiflung, die durch die Wirklichkeit mehr als gerechtfertigt ist, möglich sind, in einem Lande, wo der Begriff der Freiheit, der Persönlichkeit keinen Boden hat, — kann die Frucht der Weltfreiheit 1 nicht erwachsen, können die grossen Weltfragen nicht gelöst werden. Die Judenfrage ist eine Weltfrage. Die Judenfrage ist keine Nationalfrage, wie' es die polnische oder die lettische ist. Sie ist mehr als das. Diese Völker müssen bloss rehabilitiert werden, wir müssen neue Bedingungen, neue Lebensverhältnisse schaffen. Die Frage der übrigen Nationalitäten in Russland wird gelöst werden, sobald ihre Autonomie anerkannt werden wird. Uns wird eine Autonomie nicht gewährt werden. . . . Graf Witte hat bereits sich beeilt, wie die „Times" zu melden weiss, den „Kongress der Juden61, d. h. den projektierten Judentag, der die nationale Konstituierung der russischen Judenschaft zum Ausdruck bringen sollte, zu verbieten. Und wenn dieser Tag auch zustande gekommen wäre! Was hätte er leisten, was bewirken können? Man hätte Reden gehalten — aber Reden schützen nicht vor Pogromen, vor Verelendung. Es entsteht innerhalb des russischen Judentums ein ungeheueres Problem, das noch schwerer ist, als das der Rechtlosigkeit: Das ist die Proletarisierung der Massen. Es ist vielleicht vom Standpunkte des ökonomischen Materialismus wünschenswert, vom Standpunkte des jüdischen Lebens ist es eine katastrophale Erscheinung. Unser Freund Dr. Kellner hat es in einem seiner Aphorismen treffend bemerkt: „Die grösste Krise im Judentum der neuesten Zeit ist nicht die Aufklärung auch nicht der Antisemitismus, sondern die Entstehung der grossen Städte." ..... Das Judentum geht einer wirtschaftlichen Umwälzung entgegen, einer Urnbildung, in der es die alten Formen zerbrochen, aber noch keine neuen gefunden hat. Und dieses Problem haben schon die Vertreter des Marxismus unter den Juden eingesehen — mit Ausnahme des „Bundes." Auch die „Itoisten", die darauf ihre ganze Theorie aufbauten. Nur Mr. Luden Wolf, der über alle Dinge mit der beneidenswerten Sicherheit eines Dilettanten spricht, weiss es nicht und spricht — im Namen der Ito — seine Meinung dahin aus, dass die russische Judenfrage in Russland selbst gelöst werden wird. Wenn die Jto auf dem Standpunkt Mr. Wolfs steht, wo ist dann ihre Daseinsberechtigung zu suchen? Nein — die Judenfrage kann in Russland nicht gelöst werden, nicht einmal die russisch-jüdische. Wenn die Revolution bisher noch nichts positives gezeitigt hat, diese Erkenntnis hat sie allen, die verstehen wollen und können, aufgedrängt. — ZUR FRAGE DER AUTONOMIE. ii. Ein Blick auf die Geschichte unseres Volkes hat uns gezeigt, dass die Autonomiebewegung keine neue Erscheinung ist, dass sie vielmehr eine Rückentwickelung ist, eine Rückkehr zu Lebens¬ und Gcsellschaftsverhältnissen, die schon einmal Wirklichkeit waren. Das Wort „Rückentwickelung" soll keinen Vorwurf und kein Urteil in sich enthalten. Die Formen des Lebens sind nicht so mannigfach und unerschöpflich, wie es scheinen möchte, sie bewegen sich n einem Kreise. Aus einer gewissen Prämisse folgt regelmässig derselbe Schluss. Die Fragen politischer Natur werden oft irrtümlich auf ihren ethischen, ideellen Wert beurteilt. Die Liberalen der alten Schule können nicht ohne Unbehagen gewisse W'örter hören, wie z. B. „national14, „Kampf" u. s. w. Sie beurteilen die Erscheinungen nicht nach ihrem wirklichem Werte, sondern nach dem Grade der Verwandschaft derselben mit den humanistischen Idealen. Nicht zu geringem Teil ist diese ethisierende Auffassung politischer Fragen die mitbestimmende Ursache der ablehnenden

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