Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-02-09 · 6 (9.2.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
6 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316193--47779-3342680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6 DIE ^ELT- Nc). 6 Konstellation der Politik, — er ist der Goljusjude. Die charakteristischen Merkzeichen des Golusjuden waren die Furcht und die abergläubische Scheu vor den „Behörden". Mag dieser Vertreter der Behörde, der ,,Regierung", auch blos ein einfacher Polizeikommissär oder ein Schutzmann gewesen sein, — der Golusjude, auch der reichste und .,mächtigste", erstarb in Demut vor ihm. Man konnte diese überaus interessante, für die Psychologie des Ghettojuden wertvolle Tatsache in den Judenghetti von Russland und Polen beobachten. Derselbe Jude, der in seinem Städtchen, unter der jüdischen Bevölkerung, ein gefürchteter, despotischer, allmächtiger „Magnat" war, wurde mürbe, demütig, feige, sobald er mit irgend einen Kokardenmanne in Berührung trat. „Dein Wille geschehe" - sagte er jedem Nichtjuden. Das ist Golus. Sir Montagu ist bloss ein anglisierter, in den Lordstand erhobener Ghettojude. Er hat Furcht vor der Macht, er duckt sich, und wie jeder furchtsame Mensch, übertreibt er die Gefahren, überschätzt er die Bedeutung des Anderen, des Nichtjuden .... Sir Montagu schweigt Er schämt sich wahrscheinlich — seiner Ghettofurchtsamkeit. „Zydzie czapka.*: Eine alte jüdische Anekdote erzählt: Während des letzten polnischen Aufstandes im Jahre 1863, als die Russen die Revolte niederge worfen und die Aufständischen mit Feuer und Schwert verfolgt haben, flüchtete sich ein polnischer Edelmann in das Haus eines Juden, um sich vor der Wut der Verfolger zu retten. Trotzdem der Jude dadurch selbst in die höchste Gefahr geriet, erbarmte1 er sich des Polen und verbarg ihn bei sich im ... . Ofen. Schlotternd und angsterfüllt sass der Pole im Ofen, ängstlich und bei jedem Laute auflauernd sass der Jude und hielt Wache. Natürlich behielt er sein Käppchen auf dem Kopfe. . . . Sass er doch bei sich zu Hause. Aber der polnische Edelmann im Ofen konnte diese Schmach länger nicht ertragen. Wie! Ein Jude sollte in seiner Gegenwart mit bedecktem Haupte sitzen! Und er donnerte den Juden an: „Zydzie czapka" (Jud', Hut ab) .... Und der Volksmund erzählt, dass 'der Jude dem Befehl des gestrengen Edelmanns gehorchte. . . An diese Anekdote muss man sich immer wieder erinnern, wenn man an die Beurteilung der Erscheinungen des polnischjüdischen Lebens herantritt. Man sagt den Juden gewöhnlich nach, sie stellten sich immer auf die Seite der Stärkeren. So z. B. sind sie in Ungarn die Hauptmagyaren, die Chauvinisten und machen gemeinsam Magyarisationspolitik mit der klerikalen Ugron-Partei u. s. w. Aber wenn diese Haltung der Juden in den meisten Ländern durch ihre wirtschaftliche und politische Stellung erzwungen ist, so ist in Polen gerade das Gegenteil der Fall. Es wird kaum fanatischere Polen geben, als die polnischen Juden. Miteiner merkwürdigen Zähigkeit hingen und hängen sie an Polen, ertragen geduldig und in- Liebe alle Püffe und Rippenstösse, die ihnen die Polen austeilen. Wer wird sagen können, dass die grossen polnischen Emigranten-Dichter Mickiewicz und Slowacki das polnische Vaterland inniger liebten als der Judenpole Julian Klaczko? Und auch jetzt stehen in den Reihen der Vorkämpfer für die Unabhängigkeit Polens jüdische Männer und Frauen. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Partei der P. P. S. (Polnische Sozialistische Partei) durch und durch verjudet ist. Und das merkwürdigste daran ist, dass die meisten Mitglieder der P. P. S. gar nicht aus Polen stammen, sondern aus Litauen (Bialystok, Grodno u. s. w.) und zumeist gar nicht oder höchst mangelhaft polnisch sprechen. Wer blutete auf den Barrikaden von Lodz? Wer hat Warschau revolutioniert? Wer hat Polen aus der Inertie aufgerüttelt? Sehet die Namen der Gefallenen, der Erschlagenen, der Hingerichteten, der Kämpfer für die Freiheit Polens und Ihr werdet jüdische Namen sehen. Als die Polen frei waren, da haben sie die Juden Verstössen. Nicht massakriert, nicht ausgeplündert, wie die Russen. Der Pole war feiner, aber grausamer. Er hat den Juden degradiert, erniedrigt, demoralisiert. Die Polen haben den Typus des „Moschko44, des Hausjuden, des „Majofisjuden", der für einen Rubel sich ins Gesicht speien lässt, geschaffen. Sie haben das moralische Elend des Ghettos auf ihrem Gewissen. Ihre Verachtung für den Juden war so tief, dass sie sich den Juden selbst mitteilte, sie zur Verzweiflung an sich selbst brachte. Die Juden haben den Polen immer die besten Dienste geleistet. Und Mickiewicz stellte diesen Juden ein Denkmal im „Pan Tadeusz44, wo er dem Emissär und Spielmann Jankiel schildert. („Der brave Jude hat Polen wie sein Vaterland geliebt"). Aber der Pole vergass sich nie. Er nahm dem Juden, was er konnte und fügte immer hinzu: „Zydzie czapka"! Hat die Geschichte die Polen gewitzigt, hat sie sie gelehrt^ Menschenwürde und Menschenehre nicht nach der Väter Art zu schätzen? Die Polen haben nichts gelernt und nichts vergessen. Schon jetzt, kaum am Anfang einer neuen Freiheitsära für das polnische Volk, beginnen Stimmen laut" zu werden, dass die Juden sich allzusehr vordrängen, dass man sie abschütteln muss. Die Juden verlangen am Ende Vollberechtigung, sie wollen „Polen" sein. Welch' eine Respektlosigkeit, welch' eine Missachtung der besten Traditionen der polnischen Geschichte! „Zydzie czapka"- Traurig klingen jetzt schon die Lieder der „mosaischen Polen**. „Verschmähte Liebe" heisst ein Leitartikel in der letzten Nummer des Leibblattes der „P. m. K." „Izraelita", das vom Polen Cohn redigiert wird. Herr Cohn klagt: Die Juden tun alles, um den übrigen Bürgern ihres Vaterlandes vollkommen gleich zu werden; sie sind durch „tiefes Nachdenken über den Lauf der Ereignisse44 zur Ueberzeugung gekommen, dass die Assimilation die einzige Lösung der Judenfrage sei.... Und dennoch „hilft alles nichts, und zwar hauptsächlich darum,weil die,Christen,die diese Bestrebungen fördern sollten, sich ganz indifferent verhalten, und — was noch schlimmer ist — ihnen oft Hindernisse in den Weg legen.44 . . . Aber die jüdischen Polen dürfen den Mut nicht sinken lassen. „Sie dürfen sich nicht verletzt fühlen durch die Kälte, mit der ihre Bestrebungen aufgenommen werden, sie müssen noch eifriger und unentwegt das Wohl ihres Heimatlandes im Auge behalten, ohne darauf zu achten, dass dieser oder jener sie als Fremde betrachtet." Mit anderen Worten: Wenn der Pole, der die Dienste des Juden beansprucht, vom Juden Opfer verlangt, ihn als Vordermann in dem Befreiungskampfe benutzt, ihn hintendrein zuruft: Zydzie czapka, so muss der Jude demütig seinen Kopf beugen und die Mütze in die Hand nehmen. So nimmt sich die Judenfrage schon jetzt aus. Wie wird es nun werden, wenn die inneren Kämpfe einmal überwunden und Polen die Autonomie bekommen wird? Eines können wir den Herren „P. m. K.44 versichern, dass noch viel Wasser in die Weichsel fliessen wird, bis der Pole dem Juden die Erlaubnis geben wird, als gleicher und ebenbürtiger Mann mit dem Hut auf dem Kopfe neben ihm zu stehen. Bis dahin aber wird der Jude Regen und Ungewitter und Sturmwind über sein Haupt ergehen lassen müssen. Vielleicht wird einmal das Ideal des „Izraelita44 in Erfüllung gehen, vielleicht wird es einmal wirkliche jüdische Polen geben, die als solche anerkannt und in den Verband der Nation aufgenommen werden, aber ... es werden Juden sein mit kahlen Köpfen und gebrochenem Mute. Wenn Herrn Cohn und ähnlichen Polen eine solche Perspektive zusagt, wenn sie ihre vergeudete Mühe, ihre Volkskraft, die nutzlos verschwendet, ihr Blut, das zwecklos verspritzt wird, nicht bedauern — so mögen sie nun auch weiter stehen .— mit dem Hute in der Hand. Russland ^nimer wieder nort man die bekannte Melodie: „Die russische Judenfrage kann nur in Russland gelöst werden.44 Das hat neulich der mit grosser Mühe acquirierte Prophet der Ito, Mr. Lucien Wolf, verkündet, das sagen alle Philantropen und „Beglücker44 des Judentums. Hat denn nicht der „Woschod44 in seiner Notiz über die Brüsseler Konterenz geschrieben, dass eigentlich die ausländischen Juden den russischen Juden nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.