Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 6 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316193--47778-3342679- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
dies|eelt No. 6------------------------- mosaischer Konfession und lassen es nicht zu, dass das ganze Volk mit Gewalt in fremde politische Gruppen eingeschachtelt werde. Es erscheint unzweifelhaft, dass die Parole „Vollberechtigung14 ein Kampfruf in der ersten Hal te des 20. Jahrhunderts sein wird. Wir sind Zeitgenossen ungemein bedeutsamer Ereignisse; denn jetzt entlädt sich das durch die letzten Jahrzehnte im cJudentum angesammelte Potential nationaler Energie. Die Renaissance-Bewegung hört auf, ein Privileg bestimmter jüdischer Klassen zu sein, sie erfasst mit elementarer Kraft die ganze jüdische Bevölkerung und legt das Fundament für die Schaffung eines selbstbewussten Judentums. Die Losung „Vollberecliti^ung!" hebt uns;uf die Höhe politischer Einheit, bewirkt die Konzentration jüdischer Kräfte und stellt den Zionismus auf seinen Posten für den politischen Kampf im uokis. a an K : r -> / r < > t. Sir Montagu's Künste. Wir veröffentlichen in dieser Nummer einen interessanten Briefwechsel /wischen Mr. L. J. Greenberg und Sir Samuel Montagu, der jetzt durch die gesamte englische Presse die Kunde macht. Eigentlich war dieser Briefwechsel ein höchst einseitiger, denn der Eine — Mr. Greenberg ■- schrieb, der Andere — S.ir Montagu — empfing bloss die Briefe und .... schwieg. Er schwieg, obwohl er nicht schweigen durfte, obwohl seine politische Klugheit, um nicht weiter zu gehen, durch die Enthüllungen Mr. Greenbergs in Präge gestellt wurde. Sir Montagu wird mit unwiderleglichen Beweismitteln einer Entstellung von Tatsachen, ja, einer unrichtigen Behauptung überwiesen. Und Sir Montagu schweigt, er nimmt die Eierausford erung hin und reagiert nicht. Zwar ist Sir Samuel ein „grosserHerr11, der durch Geld, Titel und den geerbten Namen eine bedeutende Stellung einnimmt in der „Gesellschaft'', aber auch grössere Olympier als er lassen solche Enthüllungen nicht unberücksichtigt, sintemalen sie durch die „englische" Presse gehen, vor der doch auch die jüdischen I.,ordship> in Ehrfurcht erbeben. Um Sir Samuel zu verstehen, muss man den Inhalt des Biefwec h se 1 s reka p i t u! i e re n. Sir Montagu hat sich mit Rothschild und anderen „Führern" zusammengetan, um ein „Manifest" gegen den „Judenstaat", also gegen die Bestrebungen des Zionismus und des Territorialismus zu erlassen. Er wollte die gesamte Geidjudenheit zu diesem löblichen Zwecke vereinigen und kabelte unter anderem auch an Mr. Jakob Schiff in New-York, den er um sein: Unterschrift bat. Mr. Schiff ist aber weder „Lordu noch Präsident des „Dispersions Committeeu d. h. des Zerstreuungskomitees, das sich zur Aufgabe gestellt hat, die Juden aus dem Whitechapel, wo sie schlecht oder recht zusammenleben, in alle fünf Weltteile zu transferieren, zu „zerstreuen." Kurz, Mr. Schiff verweigerte seine Unterschrift für ein M.inifest, das „Zwist und Streit erzeugen konnte, in einer Zeit, da Einigkeit nottut." Aber Sir Montagu liess sich nicht abschrecken. Er wurde zudringlich, gar nicht nach englis. her Art — handelte es sich doch um eine gute Sache! Und er holte seine stärkste Waffe hervor — „Es ist der ausdrückliche Wunsch der liberalen Regierung" lautete die Rückantwort Sir Samuels des Zerst reuers. Die Sache ist bekannt geworden. Die interessierten Kreise, also die Zionisten und die TerritoriaÜsten, waren gewissennassen betroffen Welches Interesse kann denn die neue liberale Regierung daran haben, dass den Plänen der nationaljüdischen Bewegung entgegengearbeitet werde? Liegt es nicht eher in ihrem Interesse, die Juden in ihren dahingehenden Bestrebungen zu unterstützen, da ja dadurch die heikle Situation, die durch die Alien-Act und die unausgesetzte jüdische Einwanderung geschaffen worden ist, behoben wäre? Ist denn nicht das Grundprinzip der liberalen Partei, der Partei Gladstones und Rosebe»rys und Campbell-Bannermatins, die Gewährung der möglichst breiten W \ uisie : - i k Autonomie für die Kolonien, ja,die Home-Kid sie in der «Juden frage anders denken:* Und d; die hervorragendsten Mitglieder des nem die zionistische Bewegung ausgesprochen .J Kundgebungen, die bei der Engiis Ii XlonP sind: Mr. <1 A. Brice schreibt: Ich syaip, der zionisiischen Organisation/" J. Ke istische I/ihrer im neuen Pariamen', schreib; : „ich ' Zionismus unterstützen . . . .u Dasselbe sehr'eben Atherley Jones, C a t h c a r 1 W ason, Sir S und eine K^ihe anderer hervorragender Parlament von Winston Churchhill und Lord Ugui, die eine kennung der natioua{jüdische \ Bewegung seitens der bedeuten, sind ja bekannt. Wie licsse sich nun mii « die Behauptung Sir Montagus in Einklang bringen; Mr. L 3. Greenberg, fragte bei Sir Montagu an, oi wahr sei. Keine Antwort. Seine Lordship h illle sK Daraufhin wandte sich Mr. Greenberg an den selbst, um an der Quelle der Politik die Wahrheit /; Campbell-Baiuiermann, der ebenso aristokratisch l nd.J Warum s< iben sich denn 'Piments offen /ilieren nur eh jra.tion eimalni '.))) de ■ \ für i e, '.ic: so/;a '•a de gerne den Mr. C r o o k e s, a mue! Seal t r/-r. Die Briefe ieu- Regierung iese iatsaUhen Unser Preis nd, die Geschichte h in Schweigen, reinie r-/\in/ der er. hren. Sir und reich wie Sir Samuel Montagu ist, war höflicher und antwortete sofort, und die Antwort fiel naturlich ganz so aus wie mau sie vernünftigerweise erwarten musste. Die ganze Geschichte enn dem „speziellen Wunsche der liberalen Regierung, entbehre jeder Begründung." Sir Banner ann fügt nicht- Sit Montagu schweigt. fiat Sir Montagu ein Ammenmärchen erfunden? Konnte er s/h soweit vergessen, derartige falsche Gerüchte auszustreuen, die so leicht zu kontrollieren sind .J Wir wollen nicht an die ,,mala fides'1 oder gar an die Unehrlichkeit Sir Montagus glauben. Seine Vergangenheit, sein Titel, sein Geld und sein ererbter Name beweisen, dass er ein 14 rundelirii her Mensch ist, der die besten Absichten hat. Er ist absolut nicht indiiferent für die Page der Juden. Ja, ,,seine Absichten sind gut." . .. Sir Montagu hat nicht böswillig gehandelt. Seine Behauptung war wahrscheinlich nicht aus der Luft gegritfen. Aber wenn seine Ehrlichkeit unbeanstandet bleibt, auf ein tiefes politisches Verständnis lässt sein Verhalten in dieser Frage nicht scliliessen, auch nicht auf ein hohes Selbstbewusstsein. Man erzählt sich in London, — und diese Erklärung ist die wahrscheinlichste — dass Sir Montagu tatsächlich mit emem ganz unbedeutenden, subalternen Mit^liede der liberalen Regierung gesprochen, und dass dieser seine unverantwortliche und irrelevante Ansicht über den Zionismus und den Territoiialismus geäussert hat. Wäre nun Sir Montagu ein wirklicher Politiker, der in die Sphären der hohen Politik Zutritt hat, wäre er überhaupt über die Intentionen der neuen Regierung unterrichtet, so hätte er die Aeusserungen eines unverantwortlichen Beamten ignorieren müssen, anstatt sich zu blamieren. Aber hier spielt noch eine andere Ursache mit- Sir Montagu ist nicht bloss kein Kundiger in der