Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No.5 WEDELT - 17 Gründen erachte ich, um unermessliches Elend zu verhüten, die Annahme nachstehender Resolution für geboten, der ich die Versicherung nicht erst vorausschicken brauche, dass Niemand im Saale diesen Antrag mit schwererer Bekümmernis vernimmt, als ich denselben Ihnen unterbreite: „Die Konferenz gibt ihrem tiefem Schmerze Ausdruck, dass die Emigration Mittelloser, 1) weil die erforderlichen namhaften Mittel fehlen; 2) weil zur Zeit Immigrationsländer für diese Kategorie von Auswanderern nicht zu Gebote stehen; 3) weil ein fernerer Zustrom grösserer Massen in die bisherigen Immigrationsländer mit Gefahren für die bereits Ansässigen verbunden sein muss gegenwärtig und in absehbarer Zukunft nicht möglich ist und sieht sich deshalb gezwungen, vor einer plan- und ziellosen Auswanderung Mittelloser ernstlich zu warnen." Feiice Ra v enna-Ferrara: Ueberbringt eine herzliche Sympathiekundgebung der zionistischen Föderation Italiens und der jüdischen Gemeinden in Ferrara, Acqui, Ancona, Modena, Venedig, Reggio, Vercelli, Mantua, in deren Auftrag er zur Konferenz gekommen ist. Dr. B o d e n h e i m e r: Polemisiert gegen Dr. Nathan. Er tritt für die Unterstützung des Selbstschutzes ein. Er geisselt die Heuchelei der deutschen Presse, die die Selbstwehr als revolutionäre Bewegung darstellt und nicht genug Worte des Lobes für die im Auslande befindlichen russischen Deutschen gehabt habe, die nach Russland geeilt seien, um ihre Familien irn Kampfe gegen die aufständischen Letten beschützten. Der Selbstschutz müsse aber organisiert werden, damit man auch eine Kontrolle darüber habe, dass die gesammelten Gelder wirklich nur zu diesem Zwecke verwendet werden. Dr. Ludwig W e r n e r — Wien begründet die im Druck vorliegenden Anträge der jüdischen Turnerschaft, die bezwecken in Russland ein starkes jüdisches Geschlecht heranzuziehen. Er ersucht die Details der Vorschläge in einer besonderen Kommission zu behandeln. Herr Mossinsohn wendet sich scharf gegen den Vorschlag Klees. Er finde es ganz unbegreiflich, dass man den russischen Juden zumute, ihre Kinder wegzugeben. Da würden sie noch eher Pogrome vorziehen. D. Jochelmann: Die Form, welche die Konferenz angenommen hat, erspart mir hier, mich in irgendwelche Polemik einzulassen. Es handelt sich hier hauptsächlich darum, den unglücklichen Juden eine momentane Hilfe zu leisten und zu diesem Zweck verschiedene philanthropische Organisationen zu vereinigen, die bis jetzt jede allein in diesem Sinne gearbeitet haben. Dieses kann ich nur aufs Wärmste begrüssen. Allein es sind auch zwei Anträge gestellt worden, gegen die ich nicht polemisieren sondern die ich als Tatsache kon st ati er en will. Es liegt vor der Antrag Kohan über die Emigration, die nichts anderes ist als die Zerstreuung der «Juden in verschiedene Länder, was dieselben Folgen haben wird, wie sie die Politik der Ica nach sich zieht, die die Zionisten mit Entschiedenheit immer bekämpft haben. Jetzt stellt die zionistische Organisation denselben Antrag. Dieses will ich konstatieren. Dann liegt ein Antrag von Prof. War bürg vor, dass man eine Kommission wähle, um den Orient (d. h. Palästina und die Nachbarländer) zu erforschen. Gegen eine Kommission, die sich mit der Untersuchung verschiedener Länder zu befassen hat, kann niemand etwas haben. Wenn es aber ausdrücklich Palästina und die Nachbarländer heisst, so heisst es nur, dass die zionistische Organisation uns eingeladen hat, um uns das zionistische Programm vorzuschlagen. Wer mit diesem Programm einverstanden ist, der nehme es an. Ich hörte bereits, dass die hier anwesenden Vertreter verschiedener Institutionen philanthropischer mit diesen Anträgen einverstanden sind. Ich frage nur: wozu dann die ganze Konferenz? Nach einigen kurzen Bemerkungen Dr. Gronemanns, Hannover, der für die Vorschläge Dr. Klees eintritt, ergreift das Wort Ing. Us s i s ch k i n-Ekaterinoslaw und weist darauf hin, dass die russischen Juden allein in der Lage seien, zu entscheiden, welche Arbeit innerhalb Russlands zu leisten sei. Die Antwort auf die Frage, welcher Art die Arbeit ausserhalb Russlands sein müsse, habe er schon in Basel gegeben. Die Resolution Spiel mann bezeichnete er als zwecklos. Nur dann würde die russische Regierung einer hier eingebrachten Resolution zu Gunsten der Gleichberechtigung den russischen Juden Beachtung schenken, wenn sie in einer Form abgefasst wäre, die erkennen Hesse, dass das ganze jüdische Volk in dieser Forderung einig und bereit sei, sie mit allem Nachdruck zu vertreten. Es sei nicht Sache dieser Konferenz, Forderungen für die Allgemeinheit der Russen aufzustellen. Die russischen Juden hätten soviel Blut für die Sache Russlands vergossen, dass es wohl an der Zeit sei, auch einmal die jüdischen Interessen als solche wahrzunehmen. Mr. Greenberg ist ganz der Ansicht Ussischkins, dass eine Resolution in dieser Konferenz für die Gleichberechtigung der russischen Juden zwecklos sei- Auch die Resolution Warburgs hält er für problematisch. Eine Einwanderung in den Orient würde ebensosehr den Widerspruch der dortigen Juden hervorrufen, wie das in England und Amerika der Fall sei. Die Ansicht Ussischkins, dass die russischen Juden allein entscheiden können, was für die Juden in Russland zu geschehen habe, sei geeignet, das ganze Hilfswerk zu zerstören. Zwar ist Russland das Zentrum des Judentums, aber auch wir leiden direkt unter der russischen Judenfrage und sind daher durchaus berechtigt, ein gewichtiges Wort bei ihrer Lösung mitzusprechen. Er bringt folgende Resolution ein: Die Konferenz soll eine permanente Kommission wählen, welche die Rechte der Juden wahren und überall für die Gleichberechtigung der Juden eintreten, die Wanderung der Juden regulieren und allen Rat geben soll. Mr. Cowen-London unterstützt die Resolution Greenbergs. Auch er ist gegen den Antrag Warburgs, weil dieser Antrag eine zionistische Tendenz habe und diese Konferenz doch ausdrücklich nur Vorschläge allgemeiner Natur erörtern solle. Auf Antrag Dr. Bodenheimers wurde ein 9gliederige Kommission eingesetzt zwecks Vorberatung der eingebrachten Resolutionen. Die Kommission bestand aus den Herren B er gel, Dr. Bodenheime r, Spielmann, Dr. Kohan-Bernstein, Leo Motzkin, Dr. Leo Kohan, Professor Warburg, Dr. Jassinowsky, Ing.T e m k i n. ABEND-SITZUNG In der Abend-Sitzung betonte zunächst Herr Temkin, dass die Aeusserungen Ussischkins falsch verstanden worden seien. Natürlich habe Ussischkin auf die Mitwirkung der westeuropäischen Juden nicht verzichten wollen. Er, Temkin, möchte es unterstreichen, dass die russische Judenfrage eine allgemein-jüdische sei. Auch er wendet sich energisch gegen die Resolution Spielmann. Zu einer Zeit, wo die öffentliche Meinung in Russland selbst ignoriert werde, sei eine solche Resolution zwecklos. Ausserdem wäre es nicht an der Zeit, zu bitten, sondern zu fordern. Dr. S a rf a tt i-Mailand begrüsste die Konferenz namens der israelitischen Gemeinde in Mailand und führte aus, dass die Juden Italiens, wo der Antisemitismus fast unbekannt sei, von Entsetzen und Schaudern über die unsäglichen Leiden ihrer Brüder in Russland erfüllt seien. Was auch immer hier beschlossen werde, schon allein die Tatsache, dass hier zum erstenmale eine Zusammenkunft von Juden aller Länder und der verschiedensten Richtungen zur gemeinsamen jüdischen Arbeit stattgefunden habe, sei ein Ausdruck des Lebens des jüdischen Volkes und seiner unzerstörbaren Solidarität. Herr S. Bergel erstattete hierauf den Bericht über die Kommissionsverhandlungen, in der die verschiedenen Anträge auf 3 vereinigt worden waren. Hierauf gelangten die im offiziellen Berichte gebrachten Resolutionen zur Annahme und zwar die erste einstimmig. Bei Beratung des dritten Antrages empfahlen die Herren Dr Nathan und Dr Hildesheimer eindringlich die Annahme der ursprünglichen Resolution Hildesheimer, indem sie betonten, dass es unumgänglich nötig sei, von dieser Stelle aus nachdrücklich vor einer Auswanderung Mittelloser zu warnen. In längerer Debatte wurden die Ausführungen der Herren des Hilfsvereins von zionistischer Seite auf das lebhafteste bekämpft. Man erklärte, dass die Auswanderung unter den heutigen Umständen garnicht aufzuhalten sei und dass auch die schlimmsten Leiden im Auslande nicht an die furchtbaren Qualen heranreichten, denen die russischen Juden heute ausgesetzt seien. Nach langer Debatte, in die besonders die temperamentvollen Ausführungen des Herrn Shire, der sich mit Schärfe gegen die Hildesheimersche