Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16 - DIE^ELT No. 5 ganisationen aufzubringen sind, soll auch berechtigt sein, vorbereitende Massregeln selbständig in Angriff zu nehmen." Dr. Marmorek führte folgendes aus: „Vom heutigen Tage beginnt, meiner Meinung nach, eine neue Epoche im jüdischen Leben. Es ist das erste Mal, dass Juden verschiedener Parteirichtungen sich zu gemeinsamer Arbeit wieder gefunden haben. Es kann uns nur mit grosser Genugtuung erfüllen, wenn die jüdischen Korporationen der Einladung der Zionisten gefolgt sind, und begrüssen es ganz besonders, dass der „Hilfsverein deutscher Juden" und die „Anglo Jewish Association44 durch Delegierte hier vertreten sind, die nicht nur hervorragen durch ihre persönlichen Eigenschaften, sondern auch durch ihre Bedeutung, die sie im Judentum einnehmen. Jedermann weiss, welche Stellung Herr Dr. Paul Natan im Judentume einnimmt. Aber die Bemerkungen des Herrn Dr. Nathan veranlassen mich gerade das Gegenteil zu behaupten. Herr Dr. Nathan hat hier seinen Standpunkt gekennzeichnet, und Sie werden es mir nicht übel nehmen, wenn auch ich meine Meinung, die die Meinung vieler Anwesenden ist, vertrete. Herr Dr. Nathan hat das Ziel unserer Bestrebungen mit der Entwicklung der Kultlirmenschheit verglichen und dabei die Hoffnung ausgesprochen, dass die Judenfrage gelöst werde, wenn die Menschheit aus der Barbarei hinausgetreten sein wird. Dann hat er aber hinzugefügt, dass er den Zionismus als eine fernliegende Illusion betrachte, die sich blos in den allerfernsten Zeiten verwirklichen könne. Nun glaube ich, dass sein Ziel wohl eher Illusion ist, als das unserige. Er strebt mit seiner Ansicht viel eher utopistischen Zielen zu. Die Barbarei der Menschheit ist uralt uno trotz der Kultur-Arbeit von 2000 Jahren hat die Barbarei noch keinen Fortschritt zur Besserung gemacht. Wie soll mi-n nicht überzeugt sein, dass sie noch Jahrhundeite dauern wird? Denn die Barbarei scheint dem Menschen ureigen zu sein. Herr Dr. Nathan sagte gegen Herrn Motzkin, dass die Judenfrage keine Geldfrage sei. Mir scheint, er hat unseren Herrn Motzkin missverstanden Die Judenfrage ist eine politische Frage und wie alle politischen Fragen, ob sie noch so gross oder klein sind, braucht sie ein Ding, nämlich Geld, viel Geld. Und dass die Judenfrage eine politische Frage ist, beweist unsere heutige Versammlung. Dr. Franz Oppenheim er: Man muss sich vor allen Dingen mit rein praktischen Fragen beschäftigen. Wir müssen uns vor Augen halten: hier steckt ein Karren im Sumpf, also Schultern heran, heraus mit dem Karren! Auch ich verzichte nicht gerne darauf, vor einer so bedeutsamen Versammlung das, was ich solange gesagt und geschrieben habenoch nachdrücklicher zu betonen. Wir haben eine zweifache Aufgabe. Die Linderung der Not der Gegenwart und die Schaffung einer gemeinsamen Organisation für die Zukunft, Für die Gegenwart können wir nichts anderes tun, als die gesammelten Gelder möglichst gut zu verteilen. Unter keinen Umständen dürfen wir die Emigration encoiragieren. Die nicht ussischen Juden, die nur 10% der gesamten Judenheit darstellen, müssen mit Nachdruck hervorheben, dass sie bald am Ende ihrer Kräfte und Mittel angelangt sind. Eine neue üeberschwemmung würde uns zwingen, die Hände sinken zu iassen. Wohl aber wollen und müssen wir Einrichtungen schaffen, um dem kommenden Unheil zu begegnen. Und darum soilten wii alle einmiKi : den Vorschlag Warhurgs annehmen. Wir müssen die LüikU t studieren, die noch Leute aufnehmen können. Wir müssen inmie wieder von neuem versuchen, die Juden für die Landwirtschaft zu gewinnen. Wenn die Juden als Farmer herüberkämen, dann wären sie überall willkommen. Dr. Klee-Berlin unterstützt gleichfalls den Vorschlag Warburgs und verbreitet sich des Längeren über seine Vorschläge, (jüdische Kinder aus dem Osten zu nehmen und in Westeuropa zu erziehen), die wir in unserer letzten Nummer gebracht haben. Rechtsauw. J a s s i n o w s k y - Warschau warnt eindringlich vor einer öffentlichen Besprechung der inneren Verhältnisse Russlands und we>t darauf hin, dass es kein Mittel gebe, die Emigration einzudämmen. „Sie werden, meine Herren, noch ein ganz anderes Schauspiel erleben, eine Erscheinung, die man bisher im jüdischen Leben nicht kannte. Auswanderer einer besonderen Sorte, die Akademiker, Acr/te, Advoka«en, Ingenieure werden zu Ihnen kommen. Sie wc:den Sie nicht bitten um. Brod, sie weiden Sie anflehen um einen Revolver, mit dem sie ihrer Verzweiflung ein Ende machen köur.en. Das ist so furchtbar, dass ich darüber nicht weiter reden will." Er ap; eliert an die Versammlung, sich zu einer Regelung der Emigration im gemeinsamen Vorgehen zu verbinden. Dr. Fr i e d e he r g e r- London. Es ist unmöglich, die Judenfrage zwischen () und b Uhr zu lösen- Reden wir nichi über Zionismus und 'Ierritorialismus! Suchen wir die gemeinsamen Fun te heraus, schaffen wir eine internationale Organisation! Sorgen wir dafür, dass im Gegensatz zu den nach verschiedenen R chtungen strebenden Aktionen vorerst eine richtige Diagnose gestellt wird. Die russische Judenfrage ist mit der allgemeinjüdischen eng verknüpft. Ich halte es für unzweckmässig, dass wir uns heute in Detailfragen einlassen, wie die Emigration aus Russland zu regeln sei. Wenn wir heute beschliessen, dass eine internationale Organisation zur Regelung, zur ständigen Überwachung und Leitung der Hilfsaktion geschaffen wird, so haben wir genug getan. Noch eines möchte ich sagen, im Gegensatz zu den Ausführungen des Herrn Dr. Nathan. Wir können uns nicht auf die „historische Entwicklung" stützen. Es würde wahrhaftig zu viel Zeit hingehen, ehe die Menschheit von der Barbarei geheilt ist. Mr. Sp i el man n - London gibt seiner Freude Ausdruck über den massvollen Ton in dieser Versammlung. Er begründet und beantragt folgende Resolution: „Die Konferenz, welche in Rücksicht auf die allgemeine Lage der russischen Juden zusammentrat, fordert sowohl im Interesse des russischen Reiches wie in dem seiner jüdischen Untertanen die Beseitigung aller anti-jüdischen Gesetze und Verleihung voller Bürgerrechte an die Juden, welche auszuüben sie nach der Überzeugung AUer vollkommen geeignet sind." — Mr. Kish-London unterstützt die Resolution Spielmann und dankt dem Vorsitzenden und allen Einberufern der Konferenz. Er findet die Ausführungen des Präsidenten in seiner Eröffnungsrede hinsichtlich der Nichtbeteiligung der „Ica" und der „Alliance" etwas zu scharf. Er glaubt, dass ediglich die Meinung, auf dieser Konferenz würden nur zionistische Din^e erörtert werden, die beiden Organisationen veranlasst hätte, fern zu bleiben. Er ist nach dem Verlauf der Verhandlungen überzeugt, dass auch diese beiden Körperschaften sich der gemeinsamen Arbeit nicht entziehen werden. Mr. B. J. Belisha befürwortet die Bildung einer ständigen jüdischen Vertretung, die die Interessen des jüdischen Volkes wahren soll. Sein Vorschlag lautet: Dieser Kongress erklärt sich für die Ernennung einer internationalen jüdischen Kommission zur Erlangung von verlässlichen und genauen Informationen über die Länder, aie sich für die Gründung einer Heimstätte auf autonomer Basis für eine grosse Zahl von russischen Juden eignen würden. Diese Kommission soll aus 21 Mitgliedern bestehen, worunter 3 vom zionistischen A. C, 3 von der Ito und 15 von den sämtlichen übrigen jüdischen Organisationen der ganzen Welt. Dr. Hirsch Hi 1 des h e i m e r-Berlin bezeichnete es als durchaus ungerechtfertigt, die bisherigen Leistungen der Hilfsorganisationen zu unterschätzen. Tatsächlich habe die Gabewilligkeit nie zuvor annähernd Aehnliches geleistet, wie gegenwärtig. Wohl sei es wahr, dass die vorhandenen Summen, obgleich sie sich auf nahezu fünfzehn Millionen Francs belaufen, nicht entfernt ausreichen, dem unerrnesslichen Jammer wirksam zu steuern. Aber das habe seinen Grund nicht in der Engherzigkeit der Gebenden, sondern in der RiesengrÖsse des Elends. So traurig es ist, dass nicht einmal den allerunmittelbarsten Anforderungen genügt werden kann, müsse mit der Tatsache gerechnet werden, vor Allem bei der Emigrations-Fr.jge. Wer in 'unserer Mitte würde nicht sein Alles einsetzen, um einer möglichst grossen Zahl unserer schwerbedrohten, im Elend verkommenden Brüder eine neue Heimat zu bereiten? Aber die materiellen Mittel für eine ausgedehnte Auswanderung sind ni ht vorhanden, sind auch mit dem Aufgebot der Leistungskraft der Gesamtjudenhcit nicht zu beschaffen, keinesfalls so schnell, wie der Augenblick es erfordert. Aber es handelt sich nicht etwa um eine blosse Geldfrage; auch wenn die Riesensummen aufgebracht werden könnten, stehen jetzt die Immigrations-Länder noch nicht zu Gebote, in denen mit einiger Aussicht auf Erfolg grössere Massen sofort angesiedelt werden könnten. Dass gegenwärtig von einer landwirtschaftlichen Kolonisation in nennenswertem Umfange abgesehen werden muss, ist sicherlich sehr, sehr schmerzlich, aber eine Tatsache, die wir nicht zu ändern vermögen. Denn dazu sind kolossale Mittel erforderlich, die zudem nur einem relativ kleinen Bruchteil zugute kommen würden. Dass sich die Schwierigkeiten in den Ländern, welche bisher die bevorzugten Zufluchtsstätten bildeten, steigern, ist bekannt. Aber das sind nicht nur gesetzliche Schwierigkeiten; durch den Massenzustrom und vor Allem durch die Zusammendrängung dieser Massen in einigen wenigen Orten verschlimmert sich die Lage der bereits in jenen Ländern Ansässigen in furchtbarer Steigerung. Das offenbart neuerdiugs wieder der letzte Bericht der United Hebrew Charities in New-York. Ja, jeder Nerv in uns bäumt sich gegen die brutale Tatsache auf, dass wir der furchtbaren Kalamität, wie sie gleich gross die Leidensgeschichte unseres Volkes nicht aufweist, so ohnmächtig gegenüberstehen, dass wir die von Tod und Verderben umlauerten Brüder den Gefahren nicht zu entreissen vermögen. Aber so hart es uns ankommt, aus den angeführten