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Die Welt · 1906-02-02 · 5 (2.2.1906) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 5 - 15 unter anderem: Sowohl in Alexandrien, wie auch besonders in Kairo ist für Handwerker Arbeit genug zu finden. Es fehlen hier Leute, die die Angekommenen moralisch unterstützen könnten, denn die Emigrarten kennen die Landessprache nicht und haben keine Lokalkenntnisse. Es fehlen Leute, die den Emigranten Arbeit aufsuchen sollen, sie installieren, ihnen die notwendigsten Direktiven und Auskünfte erteilen könnten. Die wenigen Personen, die sich bis jetzt für Emigranten interessieren, werden geradezu erdrückt von den Ansprüchen des immer anwachsenden Stromes der Emigranten und wenn nicht neue Leute ihnen zu Hilfe kommen, wenn nicht eine richtige Organisation zu diesen Zwecken geschaffen wird, so wird das sehr bedeutende Werk der egyptischen Immigration schon in seinen Anfangen scheitern. Aus diesen geringen Erfahrungen kann man wohl keine positiven Konsequenzen ziehen, aber sie sind geeignet, zu weiteren Versuchen Veranlassung zugeben, die unabsehbare Polgen haben können. Denn ausser den schon früher besprochenen Vorteilen, hat eine Emigration nach dem Osten, wenn sie grössere Dimension annehmen wird, noch die Bedeutung der Ablenkung eines Teiles der Emigranten von Amerika und anderen westlichen Ländern, wo man auf indirektem Wege den jüdischen Emigranten eine unverhehlte Missgunst zeigt und ihnen immer grössere Immigrationsschwierigkeiten macht« Die schrecklichen Ereignisse, die die Juden in Russland in der letzten Zeit erlebt haben, die doppelte grosse Gefahr der sie unter dem Deckmantel der Revolution und Kontrerevolution vom entfesselten blutgierigen Judenhasse, der jeden Tag immer neue und immer grössere Menschenopfer verlangt, ausgesetzt sind, hat unsere westeuropäischen Brüder zu energischer "Hilfeleistung angespornt. Die Frage, wie zu helfen sei, lässt sich nach dem oben Gesagten kurz foigendermassen resümieren: 1. Gemeinsames Zusammenwirken aller grösserer jüdischen philanthropischen Gesellschaften und anderer Organisationen durch eine sie alle vertretende und vereinigende Kommission zum Zwecke der rationellen Hilfeleistung. 2. In erster Linie Regelung und ausgiebige moralische Unterstützung der Emigration, die für einen Teil der russischen Juden als das einzige Rettungsmittel anerkannt werden muss; 3. Erforschung einiger grösserer Länder des nahen Ostens, besonders von Egypten und Kleinasien zum Zweck der Niederlassung grösserer Emigrantengruppen, wo ein Teil des noch immer wandernden Volkes unter günstigeren Verhältnissen, ohne an Leben und Gut momentan bedroht zu sein, ausruhen kann, um Kräfte zu sammeln, um an der endgiltigen Lösung der Judenfrage nach historischen und nationalen Idealen teilzunehmen. Sämtliche Referate, insbesondere das von Prof. Mandelstamm und Leo Motzkin werden mit lebhaftem Beifalle aufgenommen. Das Referat Dr. Mandelstamms übte durch die suggestive Kraft der Persönlichkeit -des Vortragenden, durch die entschlossene Sprache und den warmen Herzenston eine tiefe Wirkung auf die Zuhörer aus. Dem flammenden Appell Leo Motzkins, dass man den Juden Palästina schaffen müsse, folgte stürmischer, sich immer erneuernder Beifall. Hierauf ergriff das Wort Dr. Paul Nathan: „Ich habe kein Referat zu halten, aber ich möchte als erster in der Diskussion etwas betonen, was mir bisher nicht nachdrücklich genug betont worden zu sein scheint. Wenn man die fürchterlichen Ereignisse, die sich in Russland abgespielt haben, aus so beredtem Munde so eingehend geschildert hört, wie es hier geschehen ist, so kann man überzeugt sein, dass alle hier Anwesenden die Empfindung haben, dass man alle Kräfte anspannen muss, um solches für die Zukunft zu verhindern. Herr Motzkin hat gesagt, es muss etwas Grosses geschehen. Niemand wird dem widersprechen, aber die Quintessenz dessen, was Herr Motzkin gesagt hat, gipfelt darin, das grosse Geldmittel zusammengebracht werden müssen, um Palästina zu erringen. Aber Herr Moizkin hat nichts davon gesagt, ob wir Palästina auch haben werden, wenn wir die Geldmittel besitzen. Ich bin überzeugt, dass auch mit den riesigsten Geldmitteln die Judenfrage in keinem Falle gelöst werden wird. Das geht schon daraus hervor, dass die Millionen, die heute für die notleidenden Juden vorhanden sind, in Wirklichkeit nur einen Tropfen auf einen heissen Stein bedeuten und nur das Allergeringste lindern können. All' das ist eben nur Philantropie, damit kann die Judenfrage nicht gelöst werden. Aber gerade, weil wir auf diesem Standpunkte stehen, muss ich zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die Judenfrage überhaupt keine Geldfrage ist, und in diesem Punkte muss ich mich gegen die Ausführungen des Herrn Motzkin, dessen warmes Herz und dessen persönliche Vorzüge ich besonders schätze, wenden. Die Judenfrage wird auch nicht von heute auf morgen gelöst werden. Bin Wort rufe ich Ihnen zu : Die historische Entwicklung. Wir dürfen nicht ungeduldig werden. So furchtbar der Augenblick auch ist, wir dürfen denn doch nicht so klein über das. denken, was in allen Teilen der Welt für die Lösung der Judenfrage bereits geleistet worden ist. Wenn wir um einige Jahrhunderte zusückgehenrund alle die Einrichtungen sehen, die heute in der ganzen Welt für Juden und von Juden geschaffen sind, so müssen wir doch anerkennen, dass wir einen grossen Schritt vorwärts gemacht haben. Das muss uns das Vertrauen geben, dass auch im Osten die Judenfrage gelöst werden wird. Als deutscher Jude werde ich mir bei der Behandlung von innerpolitischen Fragen fremder Länder die grösste Zurückhaltung auferlegen müssen. Ich bin überzeugt davon, dass die russischen Juden nicht nur das Recht, sondern auch die moralische Pflicht haben, sich darüber klar zu werden, ob und wie sie die Judenfrage in Russland gelöst zu sehen wünschen. Aber wir würden unsern Brüdern in Russland einen schlechten Dienst erweisen, wenn wir auf einer internationalen Konferenz ein politisches Programm für ein Land aufstellen wollten, dem wir gar nicht angehören. Wir würden damit nicht nur etwas tun, was über unsere Kräfte hinausgeht, sondern wir würden damit auch die Gefahr heraufbeschwören, dass unsere Ausführungen einen furchtbaren Rückschlag in Russland hervorrufen würden. Ich fürchte, dass kein noch so erleuchteter Kopf das erlösende Wort wird finden können. Wir müssen uns darauf verlassen, dass die Judenfrage nur ein Teil der allgemeinen Menschheitsfrage ist und nur mit ihr zugleich gelöst werden kann. Wir alle, alle, die wir hier zusammengekommen sind, verkörpern die verschiedensten Ideale, und keiner von uns will dem andern etwas von seinem Ideal nehmen. Aber wir können sehr wohl ein gut Stück Weges zusammen gehen. Und wenn wir dafür gemeinsam kämpfen, dass unseren unglücklichen Brüdern in Russland eine bessere Zukunft erwächst, so müssen wir an dem Gedanken fest halten, dass dieses Ziel nur mit der Hebung des Kulturniveaus des russischen Volkes verknüpft ist. Blicken wir nicht in die ferne Zukunft! Überlegen wir uns, was in der allernächsten Zeit an Massregeln in Russland geschehen kann. Wenn wir in dieser Beziehung etwas erreichen, dann ist diese Konferenz nicht vergebens gewesen Prof. Warburg schliesst sich den Ausführungen von Dr. Nathan insofern an, als auch er der Ansicht ist, dass die Lösung der Judenfrage in einer fernen Zukunft liegt, und dass sich die Brüsseler Konferenz nicht mit den inneren Angelegenheiten der russischen Juden beschäftigen dürfe. Es bleibt also als wichtigster Punkt die Migrationsfrage. Wie die meisten grossen Volkswanderungen der Neuzeit, so richtet sich auch die jüdische vor allem nach Ländern mit entwickelter oder in Entwickelung begriffener Industrie. Während ausser den westeuropäischea Ländern bis vor kurzem die vereinigten Staaten das beinahe einzige Auswanderun^sland waren, wohin in den Jahren 1880-1904 allein 880 000 russische Juden auswanderten (allein 80000 nach Grossbritanien, 40 000 nach Frankreich, 15 000 nach Deutschland), so sind seit einiger Zeit auch wirtschaftlich geringere Länder, wie Kanada, Südafrika und Argentina, wichtige Einwanderungszentren geworden, und werden sich in der Zukunft noch weiter nach dieser Richtung entwickeln, was um so notwendiger ist, als sich die alten Einwanderungsländer immer mehr gegen die Immigration verschliessen. Auch noch andere Länder könnten grosse Mengen russischer Juden aufnehmen, wie Mexiko, Australien, Neuzeeland, wenn daselbst erst grössere jüdischen Zentren entstehen. Besonders aber sollten wir den Orient mehr ins Auge fassen als bisher, wo z. B. besonders Egypten ein sehr schnell aufblühendes Land darstellt, wohin in den letzten Jahren allein ca. 30 000 Armenier eingewandert sind und sich wohl fühlen. Vortragender verliest einige Stellen aus Briefen aus Egypten, die bekunden, dass es daselbst für gelernte Handwerker und Arbeiter noch Existenzmöglichkeiten genug giebt, aber gleichzeitig betonen, dass es wünschenswert sei, in den Hauptplätzen Egyptens Einwanderungs- resp. Auskunftbureaus einzurichten. Ferner macht Vortragender auf die glänzenden Aussichten aufmerksam, die das englische Schutzgebiet nach Herstellung der pr jektierten Kanäle bieten wird und auf die Ländereien, die später eine Bevölkerung von 20—40 Millionen leicht werden ernähren können. Gerade der Orient sei ein Arbeitsgebiet, wo sich die verschiedenen auf der Brüsseler Konferenz vereinigten Organisationen auch gemeinsam betätigen können; zur Einleitung solcher gemeinsamer Arbeit schlägt Prof. Warburg folgende Resolution vor: „Die auf der Brüsseler Konferenz anwesenden Vertreter der jüdischen Organisationen drücken den Wunsch aus, dass die verschiedenen Organisationen sich an der Bildung einer Kommission beteiligen, welche den Orient inbezug auf Immigrations- und Kolonisations-Möglichkeit für die russischen Juden studieren soll. Diese Kommission, für welche die Mittel von den beteiligten Or_

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