Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 -No. 5 und lange Zeit andauern wird, bedroht nicht nur das Leben und Gut der russischen Juden, sondern bewirkt auch eine derartige Verarmung derselben, dass einer grossen Zahl von ihnen gar nichts übrig bleibt, als ihren Wohnort sofort zu verlassen und in anderen Ländern Sicherheit und Arbeit zu zuchen. Die Emigration der Juden aus Russland, die schon in den letzten Jahren vor dem Ausbruche der Revolution die Zahl von 100000 überschritten hat, wächst jetzt in das Ungeheure, und so sehen wir schon jetzt, trotz der Winterzeit, die Juden massenhaft in der Auswanderung begriffen, die im Frühlinge sich bedeutend verstärken und die grossen Ziffern der letzten Jahre um das 5-fache, vielleicht sogar um das 10-fache übertreffen wird. Dieser riesige Emigrationsstrom kann durch keine Beschlussfassungen ausländischer philanthropischer Vereine, durch keine Abneigung der Gemeinden der aufzusuchenden Länder, durch keine grossmütigen Geldsendungen zur Milderung der in Russland herrschenden Not verhindert oder verkleinert werden, denn er ist von Todesangst getrieben und wird von Hungersnot unterstützt. Die verschiedenartigen Warnungen gegen die Emigration und ihre Dimensionen, die in einigen speziellen Zeitungen erscheinen, erreichen ihren Zweck nicht, werden ganz unbeachtet gelassen und rufen bloss den peinlichen Eindruck einer das Nationalgefühl beleidigenden, abstossenden Tat von der Seite hervor, woher man Mitgefühl und fiilfe erwartet. Plan- und regellos sich selbst überlassen ist diese Emigration mit grossen Gefahren für die zahlreichen armen Wanderer verbunden, und es ist deshalb Pflicht der grösseren europäischen und amerikanischen philanthropischen Vereine, alle Versuche, dieselbe zu unterdrücken, aufzugeben und vielmehr die ihnen zur Disposition stehenden moralischen Kräfte und Geldmittel dazu zu verwenden, um das Chaotische in der Emigration mehr oder weniger zu regulieren, deren Gefahren zu verringern und deren Endziele zu bessern. Mit den grossen Geldsendungen nach den ausgeraubten jüdischen Städten in Russland, mit der reichlichen Almosenverteilung an die Verarmten wird fast nichts erreicht, und kann die Emigration nicht verhindert werden. Denn die riesigen, "Hunderte Millionen erreichenden Verluste können auch durch die grössten philanthropischen Anstrengungen nicht gedeckt werden, können Hunderttausende von Verarmten nicht aufrichten und den Arbeitlosen Arbeit schaffen, und was das Wichtigste ist, sind ist nicht im Stande für die Vorbeugung der weiteren Gefahren die geringste Gewähr zu leisten. Es wird oft vielmehr das entgegengesetzte Resultat erzielt, es wird ein System von Schmarotzern unter einer gesunden und arbeitsfähigen Bevölkerung geschaffen, es wird die akute Not zu chronischer Bettelei grossgezogen. Es ist also Pflicht der mit grossen Geldkräften ausgerüsteten und moralisch gut besetzten philanthropischenVereinigungen — mit besonderer Liebe möchte ich den Hilfsverein deutscher Juden nennen, der sich in einer kurzen Zeit einen hervorragenden Rang zu erobern wusste,— sich nicht mit Almosenverteilung und kleinlicher Arbeit zu befassen, sondern ein grosses Werk für die Verunglückten ins Auge zu fassen, um die Verarmten nicht zu Schnorrern und Bettlern zu machen, sondern nach Mitteln zu suchen, die ihnen zur Sicherheit und Arbeit verhelfen können. Die endgültige Lösung dieser Probleme, die nur in der Zukunft in der national-jüdischenWiedergeburt unseres Volkes möglich ist, ist den wachsenden Volksorganisationen selbst zu überlassen, die philanthropischen Vereine haben sich in erster Linie mit der Emigration und deren Regulierung zu befassen und für dieselbe ihreMittel hauptsächlich zu verwenden. Selbstverständlich handelt es sich nicht darum, die Emigration an die grosse Glocke zu hängen, es handelt sich nicht um eine tatsächliche Transferierung einer bestimmten oder vielmehr unbestimmten Anzahl von russischen Juden nach Amerika, Südafrika und anderen Weltteilen und Ländern, sondern nur um die Regulierung der in Bewegung gesetzten Emigrationsmassen, um die moralische Unterstützung der in Wanderung begriffenen, es handelt sich darum, die Emigration zielbewusst zu machen, sie zu qualifizieren und dem Emigranten, der seine Scholle verlassen hat, zu verhelfen, auf einem entsprechenden Orte festen Fuss zu fassen. Gründung von Ausktinftsbureaus für Emigration und Immigration, Schaffung von billigen, hygienischen und bequemen Transportmitteln, Vermittlung beim behördlichem Verkehre, Passregulierung, ärztlicher Schutz und Hilfe, Arbeiterbureaus, Abendschulen für Erwachsene zur Erlernung der Landessprachen, Schulen für Emigrantenkinder und eine ganze Reihe von anderen Hilfsmitteln ausfindig zu machen wird die dankbare Aufgabe der von allen Vereinen einzusetzenden Kommission sein. Die Kommission muss eine einheitliche sein, sie muss mehrere zum Zwecke der L migrationssache vereinigte Gesellschaften vertreten, dadurch wird Ordnung in der ganzen Tätigkeit geschaffen, eventuell die Grundlage gelegt zu einem Zusammenwirken aller philanthropischen Gesellschaften auch in anderen jüdischen Angelegenheiten, zu einer Organisation des jüdischen Volkes. Zu dieser schwierigen Aufgabe sollen auch andere nicht philanthropische jüdische Organisationen, wie die zionistische, die für diese Zwecke ihre Gelder nicht verwenden kann, die aber moralisch durch die Beteiligung ihrer intelligenten Mitglieder vieles zu leisten im Stande ist, herangezogen werden. Es ist hier nicht der Ort, über Details nnd technische Angelegenheiten zu sprechen, aber ein Punkt in der grossen Emigrationsfrage soll hier wegen seiner Neuheit und grossen Wichtigkeit besonders unterstrichen werden, und zwar die Frage der Emigration nach dem Osten. Während in den letzten 30 Jahren die westlichen Länder, hauptsächlich die Vereinigten Staaten Amerikas, Canada, Argentinien, Südafrika und England die Emigrationspunkte für die russischen Juden waren, sind die Länder des näheren Ostens, mit Ausnahme Palästinas, dessen Besiedelung rein zionistischen Zwecken entspricht, von der Emigration aus Russland ganz frei geblieben. Gründe hierfür sind wohl viele vorhanden und es spielten dabei das Fehlen von industrieller Entwicklung, das absolutistische asiatische Regime und der tiefe kulturelle Schlaf, in den der Osten seit langem verfallen ist, wohl die Hauptrolle. Da aber in den letzten Jahren, dank der Occupierung Egyptens durch England, dank dem beginnenden cuiturellen Einflüsse von europäischen Staaten wie England, Deutschland auch auf die Länder der Türkei, der Osten zu einem neuen Leben zu erwachen scheint und da die Emigrationsfrage auch die Kolonisation in sich einschlichst, wozu die meisten fruchtbaren Länder des Ostens ganz geeignet erscheinen, dürfte die Emigration der Juden aus Russland nach dem Orient mit Erfolg in Betracht gezogen und legenstand der Forschung für Emigrations- und philanthropische Vereine werden. Es liegen noch gar keine positiven Erfahrungen darüber vor, aber etwas ist im minimalen Massstabe dennoch probeweise geschehen und wartet seiner weiteren Ausbildung. Es handelt sich um die kleinen kolonisatorischen Versuche in Anatolien auf dem vom Sultan den ausgetriebenen rumänischen Juden zugewiesenen Landstrecken, die von Prof. Warburg weiter unterstützt wurden und um die Einwanderung russich-jüdischer Handwerker nach Egypten. Nach den Kischinewer Judenexzessen im Jahre 1903 kam aus Egypten eine private Anregung mehrerer Handwerkerfamilien, die aus Russland auswandern mussten, nach den Grosstädten Egyptens zu dirigieren, wo ihnen Arbeit und ruhige Existenz zugesagt wurde. Die Emigration nach Egypten hatte für sich folgende theoretische Erwägung: 1) das Wachsen und industrielle Emporblühen der Grosstädte Egyptens wie Alexandria, Cairo, Pord-Said seit der englischen Occupirung, 2.) die seit der englischen Occupieiung daselbst eingetretenen besseren Rechtsverhältnisse, die auch den Juden Schutz und Sicherheit gewähren, 3.) die geringen Reisespesen für Emigranten aus Südrussland - das Billet aus Odessa nach Alexandria kostet 13 Rubel, während die Reise nach Amerika das ö fache beträgt, 4.) diegeringe Entfernung, wodurch Familienbeziehungen zwischen Auswanderern und Zurückgebliebenen mit Leichtigkeit aufrecht erhalten werden können, 5. das Existieren jüdischer orthodoxer Gerneinden in egyptischen Städten. Diese Erwägungen bewogen mich, versuchsweise 4 Handwerkerfamilien aus Kischinew, (2 Tischler, 1 Schuster, 1 Sattler — unter diesen waren auch einige handfertige Mädchen — Modistinnen und Zigarettenarbeiterinnen), die im Begriffe waren, aus Russland zu emigrieren, zuzureden, einen Versuch mit Egypten zu machen, was auch zur vollkommenen Zufriedenheit dieser Familien geschehen ist, da sie schon eine Woche nach ihrer Ankunft Arbeit und Existenz fanden. Aus einem von ihnen nach einiger Zeit angelangten Briefe erfuhr ich, dass es ihnen gut gehe, dass aber ihnen die Unkenntnis der Landessprache Schwierigkeiten machte (arabisch und italienisch oder französisch), was für Handwerker von grosser Bedeutung sei. Im Laufe des nächsten Jahres sind noch mehrere Handwerkerfamilien und Arbeiter nach Egypten ausgewandert (Tischler, Buchbinder und Spiegelarbeiter), die sämtlich dort geblieben sind und nach einiger Zeit auch ihre Familien nachkommen Hessen. Laut einem Berichte in Nr. "> des Korrespondenzblattes für Auswanderungsangelegenheiten sollen auch aus anderen Städten Russlands Handwerker in Egypte eingewandert sein, zusammen bis 200 Familien. Nach den blutigen Ereignissen im Oktober vorigen Jahres wurden wiederum mit Egypten Verbindungen angeknüpft, wobei ein Brief kam, in welchem es heisst: Es wäre jetzt am Platze, wiederum 20—30 Handwerker-Familien — Schlosser, Mechaniker, Elektrotechniker, Buchbinder, Holzschnitzer, Schneider und Goldarbeiter herzuschicken. Die Angelangten sollen ihre Werkzeuge mithaben und eine Geldsumme von mindestens 20 Rubeln Bargeld. Von grosser Wichtigkeit sind die moralischen Eigenschaften der Emigranten, denn von ihrer Lebensweise und Aufführung hier in Egypten, (wo die Fremden sich grösserer Freiheiten als die Einheimischen erfreuen, Freiheiten, von welchen man „in Europa keine richtige Vorstellungen hat), ihr eigenes Schicksal und dasjenige der weiterer Einwanderer abhängt. In einem von anderer Seite mir zugekommenen Berichte heisst es