Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-02-02 · 5 (2.2.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316192--47761-3342661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

No.5 die2|eelt 13 Verwaltung und der Polizei grosse Kreise gibt, die Pogrome herbeisehnen, ist eine Tatsache. Mögen auch die jetzigen Stadtvertretungen noch so schlecht und undemokratisch zusammengesetzt sein, jedenfalls sind die Abgeordneten doch nicht Polizeibeamte, sondern bestimmte bürgerliche Elemente. Nun haben sich aber die Stadtvertretungen während der Gemetzel meist geradezu erbärmlich benommen, zumeist nicht einen Schritt getan, um das Unglück abzuwenden. Die Kiewer Duma sah sich sogar veranlasst, dem Militär für sein Verhalten den Dank auszusprechen und die Soldaten mit Tee zu belohnen. In derselben Stadt Kiew fanden sich ja auch viele Bürger, darunter 4 Professoren, bereit, dem Redakteur des judenfeindlichen „Kiewlianin", einem Manne, der jetzt mit Kruschewan wetteifert, gerade nach den Pogromen eine Adresse zu überreichen. Selbstverständlich soll damit die Rolle der Intellektuellen nicht charakterisiert werden, sondern <'aran erinnert werden, dass auch grosse Teile der sogenannten Gebildeten gegen uns sind und die Gefahr, in der wir uns befinden, verschärfen. Oder wird uns von der russischen Geistlichkeit -Hilfe kommen? iiie und da haben Geistliche die plündernden Massen zurückzuhalten gesucht, aber diese Fälle sind vereinzelt, denen fietzakte anderer gegenüberstehen. V. Was hat nun die Selbstwehr geleistet? Wie hat sie sich bewährt? Da muss vor allem daran erinnert werden, dass der schwere Schlag die russischen Juden in einem Augenblicke getroffen hat, da sie am wenigsten solche Ereignisse erwarteten, da sie sich eher in einem Zustande des Entzückens, der Trunkenheit über erreichte oder zu erreichende Erfolge befanden. Die Plötzlichkeit des Geschehenen, das Unerwartete hatte einen planvollen Widerstand unmöglich g m^cht. Überhaupt hat es sich gezeigt, dass die jüdische Schutzwehr nicht genügend organisiert und durch Parteizerwürfnisse zerklüftet ist Immerhin ist es ihr auch unter den „abnormen'' Pogromverhältrissen gelungen, hier und da zur Geltung zu kommen. Einzelcrfolge hat sie in Kiew aufzuweisen- In Odessa hat sie ein ganzes Stadtviertel vor dem Excesse bewahrt. In Kischinew hat die Schutzwehr die Hooligans von iem Neuen Markte vertrieben, und die Charlampiewskaja erfolgreich verteidigt, wodurch sie gerade den ärmsten Teil vor Plünderung bewahrt hat Ebenso hat sie in Tschernigow die ganze Piatnitzkaja geschützt, und in der schrecklien heimgesuchten Stadt Kalarasch ist es ihr gelungen, einen Teil der Stadt vor Demolierung zu bewahren. Borissoglebsk soll durch die Selbstwehr vor einem Progrom bewahrt worden sein, tiier und da nahm sie zur List ihre Zuflucht. Als sie an einem Punkte in Krementschug, so wird erzählt, von Kosaken umringt waren, die verlangten, dass sie sich ergeben sollten, da rief einer aus: „Kameraden, gebt die Bomben her!u Dies hatte gewirkt, nicht nur die Hooligans waren verschwunden, sondern auch die Kosaken hatten sich zerstreut. Nirgends allerdings ist es der Selbstwehr trotz ihrer oft heldenhaften und aufopfernden Kämpfe gelungen, wie im vorigen Sommer in Schitomir, die Abschlachtungen von Greisen und indem völlig zu verhindern. Trotzdem hat sie ihre kolossale Bedeutung: l) für partMle Erfolge in den Städten, 2) in den kleinen Orten, wo es kein Militär gibt, bei guter Organisation überhaupt, 3) von Pogrom bis Pogrom als prophylaktisches Mittel. Denn wie viele der Judenkrawalle sind dank dem Bestellen der Selbstwehr überhaupt nicht ausgebrochen! Dazu Kommt der grosse moralische Wert der Selbstwehr. Bei dem gesteigerten Selbstgefühl würden die Juden die Pogrome nicht ertragen können, wenn sie nicht d :s Bewusstseiu hätten, dass ihre Feinde Feiglinge s'nd, dass aber Söhne des jüdischen Volkes bereits ganze Hekatomben für die Ehre der Judenheit gebracht haben. So herrscht jetzt überall grosse Panik, aber die Selbstachtung und die Achtung in den Augen der anderen sind nicht geschwunden. Bis zu welcher Extase der ganze seelische Prozess gehen kann, beweisst folgender, vom „Wosood" erzählter Fall: Als die Helden und Märtyrer von Orscha beerdigt wurden, ging eine einfache Jüdin aus Schklow aufs Grab hinauf nnd sagte also: Vierzehn Jahre habe ich zu Gott um ein Kind gefleht. Dann gab er mir einen Sohn, einen einzigen, der siebzehn Jahre alt geworden ist. Als wir hörten, dass die Juden n Orscha überfallen werden, da war mein Sohn sofort bereit, nach Orscha zu gehen. Ich hielt ihn nicht zurück, sondern sagte ihm: «Geh' hin, mein Sohn, wo das Blut der Brüder vergossen wird, ich werde mich dem nicht widersetzen.» So hat er seinen Tod gefunden, ich aber will nicht weinen." Als sie ihre Worte geendet, fiel sie bewusstlos nieder. — VI. Schweren Zeiten sehen wir entgegen. Wir wissen ganz genau, dass die schwarzen Banden in Odessa, Kiew u. s. w. sich fest organisieren, um die „revolutionären Juden" im Zaune zu halten, d. h. um Pogrome zu veranstalten, die vielleicht noch fürchterlicher sein könnten; wir hören, dass z. B. in Kischinew zu solchem Zwecke vom Gendarmerieoberst Wassiliew eine Patriotenliga rganisiert ist, eine im Solde der Polizei befindliche Rotte, die mit Revolvern bewaffnet ist und sich vollständig im Schiessen übt, und wir wissen schliesslich, dass die schwarzen Banden an vielen Orten nicht nur von 18 Polizeikreisen, sondern auch von anderen Elementen, die um ihren Einfluss besorgt sind, begünstigt werden. Ja, in den Kreisen, die für die Erhaltung des bisherigen Status sind, macht sich sogar eine grössere antisemitische Strömung bemerkbar; manche, die sich früher vom Antisemitismus ferngehalten haben, sind jetzt wütende Judenhetzer geworden. Wir ha en auch nicht die absolute Sicherheit, duss uns im Notfalle die Arbeiterbataillons zur Seite stehen werden und ob sie dazu in der Lage sein werden, wenn sie wirklich vom Wunsche durchdrungen sei?: werden. Den Brüdern im Westen können wir nur sagen: „Gebet acht, glaubet nicht, dass ihr mit eurer Hilfsarbeit fertig seid, benützt diejenigen Machtmittel, die euch zugebote stehen, um uns zu stärken und den Feind zu schwächen. Wir in Russland selbst werden ja hauptsächlich a u f d i e Selbst w ehr angewiesen sein, auf die Selbstwchr in dieser oder jener Form.* Es erstehen aber auch andere schwere Probleme eines für die jüdische Demokratie in Russland und ein zweites für die westeuropäischen Juden. Vor der jüdischen Demokratie in Russland in allen ihren Schattierungen dürfte unwillkürlich die ernste Frage erstehen, ob sie bei der Aufstellunr der Forderung einer demokratischen Republik durchaus beharren muss, selbst wenn diese Au [Stellung (und bei denen, die an die Erreichung der Republik nicht g'auben, handelt es sich doch nur um die Aufstellung des Prinzips) schon an und für sich mit den unermessüehen Opfern — vielleicht Hunderttausenden von Juden - verbunden ist. Doch ist nicht diese Versammlung eine Arena, in der ich das Für und Wider dieser wichtigen Angelegenheit abwägen möchte - zu einer Zeit, da der Freiheitskampf tobt. Ich habe das Problem nur angedeutet. Das andere Problem ist aber die Judenfrage an und für sich. Die westeuropäischen Juden, die immer wieder auf die Not ihrer Brüder gestossen werden, die auch Zeit haben, nachzudenken da sie nicht im Kampfe drin steilen, werden sich endlich einmal das jüdische Problem in seiner ganzen Furchtbarkeit vorlegen müssen. Warum versuchen sie, nur de,.i Augenblick abzuhelfen? So ist es in den achtziger Jahren, so im Jahre 1891, so auch jetzt, -o oft über die Juden eine Katastrophe hereinbricht. W nin werden sich die europäischen Juden sagen, dass es gilt, das . *dische Problem für immer abzuschaffen? Die Zionisten habe seit Jahren die grosse Lösung angegeben, sie sind jedoch nur ein Bruchteil des jüdischen Volkes geblieben und haben darum die Machtmittel nicht erlangt, die für ein so grosses Werk notwendig sind. Die praktischen Leute sagen gewöhnlich den Zionisten : Gebt uns erst Palästina, so werden wir euch die erforderlichen Machtmittel gewähren. Nein, umgekehrt haben wir jenen zu antworten : Schafft uns die vachtmittel, so werden wir euch das Land geben! Anschliessend daran folgen Berichte des Dr. Leo Kohan- Kischinew über: DIE EMIGRATION Die russi>ehe Revolution winde bei ihrem Anfange von allen Juden des Reiches ohne Ausnahme, unabhängig von Weltanschauung und Klassenzugehörigkeit mit Freude und Huffnung begrüsst. Wohl ist das politische Programm verschiedene- Gruppen und Klassen stark verschieden, und im Zusammenhange damit auch der Grad der Beteil gung an der revolutionären Bewegung, aber Eines erwarteten alle mit grossei Zuversicht, dass mit der Abschaffung des a .>solutisti>ch - bureaukraiischen Systems auch der Rechtlosigkeit der Juden mit deren Verfolgungen, Unterdrückungen und der bestialischen Exzessen eventuell ein Einlegern .cht werden kann. Die Ansichten aber über den Wert der tu erreichenden Gleichberechtigung sind nicht bei allen Jiu'en dieselben, und wne es scheint, sieht im Allgemeinen das Volk, was praktische R, sulU;'e anbelangt, mit einem nicht geringen Misstrauen der zu erlangenden Gleichberechtigung und ihren Folgen entgegen, besonders aber nach den entsetzlichen, blutigen Oktobertagen, die dem Freiheitsmanueste auf die Spur gefolgt sind. Es ist den russischen Juden klar und deutlich geworden, dass gleichzeitig und parallel mit jedem revolutionären Ereignisse im Lande, sehr gefährliche Judenexzesse auch weiterhin vorkommen werden, ganz egal, ob sie von der Regierung als terroristischer Racheakt provoziert oder vom tief eingewurzelten Judenbasse der russischen Volksmassen hervorgerufen werden. Die Revolution, die 'noch grosse Kämpfe durchzumachen hat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.