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Die Welt · 1906-02-02 · 5 (2.2.1906) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIE^ELT No.5 war nur ein Ton zu vernehmen, die Empörung gegen die Kontrerevolution. Man vergass ganz, dass es sich nicht nur um Rechte, sondern auch jiii Menschen handelte. Dem Unheil suchte nun aus revolutionärem Prinzip zu steuern, so dass wir Juden als Menschen i/anz ausgeschaltet waren und nur als Kampfobjekt und Kampfmittel dastanden. Gerade aber die ewige Bedeutung der Kontrerevolution — von einzelnen tief empfundenen Auslassungen wie derjenigen des Prof. Bulgakow abgesehen hat den Wert der uns gewährten Hilfe wesentlich geschmälert. Die Presse der Hauptstadt hat sich sogar ben üht, unsere Existenz zu verschweigen, und statt trostenden Mitgefühls über unser unendliches Leid, statt Entsetzens über die Hölle, die sich für ein ganzes Volk ..ufgetan hat, fanden wir von einem Teile der Provinzpresse, abg< scheue allgemeine Betrachtungnn, in denen wir, die wir das grösste erduldet haben und wie niem nd vogelfrei geworden sind, an letzter Stelle mitgenannt worden. Man vergass ganz, dass vielleicht drei Viertel der Kontrerevolution im russischen Riesenreiche die Juden und zwar die Juden als Einheit, uruerschiedlos getroffen haben. Eine gewisse Genugthuung bereitet uns der Umstand, der hervorgehoben werden muss, dass aus den radikalsten Kreisen eine Reihe von Nichtjuden unseren Brüdern im Kampfe fürLebenund Tod in aktivster Form beigestanden hat, dass auch verschiedene von ihnen den Tod gefunden haben. Blinow, der Held von Schitomir, ist keineswegs vereinzelt geblieben, eine Reihe anderer hat sich ihm angeschlossen. Diese Kämpfer mögen zwar auch für ihre Sache, die Sache der Freiheit gekämpft haben, aber die Intensivita't ihrer Auiopferungskraft n der Verteidigung der Juden muss doch zugleich zweifellos auf Rechnung ihres Menschlichkeitsgefühls u d ihrer Empfindungen für die Verfolgten gesetzt werden und hat ihre T..-t doppelt geheiligt. Allein wa> für die einzelnen, namentlich die Intellektuellen gilt, kann nicht auf die grosse Masse des russ sehen Proletariats übertragen werben. Denn mit wenigen Ausnahmen ist selbs die organisierte Masse den Kämpfen für unser Leben, den Kämpfen gegen unser«: -'einiger ferngeblieben. Noch ist nicht alis aufgeklärt, noch möchten wir kein absolutes, abschliessendes Urteil darüber fallen, inwieweit der Wille, inwieweit die Macht hier gefehlt hat, aber soviel steht fest, dass die uns von dieser Seite gewährte FÜlfe am letzten Ende gleich null gewesen ist, soweit es siel; um die proletarische Masse handelt. Das aus autoritativen Kreisen der Sozialdemokratie gemachte Zugeständnis, dass die russische Arbeiterschaft während der Judenmassakres „nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe gestanden habe", ist für uns umso schwerwiegender, als eine Metamorphose in dieser Hinsicht trotz aller nachherigen Resolutionen nicht so schnell zu erreichen ist. Dieses Element ist indes in den Städten das einzige, dessen organisierte Hilfe für uns auch in der Zukunft bei neuen Ausbrüchen in Betracht kommen kann. Allerdings ist zuzugehen, dass der Kampf mit und für die Juden nicht leicht und nicht einfach ist. Eine wirkliehe Hilfe hätte das russische Proletariat den Überfallenen Juden nur dann gewähren können, wenn es auch nur an ein paar Steilen den Pogrom in einen bewaffneten Volksaufstand verwandelt hätte, da diese Taktik der Arbeiterkreise die russische Bureaukrritic vor weiteren gefährlichen Experimenten abgeschreckt hätte, oder auch vielleicht, wenn es zum allgemeinen Streik gegriffen hätte. Es ist aber eine grosse Frage, ob die Teilnahme der organisierten russischen Arbeiterinassen für unser Schicksal so gross werden kann. Denn auch die nach den Pogromen eingetretenen Ereignisse berechtigen uns zu Zweifeln. Wohl haben verschiedene Gruppen von organisierten Arbeitern, namentlich aus den Kreisen der Eisenbahner nach den Exccssen öffentliche Erklärungen abgegeben, dass sie Judenexcesse nicht dulden, dass sie sich solchen aktiv widersetzen würden. Warum aber, fragt ran mit Recht, hat das Proletariat sich nicht bewogen gefühlt, nach den Pogromen den allgemeinen Streik als Protest gegen die Niederträchtigkeiten zu proklamieren? Warum hat der Rat der Arbeiterdelegierten, der eine Zeit lang von der Regierung gefürchtet wurde und- Line imponierende Macht darstellte, sich zu diesem Kampfmittel nicht entschlossen, mit dem er die Verhängimg des Kriegszustandes über Polen sofort beantwortet hat? Wenn schon die Pogrome gegen die Juden nur als eine Kontrerevolution betrachtet wird, dann hätte sie, die blutigste und qualvollste von allen, doch jedenfalls mit einem entsprechenden revolutionären Akte beantwortet werden müssen. Dass gerade in diesem Falle selbst die politische Logik versagt hat, ist mehr als bedenklich. Was die Bauern anbelangt, so ist ihre Rolle während der Judenmassakres nicht so bedeutend gewesen. Dass viele Tausende von ihnen sich an Judengut haben bereichern wollen und massenhaft mit ihren Wagen in die Städte herbeiströmten, um ihren Teil einzuheimsen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Bei der Gelegenheit der von den Behörden konzessionierten Raubzüge hat sich überhaupt die Kleptomanie als eine Epidemie erwiesen, der auch die B uern nicht haben widerstehen können- Bei sich zuhause haben sie aber vielfach die Juden geschützt Pogrome verhindert, die von der Organisation entsandten Hetzagenten geprügelt und Resolutionen gegen Pogrome gefasst. Allein andere Bauerngemeinden haben selber regelrechte Pogrome veranstaltet, die zuweilen auch in Metzeleien ausgeartet sind. Das Verhalten der Bauern ist durch verschiedene Urnstände bedingt, Gegenwärtig führen sie, wie man sagt, einen erbitterten Kampf gegen die Grundbesitzer, deren Boden sie beanspruchen; wenn nun in diesem Kampfe die Grun besitzer oder die Polizeibeamten deren Zorn die Juden abzulenken versuchen, so gelingt es nur selten. Das Verbot des Landankaufes hat die Juden vom KampfobjJU losgelöst Wer we ss, welch ein Ungcwitter sich über die Juden entladen hätte, wenn die Zahl der jüdischen Grundbesitzer, wenn auch nur noch so klein sein würde. Jetzt aber verti ög n es die sozialistischen Agitatoren, so oft den Bauern ein Judenpogrom angeraten wird, diesen klarzumachen, weiche Absicht dahinter steckt. Wo aber die Bauern in den Dörfern einen Judenkrawall nicht wollen, da ist der Wille der Polizei oder der Agenten der Reaktion machtlos. Wenn auch demnach das Verhalten der Bauern mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Kämpfe in manchen Provinzen momentan für die Juden vertrauenerweckend ist, so ist doch die Position der Juden auch hier nicht gesichert. Schon ganz davon abgesehen, dass diejenigen Elemente unter den Bauern, die über grösseren Landbesitz verfügen, und die jetzige Agrarbewegung hüssen, meist zugleich auch gegen die Juden vorgehen möchten, sind doch überhaupt die russischen Bauern noch so unwissend und so unentwickelt, dass man nichts voraussagen darf, zumal da der Bauernaufmhr überhaupt corbitante Formen annehmen und wie ein Lavastrom sich über alles ergiessen kann. Dass die Juden sich auch in sehr vieler» Dörfern nicht sicher fühlen, beweist ja die Tatsache, dass so viele sich in die Städte flüchten, denn wo sie in den Dörfern gefährdet und, da sehen sie der Zukunft mit der grössten Furcht entgegen, da erleben sie tagtäglich die Qualen der Hölle. In der nächsten Zukunft kommen ja übrigens hauptsächlich die Städte in Betracht, da in ihnen das Gros der russischen Judenheit konzentriert ist. Wenn man nun fragt, wie sich das städtische Element, abgesehen von den liberalen oder radikalen Intellektuellen und dem Arbeitcrproletanat, über die wir ja bereits gesprochen, in den Oktobertagen verhalten hat, so ist die Antwort keineswegs tröstlich. Es unterliegt keinem Zweifel, dass ein sehr grosser Teil der Gross- und Kleinbürger, die doch die Majorität der meisten von Juden bewohnten Städte ausmachen, mit den Exzessen mehr oder minder sympathisiert hat. Wo nicht Sympathie, da war wenigstens Indifferentismus an den Tag getreten. Noch jetzt sind die Kreuze, die an den christlichen Läden in den Hauptstrassen Kiews zu erblicken sind, ein unheimliches Zeichen. Als die Juden überfallen wurden, da waren alle diese Elemente gleich daran, ihren Vorzug durch Ausstellung von Heiligenbildern, durch Kreuze kundzugeben. Nun darüber ist mit ihnen nicht zu rechten; wie mögen auch manche von ihnen gezittert haben! Alier wie war sonst das Verhalten der gewöhnlichen Sp essbürger? Wäre die gesamte nichtjüdische Bevölkerung von Em; örung üb--: die von der Regierung hervorgerufenen Judenkraw die erfüllt gewesen, so wäre es ja überall ein Leichtes gewesen, die zwischen Christen meist bei christlichen Wirten zerstreut wohnenden Juden in christlichen Wohnungen vor Misshandlungen und Tod zu bergen We; n nun aber /weifellos viele ein Erbarmen und einzelne sogar warme, tätige Menschlichkeit gezeigt haben, so ist es doch für die Juden wichtiger, d ss die Flüchtenden so oft auf das Gegenteil, meist wider Erwarten, gestossen sind. I ii ' ontUe bereits aus meiner Kenntnis eine ganze Kollektion von Fällen vorführen, die geradezu erschreckend wirken. Denn nicht immer sind es gewöhnliche Spiessbürgcr, die ihren in höchster An st um ihr Leben befindlichen jüdischen Mitbürgern die Tür versperrt und diese so der Todesgefahr ausgesetzt haben. Selbst Akademiker haben zuweilen ein solches Verhalten an den Tag gelegt. Wenn es geschehen kann, dass ein Professor gegen das Sich verbergen einer jüdischen Familie in dem von ihm mitbewohnten Hotel protestiert, wenn ein Arzt die Frau eines Kollegen, der mit ihm zu Lebzeiten lange Jahre nahe verkehrt hatte, nebst Kindern zuerst in die Küche aufnimmt und dann mit rohen Worten zum Weggang zwingt, wenn der Arzt eines Krankenhauses eine jüdische Gebärerin während der furchtbarsten Szenen zurückweist usw. usw., so ist es klar, dass der Begriff des Hooligan doch sehr ausgedehnt werden muss, jedenfalls bis zu jenem Professor, der in Odessa einem Soldaten Branntwein gab und zugleich auf eine Wohnung zeigte, in die sich ein Jude geflüchtet hatte. Dass es, wie gesagt, ausser der

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