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Die Welt · 1906-02-02 · 5 (2.2.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 5 - DIE^EELT 11 Bis zum 24. Dezember waren* in^Kiew 7600 Gesuche (meist von Familien) beim Hilfskomitee eingereicht, d. h. ungefähr die Hälfte der jüdischen Bevölkerung einer der reichsten jüdischen Städte musste an die Hilfe anderer appellieren. Ähnlich ist das Bild in Odessa, wo allein von den Handwerkern 2916 (mit einer Kopfzahl von ca. 9200 Personen) betroffen und insgesamt gegen 30000 Personen ins Unglück gestürzt sind. Ist doch hier das Elend um so fürchterlicher, da neben den Geplünderten so viel Krüppel, Invaliden, Waisen herumlaufen. Hier waren nur einige Andeutungen über Kiew . und Odessa gemacht. Einen wirklichen Überblick über das Gesamtbild werden wir ja erst nach einiger Zeit haben, wenn der Schaden nicht nur von den grossen Orten, wie Odessa, Kiew, Rostow, Saratow, Nikolajew, Cherson, Jekaterinoslaw usw., wenn der Schaden der gänzlich niedergebrannten Orte, wie Golta, Olwiopol u. a., fixiert sein wird, sondern auch die Verluste der kleinen Ortschaften feststehen werden. Haben doch selbst nicht grosse Städte, wie Alexandrowsk, Mariupol u. a. Millionen Schaden gehabt. Und nun der indirekte Verlust, der durch die völlige Krisis in Handel und Gewerbe entstanden ist, der eine unerhörte Arbeitslosigkeit, einen Pauperismus hervorgerufen, dass man sich fragt: Was wird es werden? wie wird diese Masse weiter existieren? Wenn schon die festen Berufe, wie Handwerk uud Handel, völlig lahm gelegt sind, wie traurig ist nun gar das Los der Juden, die zufällig etwas verdienten, der zahllosen Vermittler, der Menschen mit Eintagsberufen? Zahlreiche Familien, die in normalen Zeiten 2000—3000 Rubel verdienten, sind jetzt brotlos und in der nächsten Zukunft dem Hunger ausgesetzt. Im gegenwärtigen Momente tritt das Unheil noch nicht in so drohender Weise hervor, da die Hilfskomitees die schlimmste Not gemildert haben. Aber wie weit die gewährte Hilfe vom Ziel ist, sieht man ja daraus, dass in Odessa ein Handwerker im Durchschnitt eine Unterstützung von etwa 25 Rubeln (in Kiew wohl 35 bis 40 Rubel) erhalten hat. Das Geld ist in vielen Fällen bereits verbraucht, und der Hunger ist da. Der Süden Russlands galt als der begüterte Teil des Ansiedlungsrayons, nunmehr ist das arme Litauen das reiche geworden. Aber wer vermag zu prophezeien, was Litauens harrt? Die ganze Welt weiss, dass die russischen Behörden an den Pogromen einen ungewöhnlichen Anteil genommen haben, f Die aktive Rolle dieser Behörden geht aber nicht allein aus ihrem Gesamtverhalten, sondern auch aus der Tatsache hervor, dass die Pogrome gleichzeitig stattgefunden haben, ohne dass auf jüdischer Seite jemand auch nur eine Ahnung gehabt hätte. Gewöhnlich gehen doch solchen vulkanartigen Ausbrüchen gewisse Erregungen voran. Dass eine regelrechte Organisation der Judenmassacres bestanden hat, unterliegt auch nicht dem geringsten Zweifel. Es haben jedoch die treibenden Kräfte dieser Organisation für Mord und Menschentortür, die, wie jedem einleuchtet, in hohen Verwaltungskreisen zu suchen sind, verstanden, geschikter als zur Zeit Plehwes den ganzen Sachverhalt zu verhüllen. Die Spitzen haben auf jegliche Weise gesucht, sich möglichst wenig zu kompromittieren, allerdings ist es ihnen nicht ganz gelungen. Wenn bei der Nachricht vom bevorstehenden Ausbruch eines Judenpogroms der Gouverneur von Tschernigow depeschiert, dass man „den patriotrschen Gefühäusserungen sich nicht widersetzen solle,a so ist es jedem klar, welchen Sinn die Anordnung haben muss; wenn Gouverneure und oberste Verwaltungsbeamte während der Exzesse und fürchterlichsten Greuel sich vom mordenden Mob Hurrah zurufen lassen und dem Gesindel von verkleideten Polizeibeamten und sonstigen Plünderern freundschaftlich zunicken, wie es in Odessa, Kiew und anderen Orten geschehen ist, so ist es doch zweifellos die Folge wohlüberlegter Politik. Wie unsicher übrigens die Schuldigen sich in ihrer Position fühlen, folgt aus der höchst auffallenden Erscheinung, dass die schwere, vom Bergindustriellen Lwow vor etwa zwei Monaten in einer Zeitung gegen eine Reihe der hevorragendsten Verwaltungsbeamten erhobene Anschuldigung nicht eine einzige Beleidigungsklage zur Folge gnhabt hat. Da waren sie alle, die Kurlows, Neidharts u. s. w. mit Namen genannt, da war die Spitze ihrer Organisation, General Bogdanowitsch, da war eine Reihe von Einzelheiten über die Vorgänge in dieser, 6000 Personen umfassende Organisation angegeben, wie sie die Pogrome arrangiert und vorbereitet hatten, aber statt aufwallender Empörung war eisiges Schweigen gefolgt. Die schwer kompromittierten, in hohen Verwaltungsämtern befindlichen Personen Hessen den Ankläger, der geradezu zu einer Gerichtsverhandlung herausforderte, unbehelligt, um, wenn auch als Mörder vor aller Welt gestempelt, ihre Position durch eine öffentliche Gerichtsverhandlung nicht ganz und gar unmöglich au machen. D mk der Organisation war das von den Verwaltungsbeamten befolgte System ziemlich einheitlich. Fast überall hatten sie dafür Sorge getragen, dass ein Gerücht ausgesprengt werde, es sei vom Kaiser erlaubt, eine Zeit lang, meist drei Tage lang, die Juden zu plündern, zu morden. Um die unwissenden Massen direkt zu provozieren, wurden Gerüchte über Untaten der Juden verbreitet. Neben der üblichen Erzählung, dass die Juden das Kaiserbild zerrissen hätten, dass die Juden einen der ihrigen zum Herrscher machen wollen, hiess es, die Juden gingen auf die Christen los, die Juden hätten Mönche abgeschlachtet und andere greuliche Täten verübt. „Bewaffnet euch ihr Bürger von Solomenka, die Juden kämpfen/' mit diesem Ruf lief ein Polizeiwachtmeister durch die Strassen einer Vorstadt von Kiew und alarmierte Tausende erschreckter Einwohner auf die Strassen hinaus. Ebenso liess ein Pristaw von Odessa das Gerücht aussprengen, 5000 Juden ziehen gegen Slobodka Romanowka u. s w. Was Wunder, wenn Gouverneure den Juden geradezu Fallen bereiteten und sie durch heuchlerische Versprechungen nur ja bewegen wollten, jegliche Selbstwehrorganisation zu unterlassen, wenn einzelne, wie in Kischincw zur Beruhigung sogar das Wort „Freiheit" schändeten. Nicht die Passivität, sondern die Aktivität der Polizeikreise, der Schutz von Plünderern, selbst die Verteilung von Dolchen und Revolvern an Exzedenten wie im Alexandrowskirevier zu Odessa und an anderen Orten geschehen, die direkte Teilnahme von Polizeibeamten - dies war das Gefährlichste an dem Betragen der entmenschten, um ihre Erpressungsmöglichkeiten besorgt gewordenen Polizei. Selbst die beiden Senatoren Kusminski und Thurau, die eigentlich des Scheines halber nach Odessa und Kiew entsandt waren, um gegen die schuldigen Beamten sozusagen eine Untersuchung einzuleiten, haben schliesslich die Anteilnahme der Polizei an den Greueln nicht völlig ableugnen können und sind sogar gezwungen gewesen, einzelne Schuldige abzusetzen oder in den Anklagezustand zu versetzen, wobei natürlich die am meisten Schuldigen unangetastet blieben. Mit einer Fülle von Material hat neirrdings der bekannte Rechtslehrer Prof. Kossinski auf Grund von Zeugenaussagen, Aussagen von Offizieren und ähnlichen Angaben das verbrecherische Treiben der Odessaer Polizei blossgeiegt. Er saj^t dann: Es ist selbstverständlich, dass hier von einem direkten Befehle zu plündern, zu demolieren und zu morden nicht die Rede sein kann. Aber Obrigkeitspersonen verstehen es, „ohne jeden Befehl" genügend klar und bestimmt ihren Willen zu äussern, der in einer so streng despotischen Organisation, wie die Polizei es ist, schon voll und ganz ausgeführt wird. Abgesehen von der Polizei benahm sich auch ein Teil des Militärs nicht weniger schimpflich. „Zum Schutz von Juden habe ich keine Soldaten", rief in Kiew ein General zynisch aus, als er in Angesicht der scheusslichsten Szenen um Hilfe gebeten wurde, und solche Antworten waren zu Dutzenden aus diesen Kreisen zu vernehmen, wenn auch manche Offiziere über dieses Verhalten empört waren, Der General Bessonow brachte es in Kiew sogar über sich, vor aller Augen in der unerhörtesten Art für den Progrom einzutreten. Als er an einem der belebtesten Punkte der Stadt eine Gruppe Hooligans zerstreut voll Furcht und unschlüssig dastehen sah, stimmte er sie patriotisch, forderte sie geradezu zum Demolieren auf und bewirkte, dass die Kerle, der sie beschützenden Militärmacht eingedenk, Mut bekamen, gegen die jüdischen Mitbürger in der brutalsten Weise vorzugehen. So durften denn an vielen Punkten die Juden froh sein, wenn an Ort und Stelle oder in der Nähe kein Militär sich aufhielt, denn sie konnten wenigstens sicher sein, dass ihre Häuser nicht ohne jeglichen Grund beschossen würden, dass nicht tollwütige Soldaten ihre Kunst, vorübergehende Juden schon aus der Ferne niederzuknallen, zeigen würden. Denn wirklichen Schutz haben die Juden vom Militär meist erst nach langen Qualen und schweren Verlusten erhalten. Die grosse Frage, welche sich uns unwillkürlich aufdrängt, ist nun: Wie haben sich unsere Mitbürger, wie hat sich das Volk in den Schreckenstagen uns gegenüber verhalten? Was die offiziellen und militärischen Kreise anbetrifft, so ist deren Rolle in den früheren Ausführungen gekennzeichnet. Was haben aber die liberalen, demokratischen, revolutionären Elemente beim Ausbruch der Katastrophe getan? Nun, zweifellos haben alle bewussten freiheitlichen Kreise während der Oktobertage die Exzesse mehr als je bedauert und lebhafter als in früheren Jahren durch Petitionen, Telegramme, Deputationen u. s. w. das Schlimmste zu verhüten gesucht. Namentlich die Professorenwelt in Odessa und teilweise in Kiew, hat entsprechende Schritte getan. Indes aus fast allen Protesten gegen die Pogrome

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