Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 - DIE^EELT -..........-------------No.5 Welcher Art soll nun diese Tätigkeit sein? Hier möchte ich Ihnen die Zahlen in Erinnerung bringen, die sich auf die Gruppierung der Emigranten in den Einwanderungsländern beziehen- Diese Zahlen haben Ihnen bewiesen, dass die bis jetzt von den Hilfskomitees verfolgte Idee, die Juden gelegentlich und mittels der Emigration zu zerstreuen, undurchführbar ist, weil, einfach und gerade herausgesagt, die ethnische, die nationale Kohärenz unter den Juden eine viel zu grosse ist. Die Juden wollen und werden immer dahin gehen, wo sie eine grössere jüdische Gemeinschaft und eine jüdische Kultur schaffen können, wenn auch in der Form einer fremden Sprache. Mit dieser nationalen Konzentrationstendenz muss man eben rechnen. Und ebenso mit ihren Auswüchsen. Die Juden weisen in den , Einwanderungsgebieten dieselben zwei gefährlichen Fehler der sozialen Struktur auf, die die Katastrophen im Heimatslande heraufbeschworen haben: die all zugrosse Konzentration in gewissen Ländern und innerhalb dieser Länder in Städten, ferner, was damit zusammenhängt, die Losgelöstheit vom Boden. Diese Erscheinungen, welche zweifellos die Judenfraue aus Kussland nach den freien Ländern herüberschleppen, welche dort vielleicht ebenfalls Katastrophen veranlassen werden und heute schon es bewirken, dass diese Länder der jüdischen Emigration sich vcrschliessen, diese Erscheinungen, sage ich, sind darauf zurückzuführen, dass die jüdische Hilfsaktion sich bis jetzt fast ausschliesslich auf die Unterstützung der Emigration, auf die blosse Hinüberschaffung der Emigranten beschränkt hat. In einem in London erschienenen Manifest, welches grosses Aufsehen erregt hat, ist ja dieses System noch letzthin als das einzig richtige und praktische hingestellt worden. Es liegt mir fern, eine Polemik eröffnen zu wollen, aber ich glaube, die Zahlen sprechen. Die Zahlen sagen es, dass dieses System ein ungenügendes, ja ein direkt gefährliches ist. Dadurch, dass wir eine englische und amerikanische Judenfrage schaffen, lösen wir lange noch nicht die russische. Das mechanische Ausladen von Emigrantenschiffen, die Bildung von neuen Anhäufungen ist keine rationelle Hilfsaktion, wenigstens nicht die, die uns heute Not tut. Die Hilfsaktion muss weitere Ziele haben: sie muss es durchsetzen, ohne die unbewegbare nationale Konzentrationstendenz fruchtlos zu bekämpfen, dass eine gleichmässige Verteilung der Juden auf Stadt und Land erreicht und dass die Bodenständigkeit der Juden wieder hergestellt wird. Ich gedenke dieses Thema hier nicht weiter zu entwickeln. Nur soviel glaube ich andeuten zu müssen, dass es nach den bisher gemachten, statistisch erfassten Erfahrungen nur dann gelingen wird, diese zwei vitalsten Reformen durchzuführen, wenn man die jüdischen Emigranten in ein Gebiet versetzt, wo die Bebauung des Bodens einen Reiz für sie hat, in ein Gebiet, wo sie, bei gleichmässiger, gesunder Verteilung, eine herrschende Majorität bilden können, wo sie, statt eine jüdische Frage zu schaffen, willkommen sind als Erzeuger neuer wirtschaftlicher und kultureller Werte, in ein Gebiet, wo sie nicht wieder eines Tages als Fremde verfolgt werden können, sondern im Gegenteil ihren in anderen Ländern verfolgten Brüdern ein Asyl zu bieten vermögen, weil sie eben nicht mehr unter Fremden, in einem fremden Lande, sondern in ihrem Heimatslande sind. Indess, ich wäre dafür, dass wir über die Frage des Landes in dieser Konferenz nicht verhandeln, weil zunächst prinzipielle Punkte zu entscheiden sind, die ihr logisch vorangehen. Diese Punkte möchte ich in nachstehender Resolution zusammenfassen, die ich der Konferenz vorzulegen mir gestatte: Die Brüsseler Konferenz spricht die Ansicht aus: 1. dass die russische Judenfrage, selbst nach Aufhebung der gesetzlichen Beschränkungen, in Russland allein nicht gelöst werden könne, sondern dass eine planvolle Emigration unentbehrlich sei; 2. dass die blosse Unterstützung der Emigration zur dauernd befriedigenden Gestaltung der Verhältnisse der Juden in den Einwanderungsländern nicht genüge, sondern dass eine systematische Ansiedelung derselben auf einem zusammenhängenden, ihnen zukommenden Gebiete gefördert werden müsse; 3. dass für die Durchführung dieser Aktion eine dauernde Verständigung und Zusammenarbeit sämtlicher jüdischen Organisationen angebahnt werden müsse. Soviel glaube ich, ist völlig klar, dass die enormen Aufgaben im Innern Russlands und noch ausserhalb auf dem Wege einer provisorischen, kurzfristigen Verständigung der jüdischen Organisationen nicht gelöst werden können. Der historische Augenblick ist ein exzeptioneller: die Hälfte der gesamten Judenschaft bedarf einer dauernden, systematischen Hilfsaktion. Um diese zu leisten, muss die andere Hälfte ebenfalls zu einer exzeptionellen Massregel greifen: sie muss sich organisieren. Möge diese Konferenz die erste Anregung zu einer dauernden Verständigung der jüdischen Gesellschaften und Bevölkerungsgruppen der verschiedenen Länder bieten, dann wird aus dem grössten Unglück das grösste Glück des jüdischen Volkes erwachsen. Sodann erhält das^Wort Herr Leo Motzkin, der über die vorläufige Ergebnisse einer auf Veranlassung des zionistischen Aktionskomites von ihm und mehreren Kollegen vorgenommenen Informationsreise berichtet. DIE POGROME Auszug aus dem: Referat'von! L[e o'ifM o tz ki n. I. Ist das Unheil, das Unglück wirklich so ungeheuerlich gewesen, wie die entsetzlichen Berichte gelautet haben? Zu unserem Tröste sei es gesagt, dass die Zahl der Getöteten an einigen Orten nicht gar so gross gewesen ist. So hat sie in Odessa glücklicherweise nur gegen 350 (mit den Verschollenen vielleicht 400) Ermordete neben Tausenden Verwundeter betragen, wohingegen die Zahl der Opfer an vielen anderen Orten bedeutend grösser war. So gab es in Jekaterinoslaw, wo übrigens einer der fürchterlichsten Pogrome stattgefunden hat, 130 Tote, in Kalarasch 60 Tote usw. Solche Punkte, wie Odessa, Jekaterinoslaw, Kiew, Simferopol, Rostow, Kischinew, Nikolajew, Krementschug, Orscha, Jusowka, Rasdelnaja, Romny, Semjonowka u. a. rn. werden mit blutigen Zeichen in den Annalen der jüdischen Geschichte eingeschrieben sein. Was die in der Presse geschilderten Grausamkeiten anbetrifft, so sind alle Beschreibungen lange nie htder Wirklichkeit entsprechend, sondern von dieser bei weitem übertroffen worden. Kischinew ist hundertmal übertrumpft. Der einfache Mord ist für die Betroffenen ein Labsal gewesen. Die an verschiedenen Orten ersonnenen Qualen haben die menschliche Phantasie um zahlreiche Schreckbilder bereichert. Es ist alles wahr, was man gelesen hat; es ist nicht nur wahr, dass man Tausende getötet und noch mehr verwundet hat, es ist auch wahr, dass man viele Frauen geschändet und meist nachher gemordet, dass man zahllose Juden zu KrüppelrT, zu schrecklichen Krüppeln verunstaltet, dass man Frauen Wangen und Brüste abgeschnitten, dem Sterben nahe Menschen mit Behagen in den Tod hineingequält, dass man an mehreren Orten unsere Brüder in brennende Öfen und Flüchtlinge vom Dampfer in die Meeresfluten hinabgeworfen, dass man Säuglinge aufs Pflaster hinabgeschmettert usw. Eine ganz besondere Wonne muss es aber gewesen sein, jemand den Mund öffnen zu lassen, um ihm sodann den Revolver hineinzutun und ihn auf diese Weise niederzuknallen. Aus verschiedenen Orten haben sich die Menschen wie gehetzte Tiere in die Steppe geflüchtet, wo sie tagelang unter strömendem Regen, ohne Obdach, ohne Nahrung umherirrten, wo Kinder der Kälte erlegen sind. Und gar Jusowka, wo zu den physischen die psychischen Qualen hinzukamen, wo der Übergang gar zu ungeheuerlich gewesen ist! Denn als die frohe Botschaft von dem Manifest vom 30. (17-) Oktober kam, als es hiess, dass Russland frei geworden, dass alle russischen „Bürger" menschliche Rechte erhalten hätten, da jubelten die Juden von Jusowka, die wie überall als kulturell entwickeltere Elemente die grosse Umgestaltung schnell erfasst hatten und liefen zu ihren Brüdern, dem vieltausendköpfigen russischen Fabrikproletariat ihrer Stadt, um ihnen den Freiheitsgruss zu überbringen. Sie wissen aber, welch' grausiger Gegengruss sie dort erwartet hat. Nachdem alle hereingelassen waren, sperrte man die Tore zu, und eine fürchterliche Metzelei begann. Man warf Menschen in die gewaltigen Fabriköfen, mordete und peinigte die anderen in der schauerlichsten Weise. Vor den eben Frohlockenden hatte sich eine Hölle aufgetan. II. Vor einiger Zeit ward die Zahl der Städte, Städtchen und Ortschaften, an denen Pogrome stattgefunden haben, mit 130 berechnet, aber diese Zahl ist längst überholt, und wir stehen ja erst mitten in den Pogromen. Noch ist der Schaden nicht summiert, noch ist der materielle Verlust der Juden nicht endgiltig festgestellt, da jeder Tag neue Daten über das Zerstörungswerk bringt, aber wer kann auch nur zweifeln, dass es sich bereits um Hunderte von Millionen handelt? Schon vor 4 Wochen betrug z. B. in Kiew die Schadenangabe von 2266 Betroffenen aus der Handelswelt allein 5154 200 Rubel, während daneben schon damals in Kiew 4600 Gesuche von geschädigten Handwerkern, Kommissionären kleineren Handels eingereicht waren.