Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No.5 — - DIE^ELT 9 neues Land, sondern um eine langsame, vernünftige Pionierarbeit mit geeignetem Menschenmaterial auf günstigem Boden, um eine Arbeit, wie sie sich im Verlaufe von 60 Jahren in Neuseeland vollzogen hat, woselbst vor etwa 50 Jahren die Ureinwohner noch Menschenfleisch, ihre Feinde mit Wonne verspeisten und wo jetzt gegen eine Million Menschen sich die allerhöchste politische und soziale Freiheit erkämpft haben, ebenfalls unter dem Protektorate Englands, dermassen, dass dieselben Menschenfresser, Maori samt Frauen an den Parlamentsverhandlungen teilnehmen und Stimmberechtigung gemessen. Eine solche Kolonisation wird mit jedem Jahre umso ausführbarer werden müssen, als auf allen Gebieten der Technik, des Verkehrs riesige Fortschritte gemacht werden und wäre für uns um so leichter, als den vielfachen jüdisch - philantropischen Vereinen kolossale Geldmittel zur Verfügung stehen. Hat ja Baron Hirsch sein enormes Vermögen der Jca ausschliesslich zu Kolonisationszwecken vermacht! Der Versuch wäre allerdings kühn, aber durchaus nicht gewagt; denn zu verlieren haben wir Juden des Ostens absolut nichts. Diese elenden, geknechteten Menschen, diese Ghettojuden, welche eine so erstaunliche Zähigkeit besitzen, kulturell so sehr veranlagt sind, könnten bei richtiger Auffassung des Problems, bei einer peinlich gewissenhaften Auswahl der ersten Kerntruppen, mit der Zeit der Welt das erstaunliche Bild darbieten, was ein Volk leisten kann, welches sich selber hilft und nicht von dem Gnadenbrot und den Speiseresten seiner Wirtsvölker abhängt. Was heute Utopie ist — das könnte morgen tastbare Wirklichkeit werden. Ich bin fest davon überzeugt,- dass, wenn es uns gelingen würde, im Verlaufe der ersten 5 Jahre nur 2000 Familien in ein Land zu bringen, das zur Kolonisation geeignet, das Judenproblem in der Theorie als gelöst angesehen werden könnte, denn diese 2000 Familien, sobald es ihnen gelingen würde, positive Werte zu schaffen, würden in den nächsten Jahren in geometrischer Proportion wachsen und von einer jeden Regierung, unter deren Schutz sie sich stellen würden, namentlich von der englischen, bei der alle Völker der Welt in K'donisatioiisfragen in die Schule gehen sollten —■ unter die Arme gegriffen und schnell gefördert werden. Das entsprechende Material besitzen wir; wir haben Landbauer, die kein Land besitzen, wir haben Handwerker, die am Hungertuch nagen, wir haben ein intelligentes Proletariat, welches gegenwärtig seine Kraft und sein Leben unnütz zur Vermenschlichung halb wilder Aussen verzettelt; wir haben heldenhafte Jünglinge sonder Zahl, die sich viel eher dazu entschliessen würden zu Nutz und Frommen ihres Volkes mit Tigern zu kämpfen, als mit Kosaken - horden; ich glaube, wir müssen durchdringen. . . . Sollte aber dieser Versuch, dieser letzte misslingen - ein Versuch, der nicht mehr kosten würde, als der Versuch, die zerstörten Existenzen in Russland heute durch Hilfsaktionen wieder aufzurichten, damit sie morgen auf's Neue zerstört werden, dann, ja dann, wäre die Judenfrage in ihrer Art gelöst, wir würden dann sagen müssen : finis Judaeae .., wir würden dann zur Missionsthcorie unsrer Rabbiner zurückkehren müssen, die da behaupten, dass wir bestimmt seien, in der Welt unstät und flüchtig herumzuwandern, die Kolporteure ethischer Begriffe zu sein, damit sie andere ausnutzen, der Dünger, auf welchem der Freiheitsbaum für alle grünt, nur für die Juden selbe nicht. Ich hoffe aber, das 'letzteres nicht eintreffen werde und : ass unser gequältes, unglückliches Volk endlich eine Heimstätte finden werde. Präsident W ol f f s o h n bemerkt zum Referate Mandel-tarnms, dass es natürlich nur die i.ersönlichen Anschauungen des Referenten wiedergebe und wiederholt, dass die Diskussion über Zionismus und Territorialismus bei den heutigen Verhandlungen ausgeschlossen sein müsse. Hierauf referiert Dr. Alfred N o s s i g-Berlin auf Grund einer Broschüre, die das B u r e a u f ü r S t a t i s t i k der J u d e n in Berlin im Auftrage des zionistischen Aktionskomites für die Brüsseler Konferenz hergestellt hat, über DIE RUSSISCHE JUDENFRAGE IM LICHTE DER STATISTIK Sie werden es, fruchte ich, als eine Ernüchterung empfinden, wenn ich Ihnen mich der lebenswarmen Schilderung, die uns Herr Prof. Mandelstamm entworfen, kühle, trockene Ziffern auftische. Dies ist jedoch meine Aufgabe. Im Auftrage des A.-C, das diese Konferenz einberufen, haben Dr. Ruppin und Dr. Thon, die Mitglieder des Bureaus für Statistik der Juden, dem ich als Vorsitzender des Verbandes für Statistik vorzustehen die Ehre habe, die sozialen Verhältnisse der Juden in Russland beari eitet, um Ihnen für Ihre heutigen Beratungen das Tatsachenmaterial zu liefern. Ein Wort zunächst über die Quellen dieser Angaben, die ich Ihnen in gedrängtem Auszuge und einer unseren Zwecken entsprechenden Gruppierung vorführen will. Wie Ihnen bekannt ist, hat bereits die ICA im Jahre 1898 eine Originalerhebimg über die statistische Judenheit veranstaltet, bei der jedoch durch ihre Vertrauensmänner nur 1200 Ortschaften berücksichtigt wurden, so dass die Ergebnisse nur als Fragment einer Statistik der Juden Russlands zu betrachten sind. Ein Jahr früher aber, im Jahre 1897, wurde von der russischen Regierung eine allgemeine Volkszählung unternommen. Die definitiven Ergebnisse dieser ersten vollständigen, modernen Volkszählung in Russland sind erst vor wenigen Monaten in 2 Bänden, bearbeitet von dem Statistischen Rat in St. Petersburg unter dem Vorsitz des Senators Fürsten Trojnizki erschienen, ünd diese Publikation hat den eigentlichen Anlass zu der ihnen vom A.-C. vorgelegten Schrift gegeben: es galt, das eben gewonnene, vollständige und offizielle Material mit Hinsicht auf die jüdische Bevölkerung zu bearbeiten. Von besonderem Interesse ist die Auswanderungsstatistik. Sie zeigt, welche Tendenzen die jüdische Auswanderung beherrschen. In den Jahren 1880—1904 wanderten 1 123 000 Juden aus Russland aus. Von diesen strömten 880 000 nach einem einzigen Gebiete, nämlich nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika, 80 000 nach Grossbritanien, der Rest verstreute sich in Gruppen von 30—40000 auf fünf andere Länder. Wir sehen, dass die jüdischen Auswanderer, welche sich von der russischen Konzentration ioslösen, keinerlei Neigung haben, sich gelegentlich der Emigration zu zerstreuen. Aber gehen wir weiter. Die Hauptmasse aller nach Amerika eingewanderten Juden hat sich in New-York niedergelassen, (750 000), die übrigen verteilen sich in grossen Massen auf die anderen Grossstädte ■ Philadelphia, Chicago, Boston; Cincinnati, St. Louis. Aehnlich ist es in England und Frankreich. Lehrreich ist auch ein Blick auf die persönlichen Verhältnisse der Einwanderer. Es waren im Jahre 1903/4 von den gesamten 106 236 jüdischen Einwanderern 77 224 14—15 ■Jahre alt, und nur 5 483 über 45 Jahre alt. Dem Berufe nach waren 10 426 Schneider, 4 078 Tischler, 14 830 andere Handwerker und gelernte Arbeiter und nur 3 464 Händler. In der weitaus überwiegenden Mehrzahl sind also die Einwanderer produktive Elemente in den besten Altersklassen, die sich zum systematischen Aufbau eines neuen Gemeinwesens sehr wohl eignen würden. Und nun möchte ich in wenigen Worten die Ergebnisse formulieren, die sich auf Grund des Tatsachenmaterials aufdrängen, die sich wenigstens mir aufgedrängt haben. Einer grossen jüdischen Bevölkerungsgruppe, die unter so lähmenden, gesetzlichen Beschränkungen zu leiden hat, die unmenschlichen Massakers ausgesetzt ist und innerhalb deren 97° o mit der europäischen Bildung wenig vertraut sind, muss von ihren besser situierten Brüdern im Lande und ausserhalb des Landes zweifellos in ganz exzeptioneller Form Hilfe gebracht werden. Diese Form haben wir hier zu finden. Sie hängt, von den Bestimmungen ab, die erforderlich sind. Am aligemeinsten wurde bis jetzt die Notwendigkeit der Linderung und Beseitigung der empfindlichsten Leiden begriffen. Man trachtete, die wirtschaftlichen Schäden der Pogrome gut zu machen, man versuchte durch Organisation der Selbstwehr künftige Pogrome einzuschränken, man bestreb e sich um Aufhebung der gesetzlichen Beschränkungen und Erringung der Gleichberechtigung. Diese Tätigkeit im Itnern Russlands ist zweifellos nicht nur nützlich, sondern unentbehrlich. Man wird sie weiter führen müssen in dem Sinne, 'dass eine möglichst baldige Verteilung der Juden auf die russischen Gouvernements ausserhalb des Ansiedlungsrayons, ferner ihre Hinleitung zu anderen Berufen, insbesondere zur Landwirtschaft, angestrebt, dass die Aufklärung und Volksbildung mit aller Energie betrieben und dass dem physischen Verfall unter anderem durch Verbreitung des Turnerwesens gesteuert wird, Sollte es jedoch sogar gelingen, alle diese Reformen in gewissen Grenzen erfolgreich durchzuführen, so wird damit das Hilfswerk keineswegs vollendet sein. Wir dürfen uns darüber nicht täuschen, dass die russischen Juden bei ihrem eigentümlichen Horror vacui, bei ihrer Scheu vor judenleeren Gebieten und bei den wenig einladenden Verhältnissen, die in weiten Strecken des russischen Reiches herrschen, kaum dazu gebracht werden können, sich über ganz Russland zu ergiessen. Aber selbst, wenn dies geschähe, so wäre die Zahl der Juden, nicht im Verhältnis zur Zahl der Gesamtbevölkeruno, sondern zu ihrer Aufnahmsfähigkeit — und Willigkeit — denn da giit keine politische Aritmetik eine viel zu grosse. Neben der Tätigkeit im Innern wird also zweifellos eine systematische Wirksamkeit zum Zwecke der Reduzierung der in Russland wohnenden jüdischen Bevölkerungsmassen notwendig bleiben.