Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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höher ist als das der Bauern, eine Soldateska, welche ihre eigenen Brüder zu jeder Stunde auf Befehl wie die Speilinge herunterschiesst, eine Hofkamarilla, welche um ihre Existenz, d. h. die Rosinenkuchen, kämpft, die sie auf Kosten des Volkes zu verspeisen atavistisch gewöhnt ist; . . . zwischen diese Elemente 5 Millionen Juden, wie zwischen zwei Mühlsteine eingekeilt, rechtlos, bodenlos, ohne die geringste Aussicht auf irgend eine Selbständigkeit, eine Autonomie, welche die anderen Völkerschaften über kurz oder lang zu erkämpfen hoffen und auch erkämpfen werden; zu jeder Stunde der Volkswut als Zielscheibe ausgesetzt, zwischen Polen und Russen herumpendelnd, dadurch den eigenen Charakter immer mehr einbüssend und einer moral insanity entgegengehend, — das ist die jetzige, düstere Sachlage, aus der sich ein jeder Unparteiische das Zukunftsbild der Juden innerhalb Russlands zurechtlegen kann . . . Aber auch nach aussen hin ist das Bild recht düster. Im Verlaufe der letzten 25 Jahre, seit den Judenhetzen von 1881, emigrierten aus Russland gegen 1 lk Millionen. Die Zahl der Emigranten erreicht in den letzten Jahren fast den Nachwuchs. Wohin aber auch die Juden in grösseren Scharen ziehen mögen, überall tragen sie in ihrem Rucksack die Judenfrage, d. h. den Antisemitismus mit sich; je grösser die Emigrantenzahl in irgend einem Lande, desto drohender wird die Judenfrage daselbst. Die Tore Amerikas beginnen allmählig sich zu schliessen; England fürchtet die jüdischen Paupers und erlässt die Alienbill. Es überfällt einen ein wahrer Schauer, wenn man die Berichte über die Drangsale und Quälereien liest, denen die Auswanderer schon an der preussischen Grenze unterworfen sind, die sich in Hamburg, Bremen und anderen Hafenstädten noch steigern. Die schimpfliche Untersuchung, der sie sich unterziehen müssen, gleicht der Untersuchung von Verpesteten. Sehr häufig geschieht es, dass die Elenden zwei Mal die Reise von Hamburg nach New-York und von New-York nach Hamburg zurücklegen, um zuguterletzt wieder nach Russland zurück verschlagen zu werden. Ein Teil der Emigranten geht unter Krankheit und Entbehrung jeglicher Art zu Grunde; aber selbst diejenigen, die in England oder Amerika Boden fassen, führen ein jämmerliches Leben. Da sie nämlich in hochkultivierte Länder geraten, der Sprache unkundig, die Sitten und Gebräuche nicht kennend, weder mit dem geistigen noch mit dem physischen Rüstzeug ausgestattet sind, um mit dem neuen Wirtsvolk einen Konkurrenzkampf aufnehmen zu können, so bleiben sie auch daselbst minderwertig, Bürger zweiter oder dritter Klasse. Sie bilden neue amerikanische Ghettos, wie etwa die Chinesen, verfallen in das Sweating-System oder werden Peddler, erregen durch die Unzahl der aus dem russischen Heim überkommenen unsympatischen Eigentümlichkeiten meist äusserer Natur, den Unwillen ihrer neuen Umgebung und werden auf diese Weise zur Zielscheibe des Hasses und der Verachtung. Allerdings wird ein Teil derselben innerhalb der Bevölkerung aufgelöst; der grössere Teil aber, der einen unaufhörlichen Zufluss aus Rumänien, Galizien und Russland erhält, vermehrt die Zahl des Lumpenproletariats. Das Bild wird um so trauriger, wenn man bedenkt, dass die Juden sich zumeist in den Städten anhäufen, ohne die geringste Neigung, Land zu erwerben und zum Teil Ackerbau zu treiben, was doch die natürlichste und zweckmässigste Art wäre, gesunde Kolonisation zu betreiben und eine Gesundung des physisch herabgekommenen Ghettogeschlechts herbeizuführen. Die verzweifelte Lage eines 5—6 Millionen zählenden Volkes, welches nicht sterben will und nicht leben kann, eine Lage, die nicht erst durch die Oktobertage oder die Wirren in Russland geschaffen, sondern in der letzten Zeit blos akutere Formen angenommen, hat ja seit undenklicher Zeit dem Zionismus den Boden gedüngt; die Lage der Juden in Rumänien und Galizien — ihn befruchtet, der Antisemitismus in andern Ländern ihn zur Reife gebracht. Es ist ein Irrtum zu glauben, Herzl habe ihn geschaffen; das Umgekehrte ist der Fall. Herzl, dieser grosse Mann mit goldenem Herzen und eisernem Willen, hat ihm bloss eine konkrete Gestalt verliehen. Herzl stellte die Frage klar und unzweideutig: entweder das jüdische Volk existirt noch als solches und ist im Stande, sich wiederum zusammenzuscharen und aus den zersprengten Gliedern ein Ganzes zu schaffen, oder, es kann dies nicht mehr tun. Die Probe auf das Exempel waren die Baseler Kongresse, die er geschaffen. Diese Tribüne, auf der die Judenfrage in Angriff genommen werden sollte, wurde eben zum Orte, wo das Selbstbestimmungsrecht der Juden dekretiert worden ist. Es wurde daselbst beschlossen, dass die Juden ein für alle mal ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen 'müssen, anstatt von der Gnade ihrer Wirtsvölker abzuhängen. Als erste Bedingung dazu gehört ein Land, ein Territorium, wie ich bereits erwähnt habe. Das Wohin erschien Herzl anfangs sehr klar und einleuchtend: „Das Land unserer Väter — Palästina." Diese Synthese, ein wenig bevölkertes, zwar fruchtbares, aber verkommenes Land, auf autonomer Grundlage und dazu das frühere Heimatland, an welches die Judenmassen durch unzählige Traditionen geknüpft sind, — schien ihm eine der glücklichsten zu sein, um die Judenfraj{e einer endgültigen Lösung entgegenzuführen, um so eher, als bereits vor 25 Jahren, nach den Judenkrawallen von 1881, die ersten Anfänge einer Kolonisation Palästinas gemacht worden sind. Mit übermenschlicher Anstrengung und Anspannung seines eminenten Talents, bis zur Selbstaufopferung, setzte er alle Hebel in Bewegung, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Er verschaffte sich Audienzen bei fast allen gekrönten Häuptern Europas, von Kaiser Wilhelm bis zum Papst, er strengte alle Kräfte an, um die Judenfrage zu einer internationalen auszugestalten und die massgebenden Sphären für eine Besiedelung Palästinas auf autonomer Grundlage zu gewinnen. Er erreichte Vieles — die Hauptsache aber erreichte er nicht. Der Sultan, der ihn mit Ehrenbezeugungen aller Art überhäufte, der ihn als Gast bei sich beherbergte, ihm Orden verlieh — erklärte ihm zuletzt, dass von einem Abtreten Palästina's an die Juden nicht die Rede sein könne. Dieser Misserfolg entmutigte jedoch Herzl durchaus nicht. Als er eingesehen hatte, dass die Synthese — ein freies Volk im eigenen Lande vorläufig nicht zu erreichen sei, so evolutionierte er den Zionismus und beschränkte sich ad hoc darauf, dass er die Hälfte dieser Synthese — ein freies Territorium — erlangen wollte. Im Grunde genommen ist es ja ausschlaggebend, dass zunächst das Volk auflebe, bevor das eigene Land wiedererlangt wird. Ohne Judenvolk — kein Judenland; und es könnte ja geschehen, dass, bevor die Konstellationen in der Türkei sich derart gestalten, dass Palästina für die Juden zu erlangen wäre, es keine Juden mehr gäbe, die es besetzen könnten. — In dem nie ruhenden Kopfe Herzl's, entstand nun eine neue Kombination. Zwischen Palästina und Egypten liegt ein Landstrich, die Halbinsel Sinai nebst El Arisch, ein Gebiet am mitteländischen Meer, welches nicht der Türkei, sondern Egypten gehört, d. h. England. Dorthin nun lenkte Herzl seinen Blick. Er rüstete eine Expedition von sachkundigen Männern aus — d^ n verstorbenen Goldsmid an der Spitze — welche dieses Gebiet nach allen Richtungen hin gründlich erforschten. Das Unternehmen scheiterte aber an dem Widerstande Lord Cronmers, des englischen Residenten, der das Nilwasser zur Berieselung nicht hergeben wollte und ausserdem noch an den grossen Unkosten zur Herstellung von Wasserwerken. Nun kam Chamberlain auf den Gedanken, uns ein Gebiet in Ostafrika abzutreten, auf einem Hochplateau, welches am Aequator liegt, seitwärts von der Eisenbahn von Mombassa, die ins Innere des Landes führt, bekannt unter dem Namen „Uganda." Um nun die Geduld der hochverehrten Versammlung nicht gar zu sehr auf die Probe zu stellen, andererseits aber vom Wunsche beseelt, nicht den geringsten Misston in einer Versammlung hervorzurufen, welche ja unitis viribus unserem Volke helfen will, übergehe ich die Ugandaaffaire, welche 2 Jahre dauerte und viel böses Blut machte, mit Stillschweigen; will nur kurz erwähnen, dass der 7. Kongress den hochherzigen Vorschlag Englands ablehnte und mit Stimmenmehrheit erklärte, dass er überhaupt kein anderes Territorium, welches ihm möglicherweise angeboten werden würde, akzeptiere, ausser demjenigen, welchesman ihm nicht anbietet. Dabei aber blieb's nicht stehn; die Minderheit des Kongresses legte nicht die Hände in den Schoss, sondern suchte die Beziehungen, die Herzl mit England angeknüpft, fortzuspinnen und die Verhandlungen fortzusetzen. Zangwill übernahm die Führung dieser Gruppe politischer Zionisten, die sich eine territorialistische nennt und zum Zweck gesetzt hat, von England ein Territorium zu erlangen, welches für eine jüdische Ansiedelung günstig sei. Die territorialistische Bewegung ist keine phantastische, sondern eine äusserst reelle, praktische; die Judennot ist zur brennenden Frage geworden, nicht nur für die östlichen Juden selbst, sondern auch für ihre westlichen Glaubensgenossen, welchen die fluchtartige Emigration russischer Juden äusserst lästig, ja unerträglich werden könnte. Wir müssen nun diesen Moment der allgemeinen Stimmung, innerhalb' des gesamten Judentums ausnützen, um die Emigration in richtige Bahnen, in ein gesundes Flussbett zu lenken. Wir müssen einen Abfluss suchen. Dies aber kann einzig und allein geschehen, wenn ein Territorium geschaffen werden sollte, welches zur autonomen Ansiedelung geeignet wäre, wo die Juden Werte schaffen und sich Achtung verschaffen könnten d. h. den Befähigungsnachweis für ein gesundes Kolonisieren ablegen können. Die unglücklichen Menschen, welche jetzt, ohne sich umzuschauen, dahingehen, wo der geringste Widerstand ist, könnten sich mit der Zeit ein „Home", ein „Ir-Miklot" schaffen, auf welches auch diejenigen hinschauen würden, welche in ihren jetzigen Vaterländern bleiben. Es handelt sich hier nicht etwa um eine Versetzung von Bergen, um das Hinüberführen von 100000 Menschen auf einmal in ein