Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No.5 DIE^ELT 7 Lumpenproletarier kümmerlich ernähren können. Das Schlimmste dabei ist, dass die russische bureaukratische Maschine, die über Millionen Pferdekräfte verfügt und es weder fassen noch vertragen kann, dass Juden, dieses Corpus vile, diese Zigeunerbande, welche bis in den letzten Jahren ihren Rücken geduldig wie ein Wurm krümmte, — und wie eine Zitrone sich auspressen Hess, dass diese Juden junge, kühne Helden zeugen, welche ihr Rückgrat grade strecken wollen; deshalb lässt sie Tausende von Wehrwölfen, Chuligans genannt, auf das gesamte unglückliche Volk los, um es zu lynchen. Eine zahlreiche, bis nahe an die Hunderttausende gehende Gruppe Ghettojuden gibts ferner, welche politisch ganz indifferent, den nächsten Augenblick in's Auge fassend, dem unerträglichen Druck des Elends, Hungers, des Ausgeraubtwerdens weichend, aus dem Lande fliehen, nach allen Richtungen der Windrose sich zerstreuen und ihr Heil in der Fremde suchen, zum grössten Teil ohne es zu finden; arme unglückliche Menschen, welche instinktiv fühlen, dass sie von ihrem teuren Vaterlande selbst in ferner Zukunlt nichts zu erhoffen, und dass sie anderswo nichts zu verlieren haben. Diese Emigration von Desperados, oder richtiger diese Flucht, ist durch nichts einzudämmen, weil sie naturgemäss, kraft des Gesetzes des geringsten Widerstandes, sich ein Flussbett graben muss. Aber eine erschreckend grosse Gruppe Ghettojuden gibt's noch — laut statistischem Nachweis gegen 20°/o — eine Gruppe von Bettlern und Schnorrern, von Luft menschen, wie sie Max Nordau nennt, die am frühen Morgen aufstehend, nicht recht wissen, wo sie für Weib und Kind das Stück Brot ergattern sollen, die Türen der Wohlhabenden belagern, halb bittend, halb drohend, um Hülfe flehen. Die Zahl derselben nimmt in dem Maasse horrend zu, als jetzt in Russland keine konstruktive, sondern eine zerstörende, zersetzende Arbeit vor sich geht und das Land einem unausweichlichem Bankrott entgegensteuert. Aus diesem Gewimmel von kämpfenden und fliehenden Juden, von Glaubensseligen, Assimilanten, Polen und Russen mosaischer Konfession, von Sozial-Revolutionären und Sozialdemokraten, von Leuten, die eine Gleichberechtigung erträumen und gar eine nationale Autonomie erkämpfen wollen, aus diesem rührigen und ach! so elend hilflosen, politisch ungeschulten Ameisenhaufen, ragt gleich „dem ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht44 eine zahlreiche, so vielfach verlästerte Gruppe russischer Juden hervor, — der auch ich anzugehören die Ehre habe — die man „Zionisten" und in ihrer neuen Entwicklungsphase „Territorialisten" nennt und die bereits so viele Anhänger in den Ländern der ganzen Welt zählt; Leute, die auf der national-jüdischen Warte hoch oben stehen, sich weder durch das Wiegenlied, das Ejapopeia zukünftiger Gleichberechtigung oder kosmopolitischer Träumereien, noch durch die Hoffnung auf Lohn für das um den russischen Freiheitskampf vergossene Blut einlullen lassen. Diese Judengruppe, welche so vorsichtig war, gründlich Geschichte zu treiben, hat in ihrem Gedächtnis die Zeit des „Völkerfrühlings", das Jahr 1848, lebhaft aufbewahrt, und vor ihrem geistigen Auge stehen noch in scharfen Umrissen die unzähligen jüdischen Opfer, welche die Barrikaden Oesterreichs und Deutschlands verschlungen, die Treue und Ehrlichkeit, mit welcher sie in Gemeinschaft mit ihren deutschen und slavischen Brüdern den Freiheitskampf gekämpft; und auch der Lohn, den sie dafür eingeheimst, liegt vor aller Welt zu Tage. Diese Zionisten, welche auch jetzt für den russischen Freiheitskampf ihren Mann stellen und während der Oktobertage sich nicht etwa feige verkrochen, sondern ihre besten Jünglinge zur Selbstwehr hingaben, welche zu Dutzenden unter den Flintenkugeln und Bajonettstichen der Soldateska und den Keulenschlägen der schwarzen Bande gefallen sind, — sind nichtsdestoweniger tief davon überzeugt, dass wenn die Judenfrage einer menschenwürdigen Lösung überhaupt entgegengeführt werden könne, dies nur dadurch erreicht werden müsse, dass ein freies Territorium geschaffen werde, auf welchem sie sich frei ausleben und ihren Volksgenius entfalten könnten. Ohne eigenen Boden ist die Existenz und Entwicklung eines Volkes unmöglich; Antäus gleich schöpft ein Volk seine Kraft, sobald es mit eigenem Boden in Berührung kommt. Die Zionisten hegen die tiefe Ueberzeugung, dass das jüdische Volk, ebenso wie die andern Kulturvölker, seine Kulturmission erfüllen könne; dass das Endziel der Kulturbestrebungen der ganzen Menschheit — der Kosmopolitismus, d. h. das Nebeneinanderleben der Völker auf gemeinschaftlicher ethischer Grundlage — nur auf nationaler Basis möglich sei; dass die nationalen Einheiten sich unabhängig und frei entwickeln müssen, dass sie sich ebenso differenzieren müssen, wie sich etwa die Gehirnzellen zu höhern, aber dennoch von einander verschiedenen Funktionen entwickeln. Die Zionisten sind endlich davon überzeugt, dass zur Erreichung dieses grossen Zieles nur die Bedingungen geschaffen werden müssen, welche der Wiedergeburt der jüdischen Nation günstig sind. Diese Bedingungen können wir schaffen, wenn wir nur wollen — „wo ein Wille — da ist auch ein Weg." Diese Arbeit wäre allerdings lang und schwer, aber auf jeden Fall viel weniger schwer und lang, als diejenige Arbeit, die wir verrichten müssten, um wilde Bestien in menschlischer Gestalt zu zähmen, die sich „echt russische Männer44 nennen. Wir haben es satt, wo es auch sein mag, namentlich aber in Russland, die Rolle von Versuchskaninchen zu spielen, an welchen, nach der Seltenheit oder Häufigkeit ihrer Todeszuckungen, der Grad des kulturellen und ethischen Fortschritts des russischen Volkes zu bemessen sei. Genug! genug des unschuldig vergossenen jüdischen Bluts! Mögen die christlichen Völker Europas die dankbare Mission übernehmen, den grossen, russischen Augiasstall von dem Miste zu säubern, der sich durch Jahrhunderte daselbst angehäuft hat — wir sind keine Herkulesse. Oder mögen diese Mission diejenigen russischen Juden übernehmen, welche sich eins mit dem russischen Volke fühlen und nur in der russischen Regierung, und nicht im Volke selbst, den gemeinschaftlichen Feind erblicken, sich daher mit dem Wisch Papier begnügen werden, welchen man russische Konstitution nennen wird und welche im besten Falle der rumänischen, wie ein Ei dem andern gleichen wird. Noch nie glaube ich, hat der Zionismus im weiteren Sinne eine solche Existenzberechtigung erlangt, wie gerade jetzt, allerdings für diejenigen bloss, die Augen und Ohren zwar hatten, aber nicht hören und sehen wollten. Denn für uns Zionisten, waren ja die Pogrome keine Überraschung, keine vulkanische Eruption; wir wussten vielmehr, dass das Verhängte kommen, das Gefürchtete nahen müs^te. Diese Judenkrawalle sind die natürliche Folge eines Judenhasses, der seit Jahrhunderten gezüchtet, durch eine Rechtlosigkeit sonder gleichen genährt, eine Reehtlosigkeit, welche in Bezug auf das Wohnrecht selbst die eines Hundes übertrifft. Hunde nämlich dürfen ohne Maulkorb und Pass überall in Russland herumlaufen; Juden dürfen es nicht, selbst mit Pass und Maulkorb, eines Hasses, der daher zu jeder gelegenen und ungelegenen Stunde ausbrechen konnte und es noch ferner kann . . . Was sich, ich will in der Sprache Darwin's und Häckel's reden, philogenetisch durch lange Zeitläufte allmälig abgespielt hat, hat sich in den Oktobertagen on t og en eti sc h wiederholt; mit andern Worten: die Oktobertage waren bloss eine kurze Wiederholung, ein auf 3 Tage und 3 Nächte zusammengedrängter Extrakt desselben Vernichtungsprozesses, der allmähligr von Geschlecht zu Geschlecht, an den Juden verübt worden ist. Die allgemeine Lage in Russland ist gegenwärtig eine der schrecklichsten und fürchterlichsten, welche die Weltgeschichte kennt. Der japanische Krieg hat den Riesen zu Boden gestreckt, und nun liegt er da, aus tausend Wunden blutend, aus tausend Beulen eiternd. Der Gährungsprozess, welcher seit langer Zeit im Lande begonnen und nur aus Mangel an Licht und Luftzutritt bis nun nicht in Erscheinung treten konnte, hat gegenwärtig riesige Dimensionen angenommen. Es brodelt, es brauset und zischt wie in einem Hexenkessel. Alles in Aufruhr! Ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Ahriman und Ormuzd! Wo ist der Weise, welcher auch nur annähernd voraussagen könnte, was aus diesem Zersetzungs- und Zerstörungsprozess entstehen werde? Ob Russland geläutert, konstitutionell und frei hervorgehen und in seiner Integrität und Grösse sich den anderen Kulturstaaten wird anreihen oder ob es als Conglornerat von Völkerschaften, welche nicht organisch miteinander verknüpft, sondern durch Blut, Eisen und dem Unverstand Europas zu einem Riesenreich zusammengeschweisst, auseinander fallen wird? — wer kann das wissen und berechnen? Gegenwärtig stehen sich zwei Parteien mit ungleicher Kraftverteilung gegenüber. Eine Schar von freien, zielbewussten Männern, die durch ihren Geist und ihr Wissen einem jeden Kulturstaate Europas Ehre machen würden, von Männern, die eine friedliche, kulturelle Entwickelung, Recht und Freiheit anstreben; ihnen zur Linken eine heissspornige Jugend, welche nichts geringer schätzt als ihr eigenes Leben, Barrikadenhelden, durch die edelsten Motive geleitet, aber politisch ungeschult, schlecht organisiert, ihre eigene Kraft überschätzend und die des Feindes unterschätzend; Leute, die auf einmal den kühnen Sprung, das Salto mortale aus dem autokratischen Gefängnis in eine demokratische Republik zu machen sich anschicken. Andrerseits eine durch Jahrhunderte zum Tier herabgewürdigte Bauernmasse, der seit dem Tartarenjoche und der Leibeigenschaft durch die Knute alle ethischen Begriffe herausgeklopft worden sind, nichts schaffend, alles zerstörend, in eine aussichtslose Armut versunken, weil jeder Kultur bar; ausgebeutet durch eine nach Millionen zählende Bande von Beamten, eine käufliche Polizei und geldgierige, unwissende Ffaffen, deren Kulturniveau zumeist nicht