Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 DIE^ELT No. 5 so muss ich sagen, dass der grösste Erfolg der Konferenz der wäre, wenn hier der Grundstein gelegt würde zu einer einheitlichen gemeinsamen Arbeit aller jüdischen Kräfte, die uns schon so lange not tut. Das wäre ein Ereignis von grösster Tragweite. Meine sehr geehrten Herren! Eine schwere und verantwortliche Aufgabe haben wir zu erfüllen. Das notleidende jüdische Volk blickt in dieser Stunde erwartungsvoll auf uns. Dessen wollen wir eingedenk sein! Das Wort nimmt sodann Dr. Paul Nathan: Ich möchte Ihnen erklären, warum ich hierher gekommen bin. Der Gedanke, der mich geleitet hat, war der, dass es ausgeschlossen ist, dass die Organisationen, soweit sie auch sonst auseinander sind, nicht für die gemeinsame Not zusammen arbeiten. Von diesem Gedanken geleitet, hat mein Verein meine Kollegen und mich hierher gesandt. Wir wären alle nicht hier erschienen, wenn wir nicht aufs Tiefste erschüttert wären von der Not der russischen^ Juden. Aber, meine Herren! , wenn wir auch ein warmes fierz haben, wir müssen auch den kühlen Verstand zu seinem Rechte gelangen lassen. Wir müssen mit höchstem Takt und mit Besonnenheit handeln, damit wir unsern Brüdern in Russland nicht Schaden, sondern Nutzen bringen können. Gestatten Sie, dass ich den Wahlspruch des Landes, dessen Gäste wir sind, auch auf diese Versammlung anwende: „L'Union fait la force." Der Präsident verliest hierauf die eingelaufenen Entschuldigungsschreiben. Unter anderen haben ihre Abwesenheit entschuldigt: Crenovich, Buenos-Ayres, (der leider knapp vor der Brüsseler Konferenz aus Europa wieder abberufen wurde und der seine für den Kongress bestimmten Ausführungen über die Verhältnisse in Argentinien in einem Expose hinterliess), Dr. Max Nord au, Paris, Dimitri von Günsburg, Georg Marx', Königsberg, Sir Francis Montefiore, London, Oskar Marmorek, Wien usw. Es folgt hierauf die REDE DES PROF. MAX MANDELSTAMiW Meine Damen und fierren! Ich bin hergekommen, nicht etwa um Ihnen die Schreckensscenen zu schildern, die wir in den Oktobertagen durchlebt, und den Jammer, den wir zur Neige ausgekostet haben; denn wenn ich es auch tun wollte, und wenn ich mit der Flammensprache eines Dante ausgerüstet wäre, ich vermöchte kaum in ihrer wirklichen Gestalt die Hölle zu zeichnen, welche eine vertierte Menschenmasse im Verlaufe einiger Tage im russischen Ghetto geschaffen hat .... Auch will ich Ihnen nicht die unendlich traurigen Folgen der stattgehabten Judenmassakers schildern, da das Elend und der Jammer sich seit undenkbarer Zeit, innerhalb des Ghettos, in Permanenz erklärt," und die Oktobertage die Misere blos akuter gemacht haben. Der Zweck meines Hierseins ist einzig und allein der, Sie zu einer Tat zu bewegen, welche nicht nur momentan fiilfe schaffen, sondern vielleicht den Weg bahnen könnte, auf welchem die Judenfrage in Russland, welche so ziemlich der Kern der Judenfrage überhaupt ist, einer radikalen Lösung, wenn auch in einem, langen, aber dennoch absehbaren Zeitraum, entgegengeführt werden könnte. Da diese Lösung zu den schwierigsten sozialen Problemen gehört, welche die Weltgeschichte kennt, und da andrerseits die Entrüstung, Trauer und Teilname, welche unsere westlichen Glaubensgenossen erfasst haben, von dem Solidaritätsgefühl der Judenheit aller Weltteile ein so eklatantes Zeugnis ablegen, so komme ich zu Ihnen mit dem Rüstzeug einer 40—50-jährigen Beobachtung und Erfahrung, mit dem Einsatz meiner tiefinnersten Überzeugung und meiner ganzen Persönlichkeit, um Ihnen nachzuweisen, dass der im Westen eingenistete Glaube, die glückliche Lösung der Judenfrage sei nur in Russland selbst möglich — meiner Oberzeugung nach — reiner Aberglaube ist. Und wenn gar dieser Glaube zum unfehlbaren Dogma erhoben und zur einzigen Richtschnur splendider Hilfeleistungen gemacht wird, so könnten letztere vielleicht zum Danaergeschenk ausarten. Die harte Klausel: „Bleibe zu Hause und nähre dich redlichu, die den unglücklichen russischen Almosenempfängern eingeschärft wird, ist, meiner Ansicht nach, gleichbedeutend mit dem Rate, sich zuerst abschlachten zu lassen, um alsdann russischer Vollbürger zu werden. Vielleicht ist es das letzte Mal in meinem Leben — mein Alter gestattet mir nicht, nach dieser Richtung hin rosige Hoffnungen zu hegen, — dass ich vor Vertretern der verschiedensten jüdischen Korporationen und Wohlätigkeitsvereine rede, vor einer illustren Versammlung, die am geeignetsten wäre, das Problem, welches ich hier stellen will, dreist, zielbewusst und opferfreudig anzupacken; deshalb halte ich's für meine erste Pflicht, so objektiv wie möglich die Dinge, die sich jetzt im grossen Russland und speziell im jüdischen Ghetto abspielen, zu schildern, und Ihrem Ermessen wird es anheimgestellt bleiben, ob die Beweggründe, die ich zu meinem Versuch der Lösung der Judenfrage ausserhalb Russlands anführe, überzeugend genug sind, damit das Problem in Angriff genommen werde Es ist aber nicht so leicht, das Bild, welches derlGhettosumpf gegenwärtig darbietet, in photographischer Treue wiederzugeben, weil es bereits seit vielen Jahren so buntscheckig, so kaleidoskopisch verworren ist, wie die Zustände in Russland überhaupt!: wie es sich christelt, so jüdelt es sich. Gruppen und politische Parteien sonder Zahl, die sich gegenseitig befehden und um des Bären Fell streiten, bevor sie noch das Wild erlegt .... Alles durcheinander gewürfelt, ein echtes Babel, wobei der eine Jude aufgehört hat, die Sprache des andern zu verstehen .... Keine Spur von einheitlichem Streben .... Arme, gequälte Sklaven, die mit aller Kraft an ihren Ketten rütteln, dabei sich die Glieder wund und blutig reiben und trotzdem den Einzug aus den dumofen Ghettomauern — in spanische Schlösser erträumen. Vor allen Dingen sei nun eine Klasse russischer Juden hervorzuheben, welche die Ansicht der Westler teilen, dass die endgültige Lösung der Judenfrage in Russland selbst erfolgen müsse ... Zu diesen sind die besser situierten und intelligenten Kreise zu zählen, welche die Judenfrage als Teilfrage der allgemein russischen auffassen. Sobald in Russland geregelte, rechtliche, freiheitliche Zustände eintreten, meinen diese Herren, müsse auch den Juden die Freiheit erblühen. Die Juden müssen die Leiden der russischen Freiheitskämpfer teilen, damit sie auch ihre Freuden ernten. Die Juden müssen sich ihre Sporen erkämpfen und am russischen Freiheitstisch einen Ehrenplatz erobern. . . . Die Einen schliessen sich nun den liberalen, gemässigten, russischen Parteien an, wirken durch Wort und Schrift, in Meetings, Vereinen, Verbindungen jeglicher Art, in Gemeinschaft mit ihren russischen Gesinnungsgenossen; die Andern schliessen sich den radikalsten, revolutionärsten Parteien an und suchen die Freiheit mit den Waffen in der Hand zu erkämpfen, ünd wenn auch die russische Regierung und das russische Volk gewissenhaft dafür sorgen, dass der Glaube an eine Judenemanzipation nicht zu sehr Wurzel fasse und zu diesem Zwecke uns regelmässig als „memento mori" Oberraschungen jeglicher Art, Pogromchen und Pogrome bescheert, so verschlägt das recht wenig. Im Gegenteil, diese Glaubensseligen fassen die Judenkrawalle als letzte Zuckungen eines vertrackten Regimes, als letzte Anstrengung einer verkrachten Bureaukratie auf, dys Heft in Händen zu behalten, und stürzen sich mit um so grösserem Eifer in den Strudel der Revolution. . . . Nur die Regierung und nicht das Volk selbst sei der Feind, heisst es, und es dürfte ein Leichtes sein, ersterer beizukommen. ... Die Stunde der Freiheit habe geschlagen .... Die Judenmassacres seien ein vorüberziehendes Gewitter, über das hinweg man zur Wahlurne schreiten, resp. die „Duma" boykottieren müsse. . . . Einer zweiten, recht zahlreichen Gruppe russischer Juden sei erwähnt, welche seit Jahr und Tag die Aufmerksamkeit, nicht sowohl der Juden, als der russischen Regierung auf sich lenken. Im Lande des Elends und des Jammers, im Ghettosumpfe nämlich, ist ganz wider Erwarten, eine Passionsblüte entsprossen, ein bis dahin nie dagewesenes Geschlecht junger Makkabäer in Jakobinermützen, bekannt unter dem Namen „Bund". Diese russisch-jüdischen Sozialdemokraten, die ganz stramm, nach deutschem Muster organisiert sind, aus Fabriksarbeitern und hauptsächlich aus kleinen Handwerkern sich rekrutierend, haben den Marxismus in Bausch und Bogen dem Ghetto aufgepfropft, ohne Rücksicht auf Zeit, Raum und alle Lebensverhältnisse. In verbum magistri schwörend, erwecken sie durch ihr mathematisch abgezirkeltes Programm, welches keine Kritik und keinen Widerspruch duldet, den Neid eines jeden denkenden Menschen. Mit kühnem Mute, weder Gefängnis noch Sibirien, noch den Galgen fürchtend, wollen sie in dem autokratischen Russland, und gar im verelendigten Ghetto, mit Bomben und Revolvern in der Hand, eine solche soziale Ordnung einführen, welche den Sozialdemokraten der kulturellsten Länder Europas, mit Hilfe aller ihnen zu Gebote stehenden Kulturmittel, bis nun nicht gelungen ist. Eines werden diese, zum grössten Teile unreifen, politisch nicht geschulten, über einen Schatz von einem Dutzend geflügelter Worte verfügenden ^Bundisten" durch ihre immerwährenden Streiks wohl erreichen: die Proletarisierung, alias Verelendigunrg selbst derjenigen Ghettojuden, welche sich bis nun noch einigesmassen über Wasser halten und sowohl sich, als auch di ^e