Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 5 5 SPEZIALBERICHT UBER DIE BRÜSSELER KONFERENZ Schon Sonntag Vormittag war der grösste Teil der Delegierten anwesend. Sowohl Vormittag als Nachmittag fanden informative Besprechungen der Delegierten und Gruppen statt. Auch eine Sitzung der zionistischen A-C. wurde abgehalten, in der die Details tür die Führung der Verhandlungen der Konferenz beraten wurden. Um 8 Uhr abends wurde die VORKONFERENZ vom Präsidenten des zionistischen A.-C. David W o 1 f f s o h n eröffnet. Herr Wolffsohn erklärte nach Begrüssung der Erschienenen, die Vorkonferenz hätte den Zweck, durch Festsetzung des formellen Teiles der Konferenz Diskussionen und Zeitverlust am nächsten Tage zu ersparen. Es wurde zunächst der Vorschlag Dr. fiantkes angenommen, ins Bureau folgende Herren zu wählen: Vorsitzender David Wolffsohn, Beisitzende: Dr. Paul Nathan, Dr. H. Hildesheimer, (Hilfsverein deutscher Juden), Hermann Kish, (Anglo Jewish Association), Prof. Max Mandelstamm, Dr. Bernstei n-Kohan und Prof. Simonsen. Es wird beschlossen, dass die Verhandlungen öffentlich stattfinden und dass auch Gästen der Zutritt zur Versammlung gestattet wird. Sodann kündigt die Vorsitzende die Referate für die erste Sitzung an und ermahnt schon jetzt alle Redner, sich morgen möglichst kurz zu fassen. Nach Erledigung einiger kleiner Formalitäten wird die Voronferenz geschlossen. Sonntag um 9 Uhr Vormittags fand die ERÖFFNUNG DER KONFERENZ durch Herrn Wolffsohn statt. Herr Wolffsohn hielt folgende ERÖFFNUNGSREDE Sehr geehrte Herren! Im Namen des zionistischen Aktions-Komitees habe ich die Ehre, die allgemein-jüdische Konferenz zu eröffnen und Sie auf das Herzlichste zu begrüssen. Es entspräche weder Ihren eigenen Anschauungen noch dem Sinne unserer Zusammenkunft, wollte ich Ihnen für Ihr Erscheinen noch besonderen Dank sagen. Wir, die Einberufer, Sie, die unserer Einladung gefolgt sind, haben nur unsere Pflicht erfüllt. Aber ich glaube, dass Sie mit mir übereinstimmen werden, wenn ich doch eine Ausnahme mache; ich möchte der grossen Genugtuung darüber Ausdruck geben, dass wir soviele unserer russischen Brüder in unserer Mitte begrüssen können. Sie haben ein unsagbares Unglück mit eigenen Augen gesehen, am eigenen Leibe erfahren. Wir litten und leiden mit Ihnen. Brüderlich reichen wir Ihnen die Hand zu gemeinsamer Beratung, zu gemeinsamer Arbeit. Sehr geehrte Herren! Ein Blick in diesen Saal belehrt Sie, dass es eine ansehnliche Versammlung ist, die hier tagt. Grosse Organisationen und Gemeinden sind hier vertreten. Ich freue mich, in unserer Mitte bewährte Männer zu sehen, die im Kampfe für die jüdischen Interessen immer voran stehen und die auch hier berufen sind, im Namen unseres Volkes zu sprechen. So ist also das erreicht, was die Einberufer anstrebten: Wir sind hier ein Rat vieler Parteien, aber einer, der über den Parteien steht. Ein gemeinsamer Rat von Ost und West keine einseitige Vertretung, wo von den einen bloss gegeben, von den anderen bloss genommen werden soll. Und das sehr geehrte Herren, kann in seiner Tragweite nicht genug gewürdigt werden. Wenn es auch nur ein Anfang ist, nur der erste Schritt zu einer Gesamtorganisation aller Juden - nicht allein für die gegenwärtige Zeit des Unglücks, sondern auch für alle Tage der Gefahr — es ist doch eine neue und bedeutsame Erscheinuug im jüdischen Leben. Daran und an der Kompetenz unser heutigen Versammlung ändert auch nichts die Tatsache, dass manche Organisationen heute noch fehlen. Es ist nicht um einer Polemik willen, wenn ich bei dieser Tatsache einen Augenblick verweile. Ich glaube, wir müssen uns heute auch Rechenschaft darüber geben, dass manche nicht da sind und warum sie nicht da sind. Die „Ica" und die „Alliance" haben es für angebrat ht gehalten, der Einladung zu dieser Konferenz nicht Folge zu leisten. Man wird darüber seine Verwunderung nicht unterdrücken können. Die „Icau ist entstanden, als sich in Russland die Not der Juden steigerte, freilich auch nicht entfernt bis zu dem Grade, wie es leider heute der Fall ist. Heute haben sich Ursachen und Zweck dieser Stiftung, die Baron Hirsch dem jüdischen Volke als Erbschaft hinterlassen hat, ins Ungeheuere gesteigert. Musste da nicht die „Ica" unter den Ersten sein, die zu einer Versammlung wie es die heutige ist, ihre Vertreter zu entsenden hätte? Auch die „Alliance" hatte nicht das Recht ohne Motivierung fernzubleiben. Ihr Wahlspruch: „Kol Israel arewim se böse" (Jeder in Israel steht für den anderen ein) sollte für die „Allgemeine jüdische Alliance" Grund genug sein, bei einer allgemeinen jüdischen Konferenz nicht zu fehlen. Sehr geehrte Herren! Mehr will ich über die Ablehnungen nicht sprechen. Ich wende mich Ihnen zu, die gekommen sind. Unsere Zeit ist kurz, und die Arbeit ist gross. Ueber die Ereignisse selbst, die uns hergeführt haben, kann ich mir ersparen, Ihnen, Männern der jüdischen Oeffentlichkeit, etwas zu sagen. So schwer uns diese Ereignisse getroffen haben, so sehr unser Herz erfüllt ist von der Gewalt des Unglücks, wir sind nicht hierhergekommen, um uns in Ausbrüchen der Trauer oder des Schmerzes zu ergehen. Nicht deklamieren wollen wir, auch nicht demonstrieren. Die Wirkung dieser Versammlung nach aussen muss sich aus dem Ernst und der Würde ihrer Verhandlungen ergeben. Es ist auch nicht meine Absicht oder Aufgabe, Ihnen die Linien für Ihre Beratungen vorzuzeichnen. Ebensowenig komme ich zu Ihnen mit einem fertigen Plan, den Sie zu akzeptieren oder zu verwerfen hätten. Als Zionisten haben wir natürlich die felsenfeste Ueberzeugung, dass nur auf dem Boden Palästinas die Judenfrage endgiltig gelöst werden wird. Wir haben Sie aber nicht hierhergebeten, um Ihnen das zu sagen. Der einzige Gegenstand dieser Konferenz ist: die Mittel zu suchen, um die akute Not von heute und die drohende Gefahr von morgen abzuwenden. Wenn ich die Wünsche und Erwartungen formulieren soll, mit denen ich zu dieser Konferenz gekommen bin,