Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-02-02 · 5 (2.2.1906) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
5 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316192--47752-3342652
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 No.5 Zionisten gewesen, auch in dieser Frage die Direkive zu geben. Sie haben es auch prinzipiell getan. Der Zionismus ist zwar nicht ausschliesslich ein Emigrationsplan, weil er das ganze Leben des Volkes in all' seinen Erscheinungen umfasst, aber die Emigration ist einer der'wesentlichsten.Bestandteile seines Programms — die Wanderung nach Palästina und den Nachbarländern in Kleinasien und Egypten. Das war der einzige praktische Vorschlag, den die Zionisten zur Konferenz mitgebracht haben, mitbringen konnten. Aber die Vertreter der übrigen Parteien, die im prinzipiellen Gegensatz zum zionistischen Programm stehen, hatten auch nichts vorzubringen, was wenigstens im Augenblick eine positivere und unmittelbare Lösung des Emigrations-Problems herbeiführen könnte. Es hat sich die Erscheinung wiederholt, die immer aufs neue bestätigt wird: Realpolitik ist nicht gleichbedeutend mit Antizionismus. In diesem Sinne wurden der Konferenz die auf den Orient bezüglichen Vorschläge unterbreitet, und von der Konferenz angenommen. Man wird wahrscheinlich sagen, dass die Resolution über die Regulierung der Auswanderung nach Egypten und Kleinasien nicht den Kernpunkt des Problems berührt hat. Aber andere, „praktischere" Vorschläge gab es auf der Konferenz nicht. Wir wollen nicht die Bedeutung der Konferenz überschätzen. Wenn man von ihr erwartet hat, dass sie die ganze Judenfrage lösen wird, oder wenigstens die Frage des russischen Judentunis, so war es eine übertriebene Erwartung. Nicht in einem Tage ist Rom erbaut worden, und auch nicht in einem Tage kann eine so gewaltige Frage, gewaltig durch ihre ökonomische, wie auch durch ihre politische Bedeutung, gelöst werden. Was wir wollten, was die Grundrichtung der Konferenz war, war die Arbeit des Steuermanns. Er kann nicht das Schiff führen, dazu braucht er die Mitarbeit von Segel und Wind, aber er kann dem Schiffe eine Richtung geben. Das wollten wir, das haben wir auch erreicht. Wir Zionisten haben die Solidarität und das Zusammengehen des jüdischen Volkes als Voraussetzung des gesunden Volkslebens gekennzeichnet. Wir haben deshalb eine grosse Volksvertretung, den Kongress, geschaffen, der unbeirrt die nationale Wiederaufrichtung erstrebt ndu erreichen wird. Aber wir haben nie die Tatsache verkannt, dass Katastrophen, wie sie das Golusleben zeitigt, der Kompetenz einer Vertretung aller Juden der Diaspora unterliegen. Das Leben hat uns hierin Recht gegeben. In der Stunde der höchsten Gefahr haben es alle, die hören und sehen wollten, eingesehen, dass nur eine Vereinigung aller jüdischen Energieeinheiten die latenten Kräfte des Judentums auslösen, das Leben der Juden umgestalten könnte. Die Lage der russischen Juden war dieser Punkt, wo die Strahlen sich brechen könnten, wenn sie von bewusster Hand in einer Richtung festgehalten, festgebannt wären. Diese Aufgabe haben wir unternommen, und sie ist uns geglückt. Die ersten Schritte zur Bildung einer grossen, allumfassenden jüdischen Vertretung sind gemacht worden. Die Brüsseler Konferenz war keine abschliessende, keine endgiltige. Sie war bloss eine Voibereitungskonferenz. Und wir vertrauen auf den gesunden Menschenverstand unseres Volkes, auch derjenigen Gruppen, die bei dieser ersten Konferenz gefehlt haben, dass sie die Bedeutung der Konferenz vollständig werden würdigen können. Ihre wesentliche Bedeutung liegt in der Zukunft. PROTOKOLL DER BRÜSSELER KONFERENZ An der vom Aktions-Komitee der zionistischen Bewegung einberufenen allgemein-jüdischen Konferenz, die am 29. Januar in Brüssel stattfand, nahmen 80 Delegierte jüdischer Organisationen, Gemeinden etc. aus verschiedenen Ländern teil. Aus den Debatten, deren Ergebnis die unten stehenden Resolutionen sind, ging hervor, dass die verschiedenen auf der Konferenz vertretenen Korporationen an ihrem Programme durchaus festzuhalten gewillt sind, dass aber andererseits von allen Seiten nachdrücklichst und mit aller Deutlichkeit anerkannt wurde, es sei möglich, die augenblicklichen schweren Aufgaben im Interesse der russischen Judenheit in gemeinsamer Arbeit zu lösen. Als das Resultat dieser Anschauung ist die Annahme der Resolution 1 zu betrachten. Der zweite Punkt, über den auf der Konferenz absolute Uebereinstimmung herrschte, war der, dass sie nicht berufen und nicht in der Lage sei, sich in die innerpolitischen Verhältnisse Russlands einzumischen. Die angenommenen Resolutionen lauten: RESOLUTION I In Anbetracht dass die augenblickliche, ungeheure Notlage der russischen Juden die Mitarbeit aller jüdischen Korporationen erfordert, in Anbetracht, dass diese Notlage ein Problem darstellt, das das gesamte Judentum in erster Reihe angehen muss, erklärt es die Brüsseler Konferenz für unentbehrlich, dass eine ständige Kooperation aller jüdischen Organisationen stattfinde und setzt zur Herbeiführung dieser Kooperation ein voibereitendes Komitee ein, das aus den Herren Greenberg und Spielmann (London) besteht. RESOLUTION II Die auf der Brüsseler Konferenz anwesenden Vertreter der jüdischen Organisationen drücken den Wunsch aus, dass die verschiedenen Organisationen sich an der Bildung einer Kommission beteiligen, welche verschiedene Länder, und insbesondere den Orient in Bezug auf Immigration u. Kolonisationsmöglichkeit für die russischen Juden studieren soll. Diese Kommission, für welche die Mittel von den beteiligten Organisationen anzubringen sind, soll auch berechtigt sein, vorbereitende Massregeln selbstständig in Angriff zu nehmen. ANTRAG III (Zur Kenntnis genommen) Die Konferenz hat die Erklärung der jüdischen Hilfsorganisationen zur Kenntnis genommen, wonach eine Emigration Mittelloser gegenwärtig von ihnen nicht gefördert werden kann, weil 1. die erforderlichen materiellen Mittel fehlen, 2. zur Zeit für diese Kategorien von Auswandereren Emigrationsländer nicht zu Gebote stehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.