Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 5 (2.2.1906)
- Date
- 1906-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIERRING 23 ' — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — -------= REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK. =---====== -?X. JAHRG. KÖLN, 2. Februar 1906 pDtib tbnn"K MW". Nr. 5. DIE BRÜSSELER KONFERENZ Es hat wohl in den letzten Jahren noch keine Versammlung der Vertreter der jüdischen Öffentlichkeit gegeben, die mit so grosser Mühe zusamenberufen worden ist, wie diejenige, die soeben in Brüssel tagte. Die Schwierigkeiten lagen im Wesen der Konferenz selbst, aber auch in der eigentümlichen Stellung der Einberufer. Alle^Versamlungen und Konferenzen, die bisher stattgefunden hatten, waren entweder Parteiversammlungen, oder sie trugen einen philanthropischen, vor jeder politischen Frage scheu zurückweichenden Charakter. So waren es die zionistischen Kongresse einerseits, so waren es die verschiedenen Zusammenkünfte derfiilfsinstitutionen von Frankfurt, London u. s. w. andererseits. Was in Brüssel am 29. Januar Ereignis't.wurde, war ein Novum, ein erster Versuch. Es sollte eine Versammlung der Parteien und Gruppen des jüdischen Volkes sein, es sollte ad hoc eine Verständigung herbeigeführt werden zwischen den zersprengten Teilen des Judentums in Ost- und Westeuropa zur gemeinsamen Aktion. Und darin lag die grösste Schwierigkeit Wenn Parteien sich gegenüberstehen, die grundverschiedene Ansichten über eine und dieselbe Frage haben, so ist eine Verständigung schwer. Und deshalb konnte man auch nicht erwarten, dass die Vertreter der zionistischen Partei einen gemeinsamen Boden auf prinzipiellem Gebiete finden könnten mit den Vertretern der anderen jüdischen Parteien, deren Anschauungen! in'der Judenfrage, ja deren Weltanschauungen von einander vielleicht durch eine unüberbrückbare Kluft geschieden sind. Es ist nicht immer wahr, dass „du choc des opinions jaillit la verite". Dr. Franz Oppenheimer hat in seiner Rede auf der Konferenz richtig betont, dass eine Verständigung nicht auf dem Gebiete der Prinzipien, sondern auf dem der Praxis, der Tat erfolgen könne. Die Sachlage war ja klar. Es gab kein Problem, worüber man streiten könnte, das von verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten wäre. Es gab eine Tatsache, die jeden, auch den Voreingenommenen, zwingen musste, sich vor ihr zu beugen — die Not der russischen Juden. Und deshalb galt es, einen praktischen Weg zu finden, um der Not zu steuern. Hierin aber lag die zweite Schwierigkeit. Die Einberufer waren Zionisten. Als solche hatten sie einen klaren, ausgearbeiteten, theoretisch und praktisch begründeten Plan. Sollten sie diesen Plan der Versammlung vorlegen? Es hätte keinen Zweck gehabt, denn wäre der zionistische Plan seiner Verwirklichung so nahe, dass in ihm eine Beantwortung der aktuellen furchtbaren Notfrage geboten werden könnte, dann wäre die Konferenz überflüssig, dann wären wir Zionisten wahrlich nicht zu den übrigen Parteien gekommen, um mit ihnen Rat zu suchen. Wenn wir aber bei dem gegenwärtigen Stande der Bewegung der Konferenz nichts anderes hätten bieten wollen als die Ide^e, dann wäre die Konferenz nicht zustande gekommenN^s war ein Dilemma. Zum ersten Mal kamen die Zionisten nicht als Stürmer, nicht als Schaffende einer neuen Zukunft, auch nicht als Ideal - trunkene, sondern als Männer, die nur vom Gefühle der tiefen Liebe zu ihrem Volke beseelt, etwas tun wollten, irgend etwas, um in der schweren Not des Tages zu helfen. Aber wie sollte diese Hilfsaktion beschaffen sein? Alle jüdischen Politiker sind ja zur Einsicht gekommen, dass man mit den alten Mitteln der Geld Verteilung, des philanthropischen Kleinbetriebes nichts wesentliches leisten könne. Ein ganzes Volk, ein Volk von sechs Millionen Menschen kann nicht gespeist und unterhalten werden. „Die Judenfrage ist keine Geldfrage'4 — hat ein Vertreter der jüdischen Philanthropie, freilich der modernen, grosszügigeren, Dr. Paul Nathan, gesagt. Aber dies haben die Zionisten längst erkannt, und aus dieser Erkenntnis heraus haben sie ihr Programm aufgestellt, von ihr.-geleitet haben sie auch im gegenwärtigen Moment die Brüsseler Konferenz einberufen. Man hat in Brüssel nicht darüber Rat gepflogen, wie man neue Geldmittel beschaffen soll, sondern wie man die russischen Juden aus ihrer Hölle in andere Verhältnisse bringe, wo sie keiner Unterstützung bedürften. Und da war von selbst das Mittel dazu gegeben, ein Mittel, das uns die Wirklichkeit schon längst gezeigt, die Emigration. Es wäre vielleicht schon früher die Sache der