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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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KORRESPONDENZEN (In dieser Rubrik wird die Redaktion gerne allen Zuschriften, — auch aus anderen Parteilagern — soweit sie durch Form und Inhalt allgemeines Interesse beanspruchen, Raum geben.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Ihre Übernahme der „Welt"-Redaktion gibt mir Veranlassung, Sie um die Veröffentlichung nachstehender Anregung zu bitten: Schekel-Ablösung durch einmalige Zahlung*) (Ein Vorschlag zur Geldbeschaffung für zionistische Zwecke). Der Vorschlag beruht auf dem System der Leibrente. So gut wie eine Bank gegen Einzahlung des zwanzig- bis dreissigfachen Betrages eine bestimmte Summe jährlich als Zinsen zahlen wird, so wird eine Versicherungs - Gesellschaft dieselbe Summe als Leibrente schon gegen Entrichtung etwa des fünfzehn- bis zwanzigfachen Betrages bezahlen. Wenn aber auf diese Weise ganz geschäftsmässig aus einem Kapital, von sagen wir 15 bis 20 000 Mark eine Leibrente von tausend Mark jährlich gezahlt werden kann, so könnte eine zionistische Institution ganz gut für Zehntausende von Zionisten, die jeder heute zu diesem Zweck 20 Mark einzahlen, jährlich den Schekel entrichten. Der grosse Vorteil der Sache liegt darin, dass bei nur mittelmässiger Aktivitäi der zionistischen Organisation wohl ein Viertel bis ein Sechstel der gegenwärtigen und neu hinzukommenden Schekelzahler im Laufe einiger Zeit für diesen Modus zu haben sein werden, und dass so im ersten Jahre etwa eine halbe bis eine ganze Million Francs und in den späteren Jahren je einige Hunderttausend Francs zusammen kommen können.**) Die Verwendung* Ich wäre dafür, dass diese Gelder in Landkauf, Häuserbau und Verbesserungen angelegt werden sollten. Zum Unterschied vom National-Fonds, der nur Land kaufen will, das vorläufig ziemlich tot daliegen dürfte, sollte der neue Fonds teils zur Nutzbarmachung von Na ti o nal-Fo n d s - La nd (durch allgemeine Verbesserung, durch Anlage von Pflanzungen — etwa speziell Olivenplantagen, deren spezielle Eignung ich seit vielen Jahren betonte — durch Häuserbau, Brunnen-Anlagen und sonst alles, was den Pachtwert des Landes erhöht) teils zum Neuerwerb und zur Nutzbarmachung weiterer Ländereien in Palästina und seinen nächsten Nachbarländern verwendet werden. Durch diese Verwendung wäre gewonnen: Arbeitsgelegenheit für viele Hunderte — vielleicht Tausende von Juden. Es fänden dadurch z. B. bei jährlicher Verfügbarkeit über 250000 Francs bei einem Arbeitslohn von 1,25 Francs per Tag***) über 650 Arbeiter ihren Erwerb, d. h. 650 Familien mit über 3000 Seelen ihren Unterhalt! Weiter wäre gewonnen, dass jährlich eine grosse Anzahl von Heimstätten für weniger bemittelte oder selber nicht genügend arbeitsfähige Leute vorbereitet würden. Eine Anlage z. B. von einigen tausend Francs in Oliven-Pflanzungen bndeutet eine ständige Versorgung auf Lebenszeit und für kommende Generationen.")") Weiter wäre gewonnen eine Vergrösserung des jüdischen Besitzes an Land und zwar an nutzbar gemachtem Land. Das ist viel wichtiger als ein vielfach grösserer Besitz von Brachland. Und weiter liegt darin eine gesunde Ergänzung der nur auf den Landerwerb gerichteten Bestrebungen, sei es nun des National- Fonds, sei es anderer Faktoren. Es ist oft schwer, Mängel im Statut oder Programm einer Institution zu ändern - - da sind aber Ergänzungs-Institute am Platze. Eine Nutzbarmachung oder Verbesserung sonst brachliegenden Landes bringt ja auch entsprechende Mehr-Pacht und ist also eine geschäftlich-gesunde Tätigkeit. Die Vorteile für die Schekelkasse. Die Schekel-Einziehung würde wesentlich vereinfacht und die Regelmässigkeit der Zahlung bedeutend erhöht. *) Nach einer Atiregung, die ich vor Jahren in der „Welt" * fand, die aber bis jetzt ohne Folgen geblieben ist. **) Bei grosserer Aktivität der Organisation Hesse sich ein noch viel erheblicheres Resultat erzielen. ***) Siehe: Bericht über eine Informationsreise nach Saida, von Dr. S. Soskin. „Palästina", Band 1, S 209. f) Es gibt ein Sprichwort: Wer Olivenbäunie p lanzt, versorgt auch seine Erben. In der Begründung zu der „Ölbaumspende" der Palästina-Kommission" wiid ausgeführt, dass eine Aufwendung von 600 Mark per Hektar (ä 100 Bäume) genügt, um schon vom 6. Jahre an einen Überschuss (nach Bezahlung aller Kosten auch für Ernte und Absatz) von jährlich 300 Francs per Hektar zu erzielen. Rechnen wir den Preis für Oliven-Land zu 100 Mark per Hektar, so hiesse das, dass man jährlich 600 Francs (vom 6. Jahre ab) aus einer Kapitalsanlage von 1400 Mark (----- 1750 Francs) flehen kann. Auf Nationalfondsland fiele sogar der Kaufpreis des Landes fort, und, eine Pacht von 10 % angenommen, erhielte man dann aus einem Anlagekapital v n 1200 Mark (= 1:00 Frcs.) einen Jahresertrag von <00 Frcs. weniger 25 Frcs. für Pacht, also 575 Francs (fast 40 0/o!). Jetzt kommt es vielfach vor, dass im Kongressjahre eine wesentlich höhere Sc h ekelzahl eingeht (vielfach das Doppelte!!!) als im kongresslosen Jahre, weil die Vereine der Wahlen wegen im Kongressjahre eine viel grössere Tätigkeit und viel grösseren Sammeleifer entfalten. Ein wesentlicher Teil der Schekolim geht also jedes zweite Jahr der Kasse verloren. Im Umfange der Ablösung des Schekels (im Sinne dieses Vorschlages) wäre dieser Verlust ausgeschlossen. Andere Schäden, wie aus Vergesslichkeit seitens der einziehenden Stellen oder der Partei-Mitglieder, Umzug, Abwesenheit oder vorübergehender Unzufriedenheit entstehende, kämen ebenfalls im Urnfange der Schekel - Abösung zum Fortfall. Ausserdem ist die Wi r kung der Schekelablösung (durch einmalige Zahlung des zwanzigfachen Betrages, so dass der jährliche Schekel 5 °/o der eingezahlten Summe ausmacht) eine „ewige"' während das damit verbundene Wahlrecht „nur" lebenslänglich ist. — Das ist ein Unterschied. Ich kenne jüdische Vereine, bei denen es eine Mitgliddschaft durch jährliche Beitragsleistung, eine lebenslängliche Mitgliedschaft durch einmalige grössere Zahlung, und bei noch grösserer einmaliger Zahlung eine immerwährende Mitgliedschaft gibt. Diese verstorbenen Mitglieder, deren Beiträge, wenn sie entsprechend zinstragend angelegt waren, „ewig leben", pflegen dann in den Mitgliederlisten vornan einen Ehrenplatz zu erhalten. Auch wir könnten so eine Parallel-Institution zum „Goldenen Buche44 des Nationalfonds anlegen. Fragen der Technik. Unsere Bank oder der Nationalfonds oder das besondere Verwaltungsinstitut, das diese Gelder in Empfang nimmt, sorgt für ihre separate Verwendung im oben ausgeführten Sinne, jedoch derart, dass eine Verzinsung resp. ein Pachtertrag garantiert erscheint, aus dem 1. jährlich 5 % auf die Namen der Einzahlenden an die Schekelkasse abgeführt werden, 2. ein Reservefonds von zu bestimmender Höhe angesammelt werden soll, der den Ausfall eventueller Fehljahre decken kann, 3. ein Überschuss für solche Unternehmen direkt kolonisatorischer Natur verwendet werden soll (wie Versuchsstationen, Informationen, Schulen für Landwirtschaft und landwirtschaftliche Industrie), die keine unmittelbare Rentabilität ergeben. Die Schekelkasse schickt sofort eine Bestätigung des Erhalts an den Einzahlenden (etwa in Form eines „Diploms") nebst der Schekelquittung für das laufende Jahr und eine Benachrichtigung an die zuständige Ortsgruppe. In den folgenden Jahren wird die jedesmalige Schekelquittung an den Betreffenden und die Benachrichtigung — ebenfalls alljährlich wegen des Wahlrechts — an die Ortsgruppen gemeldet, an letztere evtl. in Listen. Todesfall oder formeller Austritt aus der Partei (der natürlich keine Rückerstattung zur Folge hat) ist von den Ortsgruppen an die Zentrale zu melden, damit die Statistik und die jährliche Abrechnung nicht fehlerhaft wird. Die solchermassen „verfallenen44 Beträge werden auf besondere Listen übertragen, für die keine Schekolim mehr als solche entrichtet werden. Einige finanztechnische Einzelheiten gehören in die Kommission. Nachteile. Ich sehe keine. Aber ich „höre" welche und will die nächstliegenden gleich jetzt — andere bei späterer Gelegenheit — zu beantworten1 suchen. Ich will mich dabei nur auf die prinzipiellen Bedenken beschränken. Wie eine Störung der Statistik oder der Wahlmaschine zu verhindern wäre, hebe ich schon oben gezeigt. Der riaupteinwand wird sich daher auf den zu befürchtenden „Missbrauch des Wahlrechts" beziehen. Ändert der Betreffende seine zionistische Meinung bis zum Antizionismus, so wird er als anständiger Mensch von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch machen. Bei halbwegs normaler Entwicklung des Zionismus ist eine solche Abkehr irgendwie in Betracht kommender G ru p pe n auch so gut wie ausgeschlossen. Wir können auch auf Schekel- und Ablösungsquittungen vermerken, dass nur „die Anerkennung des Baseler Programms verbunden mit der Zahlung des Schekel44 das Wahlrecht verleiht. Damit dürfte der riaupteinwand beseitigt sein, Für alle kleineren Fragen prinzipieller und technischer Natur wird sich ebenfalls, wenn man nur will, ein Ausweg finden lassen. Berlin, Januar 1906. Davis Trietsch.

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