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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No.4 die^elt 19 Mottele: Sollst nur nicht glauben, ich werd' es mir sehr zu Herzen nehmen! Ich mein', es ist gar nicht so gut, wenn man ein Weib hat, vor dem man sich genieren muss . . . Zippe: Gewiss! Genieren muss man sich vor ihr! Sie ist gar nicht aus unserer Familie! Freide: Ich bitt' Euch, quält mich nicht unnütz! Zippe: Ich mein', man kann einen reichen Onkel habe^ und sich doch nicht schämen, Reb Chatzkel Drachmes Schwiegertochter zu sein. Pessie: Freidenju, wenn Du's nur darum tust, weil Gott, er sei gelobt, Herscheie geholfen hat und Du bist deshalb stolz geworden, so sag' ich Dir, es ist ein sehr grosses Unrecht Chatzkel: Mein Mottete ist bei mir durchaus keine faule Ware . . . Nicht, nicht. Sie will nicht, weiss sie gewiss, warum. Herschele: Ich will's Euch erklären. Hört mir zu! Wir sind da unter uns, sozusagen eine Familie. Wenn Freide Mottele nicht heiraten will, vielleicht will ihn Zippenju haben. Ihr dürft mir glauben, sie wird gewiss eine Ausstattung bekommen, wie es sich gehört . . . Aber . . . jetzt will ich mit Euch von as anderem reden . . . Nicht von den Kindern, von mir selbst, das heisst, von mir und Pessenju. 22 Jahre sind jetzt seit unserer Hochzeit vergangen und, wie Ihr wisst, Gott hat unsere Ehe nicht mit Kindern gesegnet Wozu lebt ein Mencch, wenn nicht für seine Kinder? Pessie (traurig): Ja, so ist's. Die Frauen haben sich oft gewundert, wie ein so frommer Jude wie Herscheie so lang mit einer kinderlosen Frau leben kann. Ich hab' ihnen aber immer gesagt, mein Herscheie ist ein ganz anderer, und die zwei Waisen, die in unserem Hause leben, das sind unsere Kinder. (Freide weint) Ja, Freidenju, Herscheie hat Recht Wozu lebt ein Mensch, wenn nicht für seine Kinder? Ihr beide seid unsere Kinder, und wir leben für Euch . . . (Küsst Freide) Herscheie: Du hast mich nicht verstanden, Pessenju . . . Nicht das mein' ich , . . Ich mein'... ich möchte eigene Kinder haben . .. Chatzkel (still): Er will eigene Kinder haben? Nach meinem Verstand heisst das, er will ein anderes Weib . . . Alle: Was?! Leiser: Des Badchen's Aug' hat es schon lang gemerkt. Herscheie: Ja, Pessenju, wenn ich Dir etwas bin, so sei mir nicht böse. Wenn Du kannst, so leg es mir nicht schlecht aus! Ich will, wir sollen uns scheiden lassen . . . Pessie: Den Scheidebrief? Herscheie, Du hast doch nie davon gesprochen? Her schele: Ich hab' nicht davon gesprochen, aber ich denk' schon lang daran. Pessie: Den Scheidebrief! Weh mir! Weh mir! (Weint, alle Frauen weinen) Herscheie: Das heist, Gott bewahre, wenn Du nicht willst, will ich Dich nicht zwingen. Du bleibst hier irn Haus, und keiner wird wagen, unehrerbietig gegen Dich zu sein. Und ich? Ich wiil es in Liebe tragen. Was soll man tun? Ein Mensch kann doch nicht in allem glücklich sein. Pessie: Nein, Herscheie, Du bist ein gerechter, ein edler Mensch. Wenn Du findest dass wir uns scheiden lassen müssen, was soll man tun? Wahrscheinlich ist's von Gott . . . Weh mir! (Weint) Chatzkel (still): Nach meinem einfachen Verstand, wenn's von Gott ist, warum ist es nicht vor dem Geld gekommen? Dobe: 0, meine teuere Pessenju, ich hab's Euch ja gesagt: Ihr sollt zu Neumond die Gebete der Mutter Rachel sagen. Sie war auch kinderlos, die Arme! Pessie: Was hilft jetzt das Reden? Gewiss weiss Herscheie, was er tut . . . 0, grosser Gott im Himmel, einen solchen Schlag hab' ich nicht erwartet! Freide (fällt ihr um den Hals): Nein, Muhme, es ist noch ein Ausweg! Wenn Mottele nichts gegen mich hat . . . so werd' ich ihn bald heiraten ... Ich . . . (kann vor Weinen nicht weiter reden) Mottele: 0 nein, ich will nicht, dass man mit mir spielt: Jetzt ja, dann wieder nein. Aufrichtig gesagt: Ihr seid für mich zu vornehm . . . Nicht meinesgleichen! . . . Zippenju, das ist schon was anderes . . . Herscheie: Pessenju, wein' doch nicht so! Pe ssie: Ich will ein bisschen weinen . . . Gott wird mich nicht strafen für die Tränen . . . Freidenju: Muhme, teuere Muhme, ich bin nicht schuld. (Weint) Pessie: Närrchen, wie sollst Du schuld sein? Mein Kind, wenn es von Gott bestimmt ist, dass wir auseinandergehen sollen, kann man doch nichts tun. (Blickt sie an) Was? Du? Ah! Das meinst Du? . . . Das heisst, Du! 0, ich dumme Frau, hab' nicht verstanden . . . Nun, Freidenju, eh' eine Fremde meinen Platz einnehmen soll, ist's doch besser, dass Du kommst, die ich wie ein eigen Kind gehalten hab! ... Soll Dir Gott Glück geben! . . . Solche Männer wie Reb Herscheie findet man nicht auf der Strasse . . . Zweiundzwanzig Jahre zusammengelebt und kein böses Wort von ihm gehört! . . . Wein' nicht, Närrchen! ... Ich werde bei Zippenju wohnen, aber ich werd' Dich auch nicht vergessen . . . Und, Freidenju . . . wenn Gott Dich mit Kindern segnen wird, werd' ich sie hätscheln, wie wenn es eigene wären, wie meine Enkelchen . . . Wenn ich keine Mutter sein kann, werd' ich wenigstens Grossmutter sein . . . (Sie fallen einander in die Arme and weinen) Herscheie: Wie kann man einen eigenen Weg gehen, wo man bei jedem Schritt einen zertreten muss? . . . Wein' nicht, Pessenju, trockne Deine reinen Tränen, ich bin viel schlechter, als Du meinst 0, Pessenju, Pessenju! . . . (Alle weinen. Masik betrachtet Herschele ironisch) (Ende des zweiten Aktes.)

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