Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316191--47740-3342639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No.4- Freide: Was [habt Ihr, Onkel? (Herscheie bedeckt sein Gesicht). Ist Euch nicht wohl? (Will seine Hand ergreifen, er wehrt ab) Was ist denn? Seid Ihr mir böse? Herscheie: Ja. ich bin böse, aber nicht Dir, mir bin ich böse, weil ich in der letzten Zeit ein Anderer geworden bin. Freidenju, ich fürchte, ich bin nicht mehr der alte Herscheie Dubrowner . . . Freide: 0 nein, ich sehe, ich fühle, dass der Mann, der jetzt zu mir spricht, Reb Herscheie Dubrowner ist und kein Anderer. Herschele: Freidenju, Du bist ja so klug, so gut, bist ein so reines Kind, und ich weiss, man kann Dir alles gestehen. Hör! Ich leb jetzt schon mit meinem Weib über zwanzig Jahre — und wir haben keine Kinder. (In erregtem Tone): Ja, wir haben keine Kinder! Bei Gott, ich hab' nichts gegen sie. Sie ist eine fromme, brave Hausfrau und hat mir nie ein Böses getan, Aber — Du verstehst doch, — hm — ein rechtschaffener Jude darf doch nicht mit einem kinderlosen Weib leben. Ein Jude muss nur wegen der Kinder heiraten, sonst soll er überhaupt nicht heiraten. Und — ausserdem, ich möchte ein Kind haben, wenigstens ein Kind. Ja, wenn ich einen Sohn hätte! Freidenju, ich fürchte, ich werde Pessie den Scheidenbrief geben müssen. Freide: Arme Muhme! Wie leid ist mir um sie! Herscheie: Ich habe wirklich grosses Mitleid mit ihr, aber sie ist ja eine fromme jüdische Frau und wird mit Liebe über sich ergehen lassen, was unser Gesetz von ihr fordert. Hör, Freidenju, ich hab' Dich was fragen wollen: Stell Dir vor, ich hab' . . . ich hab' mich schon von ihr geschieden . . . und . . . und ... Freide: Sprecht nicht weiter! Ich müsste falsch sein, wollt ich mich stellen, dass ich nicht verstehe. Onkel, ich will nicht lügen. Nicht umsonst hat's mich wie ein Schlag getroffen, damals, zu Chanuka, als ... erinnert Ihr Euch, was damals Reb Uriel gesagt hat? Nicht umsonst zittere ich jedesmal, wenn Ihr mich anschaut. Aber vergesst nicht, sie ist meine zweite Mutter. Möge mich Gott strafen, wenn ich ihr etwas Böses antue! Herscheie: Kind, wer wird denn das Herz haben, ihr etwas Schlechtes zu tun! Wenn sie nicht einwilligen wird, den Scheidebrief zu nehmen, dann werd' ich sie nicht zwingen. Niemals — aber wenn ja . . . und . . . wenn sie einwilligen wird, dass nicht irgendeine, eine Fremde ihren Platz hier einnehmen soll, wirst Du dann . . . meinst Du, dass . . . Oh, Freidenju, wie schwer ist's mir, davon zu reden! (Beide schweigen lange) Du schweigst? Freide: Onkel, Ihr fühlt ja, Ihr wisst ja selbst, was ich antworten kann. Es ist ja überflüssig zu reden. Herscheie: Freidenju, vergiss nicht, Du bist ein junges Kind, und ich bin schon 42 Jahre alt. DIEMELT 17 Freide: Was redet Ihr? In meinen Augen ist ein junger Mann gegen Euch ein närrischer Knabe, ein Niemand. Onkel, wenn Ihr Eure Fiedel nehmt, und Eure Augen werden so leuchtend, und Euer Gesicht erstrahlt so, wie beglänzt vom himmlischen Licht, dann, dann glaub' ich, dass mein Herz, meine Seele, mein Leben nicht mehr mein ist! Und ich denk' mir, wie glücklich war' ich, wenn ich bis zum Tode in diesem Haus neben Euch bleiben könnte! Hierzu Euren Füssen!... (lässt sich in Verzückung nieder, beinahe ihm zu Füssen. Herscheie sieht sie lange tief an, holt die Geige und spielt. Freide singt dazu. Masik tritt in die Tür und beobachtet sie unbemerkt) Freide (mit erstickter Stimme): Onkel, ich glaube, ich hab' Euch lieb! Herscheie: Aber wenn wir . . . wenn wir, Gott behüte!, eine Sünde damit begehen? Freide: Ich weiss es nicht! Vielleicht! Aber ich glaube, ich hab' Euch sehr lieb! Herscheie: Kind, Freidenju, vielleicht dürfen wir nicht daran denken, vielleicht ist's ein Unglück! Freide: Ich weiss nichts. Ich sag' Euch die Wahrheit: Ich hab' Euch lieb! Herscheie [leidenschaftlich): 0 Gott, wenn es nur eine Versuchung des Bösen ist, hilf mir! Verlass mich nicht! Ich hab' in meinem ganzen Leben noch nicht so gefühlt, wie ich jetzt fühle. Ich bin beinah' von Sinnen. Ich könnt' beinah' vergessen, dass ich ein Jude bin, ein Mensch, dass es ein heiliges Gebot gibt, dass ein Gott da ist, o ich . . . Masik: Reb Herscheie, ich wollt' Euch was fragen! (treide erhebt sich, wie aus einem Traume erwachend, geht langsam ab) Herscheie: Ja, Reb Uriel, Ihr habt Recht, wenn man was tun will, darf man nicht viel darüber nachdenken. Denn je mehr man denkt, desto mehr sündigt man. Zippe (rennt herein, öffnet die Mitteltür): Nur Musik fehlt noch, sonst wär' schon die Hochzeit fertig. Alle Schwägerleute sind schon da! Hahaha! Nehmt sie in Empfang! Der Bräutigam kommt! Pessie (erscheint in der Tür): Tretet nur ein, kommt nur, Herscheie ist hier! (Chatzkel, Dobe und Mottete treten ein) Alle: Guten Tag! Willkommen! (Masik nimmt Papier und setzt sich an den Tisch, schreibt) Pessie: Setzt Euch! Es ist doch eine Freude, wenn man jetzt Menschen bei sich zu sehen bekommt. Einen Augenblick, ich bring' bald Kuchen und Süssigkeiten. (Ab) Zippe: Seht mal, was für einen feinen Rock Mottele hat! (Pfeift) Dobe: Du Schalk, man darf nicht pfeifen im Zimmer, man pfeift ja die bösen Geister zusammen. Mottele: Sie selbst ist ein böser Geist. Chatzkel: Wie geht's, Reb Herscheie? Siehst ja aus* wie wenn Dir was fehlte. Masik (außlickend): Jedem Menschen fehlt was. Wem nichts fehlt, der ist kein Mensch.