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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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16 DIE#ELT -No. 4 kenne die Leidensgeschichte unseres Volkes in allen'.Einzelheiten und finde in ihr eine erschreckende Einförmigkeit. Die Ereignisse haben stets in derselben Weise angefangen und auch so geendet. Warum sollten die Juden nicht wilkommene Gäste sein, wo sie sich friedlich niederliessen? Ja, sie hatten ihre eigentümlichen Gebräuche und Sitten, mit denen sie auffielen. Aber das Merkwürdige dabei ist, dass sie gerade in der ersten Zeit ihrer Ansiedelung, wo doch das Auffällige ihrer Gewohnheiten mehr befremden musste, immer eine freundliche Aufnahme gefunden haben. Der Mass kam erst später, als man sich an sie bereits gewöhnen konnte. Zuerst eine literarische Fehde, das Judentum wurde herabgesetzt und verspottet, allerlei Lügen wurden über dessen Inhalt erfunden, zahlreiche Lächerlichkeiten ihm angedichtet; natürlich smd Menschen, die solche religiöse Gebräuche haben, schlecht, boshaft, dumm, barbarisch, menschenfeindlich, staatsgefährlich — und sind daher auszurotten. Auf die literarischen Angriffe folgten solche mit der Faust. Wenn ich die Vorgänge in Alexandria zur Zeit Philos schildern sollte, brauchte ich nur statt Alexandria Wien oder Berlin zu setzen, und alles andere könnte dann vortrefflich passen. Übrigens auch die Judenverfolgungen in Deutschland, Frankreich, Spanien etc. im Mittelalter haben sich genau so abgespielt. Es ist eine nicht genug hervorzuhebende geschichtliche Tatsache, dass der römische Staat trotz seiner riärte die Juden als Vollbürger anerkannt hatte; die bürgerliche Ausschliessung begann erst mit dem Sieg des Christentums, aber auch dann konnte man in Rom die Juden nicht ganz rechtlos machen. Es musste zuvor die „theoretische" Verfolgung gehörig vorarbeiten, ehe die praktische begann. Ich glaube, dass darin die Quelle all unserer Leiden zu finden ist. Jemand beschäftigt sich eingehend mit dem Judentum, gleichviel ob mit dem alten oder mit dem modernen. Er glaubt da etwas zu finden, was seine Missbilligung verdient. Soll er mit seinem Urteil zurückhalten? Warum denn? Wir Juden selbst, wenigstens wir modernen Juden, fordern ja Freiheit für Wort nnd Schrift. Warum sollte man nicht Kritik üben dürfen, sei es am alten Judentum, sei es an der Zuständen des heutigen Judentums? Man kann in der Tat vernünftiger und billiger Weise nichts dagegen einwenden. Und doch lehrt die Erfahrung, dass jede literarische Kritik eine regelrechte Hetze hervorruft. Ich erinnere an die bekannte Delitzsch-Fehde vor drei Jahren. Es war ja eine literarische Kontroverse, und dazu noch eine rein archäologische. Wen geht es eigentlich etwas an, ob die babylonischen oder die jüdischen Gesetze und Lehren älter seien? Höchstens doch nur die Fachgelehrten, die diesen Streit unter sich abmachen mögen. Wie kam es aber wirklich? Es dauerte nicht lange, und die Sache bekam einen Stich ins Antisemitische. Delitzsch beklagt sich, dass er nach den bekannten Ereignissen in Kischinew Briefe mit bitteren Vorwürfen erhalten hätte, in denen ihm die Schuld an den grausigen Metzeleien beigelegt wurde Nicht wahr, das ist doch einfach lächerlich? Aber es liegt darin viel Psychologie. An den Ereignissen in Kischinew hatte die „Bibel und Babel"-Broschüre des ausgezeichneten Archäologen gewiss keine Schuld — so schnell folgt nicht in der Geschichte Wirkung auf Ursache; aber haben die Judenmetzeieien in der Hauptstadt Bessarabiens auch andere literarische Fehden zur Ursache, die Herabsetzung des Judentums durch Delitzsch würde gewiss ein Menschenalter später zuerst Beschränkungen gegen die Juden hervorrufen und dann auch mehr oder weniger blutige Ausschreitungen seitens des niedrigsten Pöbels, der von diesen Sachen nicht die kleinste Ahnnng hat. Natürlich will ich das Recht auf freie Forschung nicht eingeschränkt wissen; ich erhebe auch gegen niemand Anklage. Aber ich darf doch konstatieren, dass, wenn Blitze fallen, sie auch irgendwo einschlagen und dort grossen Schaden anrichten können. Weh dem, der vom Blitz getroffen wird — dies ist sein Missgeschick. Nun, werden die Leser sagen, kommt „die Moral von der Geschichte", d. h. ich werde mit Vorschlägen kommen, wie die unhaltbare Lage des jüdischen Volkes auf die Dauer zu bessern sei. Aber keineswegs! Es ist nicht wahr, dass jede Geschichte ihre Moral hat. Börne sagt in einem seinen Aphorismen, die Geschichtejehre Moral, die Natur das Gegenteil. Ich für meine Person kenne eine Menge geschichtlicher Ereignisse, aus denen ich beim besten Willen keine Moral lernen kann. Dem sei übrigens, wie ihm wolle; ich glaube nicht, dass ich bei der Vorsehung angestellt bin und dem jüdischen Volke zu raten hätte. Es spukt in unsern Köpfen noch die pilpulistische Spitzfindigkeit herum, dass wir annehmen, auf jeden „herben Rambam"t auch eine Erklärung finden oder geben zu müssen. Ich überlasse dies anderen, gescheiteren, als ich einer bin. Nach etwa acht Jahrhunderten jüdischer Leidensgeschichte stehe auch ich da, wo unser grösste Dichter gestanden hat. Auch ich finde, dass wir leider das Herz der Völker sind und daher den Schmerz bei allen uns zugefügten Leiden um so mehr empfinden. Wir stehen gar zu sehr im Vordergrunde der Ereignisse und werden von allen in Mitleidenshaft gezogen. Siehe: die gegenwärtigen Ereignisse in Russland. JAKOB GORDIN (New-York): „DAS GELD" DRAMA IN 4 AKTEN AUS DEM JUEDISCtiEN. (Fortsetzung) Masik: Gott hat dem Menschen zum Leben viel Freude und Glück gegeben. Der Mensch hat nur Eines zu tun; Zu leben und zu gemessen. Herschelc: Was sagt Ihr da? Das sind keine jüdischen Worte. Lasst mich! Ihr wollt mich vergiften mit Euren sündigen Gedanken. Ihr wollt in mir den letzten jüdischen Funken auslöschen. Lasst mich! Masik: Schreit doch nicht so! Ihr könnt ja tun, was Euch beliebt. Ich sag' Euch nur, es gibt Gefühle, die über den Juden ebenso Gewalt haben , wie über andere Menschen. Ich mein', im Gegenteil,; wenn Ihr ein frommer und rechtschaffener Jude seid, so hättet Ihr nicht mit einem Weib in kinderloser Ehe mehr als zehn Jahre leben dürfen. Und ausserdem, — was ist das Leben eines Menschen, wenn er keine Kinder hat? Wozu sollt Ihr Euch selbst das grösste Vergnügen versagen, den grössten Trost rauben? Ihr habt jetzt Mittel genug, um Euer Weib bis zum Tode zu versorgen. Sie wird besser leben können, als sie sich's je geträumt hat. Oh, Ihr seid noch ein junger Mann! Aber Ihr denkt zuviel über jede Kleinigkeit nach, und darum habt Ihr nicht den Mut, etwas zu tun. (Freide singt) - Sie kommt! . . . Ah, l ich hab' vergessen, die Kasse zu schliessen. (Ab.) H ers che 1 e:|§Wartet doch, Reb üriel, bleibt!*; Xiott, jetzt lasst Ihr mich allein! . . . Gott! Gott! (Er zittert am ganzen Leib, klammert sich an das Tischchen mit bebenden Händen)

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