Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316191--47738-3342637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

No.4 wohin sie in Massen dringen, den Judenhass und das unsichtbare Ghetto mit sich bringen, der mag ein anderes Mittel nennen, als das, sie in geschlossenem Körper anzusiedeln, als eigenes Volk im eigenen Lande. Ich, wir, sehen kein anderes Mittel. Und so nehmen wir denn Abschied von euch, ihr Makkabäer Russlands. Friede eurer Asche! Und wir grüssen ehrfurchtsvoll die Tapferen, die noch für Menschen recht und Menschenglück in Waffen stehen gegen ruchlose Gewalt, die den Tod nicht scheuen für das, was ihre Sehnsucht ist. Viel edles Blut wird noch fliessen, furchtbare Gräuel werden wir auch sehen, aber das Ende des gewaltigen Kampfes wird die Befreiung Russlands und der Welt sein von unerhörter Tyrannei. Und dann werden die dankbaren Mitbürger auch auf die Gräber der jüdischen Freiheitskämpfer ihre Kränze niederlegen, und werden sie, die:heut verlästerten „Schnorrer und Verschwörer" ehren wie die Griechen ihren Harmodios, die Römer ihren Brutus, die Deutschen ihren Armin und Teil, die auch Rebellen waren. Ein Gewaltiges vollzieht sich drüben in Russland vor unseren Augen: die Befreiung der Welt von ihrer letzten Fessel, die Freilegung der Bahn für den Aufstieg der Menschheit zu Glück und Gesittung! Daran gemessen bedeuten Blut, Tod und Armut selbst Hunderttausender nur wenig. Ein Menschengeschlecht ist nur e i n Laubkleid am Eichenstamme des Volkes: der Frühling bringt es, der.Spätherbst wirft es welk zu Boden. Was will es von diesem Ewigkeitsstandpunkte aus bedeuten, wenn ein Teil der Blätter und Zweige durch einen Sommersturm vor der Zeit herabgerissen wird? Wenn nur der Stamm, der ewige Erneuerer, durch den gleichen Sturm der Todfeinde ledig wird, die seine Wurzeln benagten, die ihn getötet hätten und mit ihm die Laubkleider aller zukünftigen Lenze? Darum wollen wir dem grossen Moment kein kleines Geschlecht zeigen. Mische sich immerhin die dumpfe Totenklage in den Siegesjubel, aber der Siegesjubel übertöne die Klage! Heil euch, ihr Toten, ihr seid auf dem letzten gewaltigsten Schlachtfelde der Menschheit gefallen! Wir wollen sie nach Kriegerart und mit Kriegerehren' bestatten: auf dem Wege zum Grabe ertöne Trauergesang; aber auf dem Heimwege lasset fröhliche Fanfaren erklingen : „das Land ist ja frei und der Morgen tagt, wenn sie's auch nur sterbend gewannen." Seit zwei Jahrtausenden glaubt die Welt, ihre Erlösung könne nur durch jüdisches Blut gewonnen werden. Das edle Blut, das auf Golgatha floss, hat nicht ausgereicht: denn im Zeichen des Gerechtesten tobt der Frevel, im Namen des Liebevollsten wütet der Hass. Aber jetzt ist die Zeit erfüllet: Ströme jüdischen Blutes mörteln die Quadern des Tempels der Erlösung. Heil den Blutzeugen! Heil uns, dass wir das Grosse erleben durften! Heil uns, dass sie die unseren sind! Q&o ö® FEUILLETON 9PÖ f>i,'}^ %o WIR WEHLEIDIGEN JUDEN VON DR. SIMON BERNFELD In seinem bekannten religionsphilosophischen Dialog „Kusari" lässt Jehuda Halevi den Chazarenkönig gegen das jüdische Volk den Tadel aussprechen, es sei zu empfindlich und wehleidig und klage unaufhörlichüber das ihm widerfahrene Leid. Der jüdische Weise, der den König über Inhalt und Wesen des Judentums belehrt, giebt diese Tatsache zu, erklärt sie aber damit, dass das Jüdische Volk „das Herz der Völker44 sei, wie es schon im Talmud heisse, und als edles Organ empfinde es wirklich die ihm zugefügte Misshandlung sehr stark. Wenn man diese Worte im Zusammenhang und mit Verständnis liest, wird man in ihnen keineswegs nationale Überhebung und übertriebene Selbsteinschätzung finden, wie es auf den ersten Blick den Anschein haben mag. Dieser Dichter, der einzige jüdische Religionsphilosoph, der nicht nur eine Apologie des Judentums, sondern auch eine solche des jüdischen Volkes schreiben wollte, bezeichnet sehr treffend das Verhältnis der Juden zu den anderen Völkern, dass sie fast immer im Vordergrund der Ereignisse stehen und von diesen oft allzuhart mitgenommen worden. Selbst wenn es sich nicht immer um die Juden handelt, bekommen sie, so oft in ihrer Umgebung eine stürmische Bewegung vor sich geht, redlich ihr Teil ab, häufig sogar mehr, als ihnen „von Rechts wegen" zukäme. Ich könnte die ganze jüdische Geschichte nicht nur im, Golus", sondern auch aus früheren Zeiten auf Grund dieser Erscheinung konstruiren. Es ist unser trauriges Los, in alle Welthändel hineingezogen zu werden und für Dinge Nackenschläge zu bekommen, die uns gar nichts angehen. Die moderne judenfeindliche Bewegung, deren Anfänge in Deutschland für das Jahr 1878 zu datieren sind, habe ich von ihren ersten Anläufen an mitgemacht. Ich erinnere mich, wie Wilhelm Marr zuerst mit seinem Buche „Der Sieg des Judentums über das Germanentum" anftrat. Otto Glogau begleitete ihn mit bösen Ausfällen gegen die Juden in seinem „Kulturkämpfer", und hald darauf stieg der Hofprediger Adolf Stöcker im Eiskeller zu Berlin zum Volk, d. h. zum gutgekleideten Pöbel herab. Die Sache fand damals nicht viel Beachtung, und jene, deren Aufmerksamkeit sie doch wachrief, fanden sie sehr spasshaft. Ich erinnere mich noch sehr genau des offenen Briefes, den Rothschild angeblich an Stöcker gerichtet hätte; er ging zum Gaudium aller durch die gesamte jüdische Presse. Ein alberner Witz folgte dem anderen, und man fand es geradezu köstlich. Um jene Zeit schloss sich auch Heinrich Treitschke der antisemitischen Bewegung an. Ich habe Treitschke gut gekannt, denn ich war längere Zeit sein Schüler. So verbissen schlecht, wie die heutigen Antisemiten, war er gewiss nicht. Er war überzeugt, wenigstens im Anfang seines Auftretens, dass er es mit den Juden in Deutschland gut meinte; sie sollten „gute Deutsche" werden, und selbstverständlich dürfte sie niemand daran hindern oder auch nur ihnen davon abraten. Deshalb verdross es ihn, dassdie Juden seine tadelnden Äusserungen so böse nahmen. Auch er meinte, die Juden seien doch zu empfindlich und zu wehleidig; er gebraucht dabei dieselben Worte, die ich vom Chazarenkönig anführte, freilich ohne je von ihm gehört zu haben. Warum, fragte er einst erbittert, darf man Deutschen, Franzosen, Engländern, Polen u. s. w. gelegentlich die Wahrheit sagen und sie tadeln — und warum fallen die Juden, spricht man gegen sie ohne jede feindseliche Absicht einen Tadel aus, gleich über Einen her und reihen ihn in die Schar der Judenfeinde ein? Halten sich denn die Juden für unfehlbar? . Der gute Mann hatte logisch gewiss Recht. Aber was nutzt alle Logik im Leben, wo die Tatsachen sich gar zu oft auf den Kopf stellen? Wenn man Franzosen oder Engländer tadelt, so hat es ja wirklich nichts weiter auf sich. Hingegen kommen bei Ausfällen gegen Juden gleich die Prügel hinterher. Ich habe irgendwo den Witz gelesen: „Wir Juden lesen die Angriffe auf Juden und Judentum nicht mit den Augen, sondern mit dem Rücken, auf dem wir gleich die Stockschläge spüren/' Vielleicht habe ich den Witz selbst gemacht. Also die Empfindlichkeit und Wehleidigkeit der Juden ist „psychologisch begründet", und alles, was man heutzutage psychologisch begründet findet, ist ja auch überaus interessant. Ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.