Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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i 14 DIEMEELT No.4 uns segnen, dass unser hartes Geschick doch so leicht ist gegen das, was unsere Stammesbrüder in Halbasien zu tragen haben. Dass ihr Leben, dass ihr tiab und Gut nicht gesichert ist, das ist uns in frischester, schaudernder Erinnerung. Noch stören uns die grässlichen Bilder aus unseren Träumen, diese verstümmelten, ermordeten, geschändeten Unseligen von Kischinew, Hornel, Odessa, Kiew und leider! so vielen anderen Städten. Noch stehen wir betäubt von dem furchtbaren Schlage, nicht wissend, wo wir anfangen sollen zu helfen, wir, leider fast die einzigen in aller Welt, die helfen wollen, wo doch das Unglück so übergross ist, dass all unser Geben nur Tropfen spritzt auf den heissen Stein! ' Und dennoch, über all diesem Chaos von Blut und Mord, über diesem Höllenknäuel von Finsternis und Seelenzerrüttung schwebt ein versöhnendes Licht, ein erstes Morgenrot besserer Zeiten. Als vor Jahren die Nachrichten von jenem ersten grauenhaften Gemetzel in Kischinew uns erreichten, da ward uns der Jammer vergiftet durch die Verachtung. Denn wie die Schafe an der Schlachtbank Hessen sich die Männer und Jünglinge morden, ohne Gegenwehr, ohne Trotz, wie gemeine Sklaven. Und seufzend mussten wir uns fragen, ob denn wirklich die hämische Behauptung unserer Feinde wahr sei, dass dem Juden in seiner Masse der Makkabäerzorn und Makkabäermut verloren gegangen sei. Heut dürfen wir mit Stolz sagen, dass das eine Verleumdung ist, würdig der anderen Verleumdungen, die der Hass auf uns spritzt. Denn in Odessa und Kiew stand die junge Selbstwehr heldenhaft vordem Leben der Ihren; die Mandelstamm und Silberfarb kämpften und fielen, der Väter wert. Und so dürfen wir, wenn wir heute der tielden aus der alten Zeit unseres Volkes mit Stolz gedenken, auch der Helden aus der jüngsten Zeit unseres Stammes in feierlicher Trauer ehrend gedenken. Die da unten gebettet sind, im beschneiten Boden Russlands, sie taten das Höchste, was der Mensch tun kann — sie starben für das, was ihre Ehre war! Lasst unsere Feinde spotten und schelten — diese hosenverkaufenden Jünglinge waren echte Makkabäererben. Wenn wir westeuropäischen „Staatsbürger jüdischen Glaubens" früher uns im stolzen Gefühl unserer Kultur über diese seltsamen Erscheinungen erhaben fühlten, die eine so sonderbare Sprache sprachen, so veraltete Anschauungen hegten und so wenig von dem hatten, was wir „Kultur" zu nennen beliebten, ein Begriff, der sich leider zumeist an den Verbrauch von Seife und Zahnpulver und an die Verwendung gestärkter Wäsche knüpft — heute beugen wir uns in Ehrfurcht und Demut vor den Toten, die zu sterben wussten. Märtyrer heissen sie uns, heilige Blutzeugen! Sie fochten und starben, wenn sie für ihren Stamm und ihre Überlieferung starben, doch für ein Höheres — für die Freiheit und die Rechte der ganzen Menschheit. Ich weiss, das heisst heut Vielen, und leider auch vielen Juden, ein hohles Wortgerassel. Und ich weiss, dass unsere Feinde und sogar viele unserer Freunde, es der jungen jüdischen Selbstwehr, der jüdischen Intelligenz und der jüdischen Arbeiterschaft Russlands zum bitteren Vorwurf machte, dass sie sich nicht auf die Verteidigung beschränkten, sondern, der kleine David gegen den grossen Goliath, dem ungeheuren Feinde angreifend zu Leibe gingen.. Aber beim allmächtigen Gott, es war heilige, gerechte Notwehr! Sie waren zum äussersten getrieben, und sie wehrten sich, wie sich sogar der kleine Singvogel gegen die tiand wehrt, die ihn aus dem Neste nimmt. „Revolution!44, das Wort klingt schrecklich in unsern Ohren. Aber: eine Grenze hat Tyrannenmacht. Und diese Grenze war im heiligen Russland längst überschritten. Die Zeit war gekommen, da ein Volk in die Sterne greifen darf, um seine ewigen Rechte herunterzuholen, die dort oben hängen, unverlierbar. Einhundertundvierzig Millionen Menschen zermalmt von der schmutzigsten Tyrannei, entrechtet und ausgesogen, nicht für einen Gedanken, nicht für einen Grundsatz, der etwas heiliges hat, selbst wenn er ein Irrtum ist, nicht für die Aufrechterhaltung einer ererbten Regierungsforni, nicht für die Bewahrung einer Religion, die Millionen ein unantastbares Palladium hiess — sondern für den frechen Luxus einer Kamorra gemeiner Verbrecher, hochgeborener Schurken, betresster Schufte, versoffener Pfaffen und ihrer Kreaturen, ihrer Diener, Parasiten und Dirnen! Das Mark des Landes verprasst, seine Reichtumsquellen verschüttet, der Acker ausgesogen, Hunderttausende langsam Hungers sterbend — war das noch nicht Leidens genug? Einhundertundvierzig Millionen Menschen abgesperrt von allem Wissen und Können unserer reichen Zeit, unter den Buschmann hinabgewürdigt, in Dummheit, Dumpfheit, Bestialität und rohen Aberglauben mit listiger Gewalt hinabgedrückt: ein geistiger Jammer, noch ärger als die wirtschaftliche Not — gab das immer noch nicht das Recht, „in die Sterne zu greifen"? Wrar das immernoch die „von Gott gesetzte Obrigkeit", der der brave Staatsbürger Gehorsam schuldet, diese käuflichen Beamten, diese jobbernden Grossfürsten, diese vertierten Spieler, Hurer und Säufer, oder war es eine vom Teufel eingesetzte Obrigkeit, deren man sich erwehren darf in guter Notwehr wie eines gewöhnlichen Strassenräubers, der doch wenigstens seinen Hals aufs Spiel setzt, wenn er sein Gewerbe betreibt? Wisst ihr, was es bedeutet, kein Recht zu haben, kein Recht finden zu können? Wisst ihr, was es heisst, schutzlos der Willkür ausgeliefert zu sein mit Leib und Gut! Dem ersten Schurken verfallen zu sein, der euch für ein paar Silberlinge verkauft? Jeden Augenblick von Gefängnis, Verbannung und Galgen bedroht zu sein, ohne Grund, nur weil ihr zu arm seid, um euren Bezirksbeamten zu kaufen, oder zu reich, um dem Neide mächtiger Schufte zu entgehen, oder weil ihr eine schöne Frau oder eine liebe Tochter habt, auf die ein hochmögender Wüstling Appetit hat? Wisst ihr, was in eines Bruders Seele vorgeht, wenn seine reine Schwester die rote Kartender Kontrollmädchen nehmen muss, nur um der Ausweisung zu entgehen, die sie trifft, weil sie Jüdin ist? Und die^ dann doch ausgewiesen wird, „weil sie ihr Gewerbe nicht ausübt?" Darum steht der Jude überall im russischen Freiheitskampfe an der Spitze der Sturmkolonnen, darum sterben am Galgen und an der blutbespritzten Mauer so viele „Schnorrer und Verschwörer44, weil die Juden noch viel schwerer litten als die altgläubigen Russen, und weil sie den Strahl des Makkabäerblutes in sich haben, den die phlegmatischen Russen, diese mit Mongolenblut versetzten Slaven, nicht in ihren Adern rollen fühlen. Und dann, weil die Juden Russlands kein Vaterland haben, nicht einmal ein Stiefvaterland, wie wir, sondern überhaupt kein Vaterland. Sie sind eines der vielen fremden Völker, die der russische Sultanismus knirschend unter seiner Eisenfaust hielt, in seinem Eisenring zusammenschmiedete: für die Polen, die Finnländer, die Balten, die Ruthenen, die Kaukasier ist Russ'and kein Vaterland, sondern nur ein geographischer Begriff und eine politische Zwingburg; so auch für die Juden Russlands. Ihre Sprache und ihre Tracht ist nicht die russische, ihre Kultur ist die altjüdische,. gemischt mit der westeuropäischen; sie haben nicht einmal das Recht des Schutzbürgers für Leib und Leben, Hab und Gut; nichts bindet sie an das Land ihrer Geburt a's der harte Zwang der Verhältnisse. Wenn sie sich heut empören, so ist es kein Bürgerkrieg, sondern der Krieg eines unterworfenen, rechtlosen, zu Tode gepeinigten Volkes gegen Tyrannen eines fremden Volkes. Ja, diese russischen Juden sind nicht nur, wie wir, Glieder eines über alle Welt zerstreuten Stammes, nein, sie sind auch ein Volk mit gemeinsamer Sprache, Überlieferung und Kultur Nichts fehlt ihnen, um ganz ein Volk zu sein, als ein Land' eigenen Rechtes. Und immer lauter erschallt ihr Ruf über alle Welt, ihnen dieses letzte zu geben, damit sie zum vollen Leben kommen können, immer flügelstärker schwingt sich ihre Hoffnung über alle Hindernisse fort, die ihrer Sehnsucht im Wege stehen. Ein eigenes Land, womöglich das Land der Väter, zu erhalten, damit die zerstreute, gehetzte Masse wieder ganz ein Volk werde, dass ein jeder sitze unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstock, das ist ihres Lebens Sehnsucht, das ist ihres Daseins Halt und Stütze. Das, diese Hoffnung, die unser grosser Herzl, dieser ungekrönte König Judas, ihnen zu geben verstand, hat aus den demütigen, feigen Schlachtopfern von Kischinew die Helden von Odessa und Kiew gemacht. Nehmt ihnen diese Hoffnung, und ihr liefert sie wieder wehrlos auf die Schlachtbank. D^tin der Mensch braucht ein Ziel, um mehr zu sein als ein Tier! Und wäre dieses Ziel ein unerreichbares, wir müssten es dennnoch den Unseligen zeigen, bis zu dem Tage, wo der prophetische Traum der Völkerverbrüderung zur Wahrheit geworden ist, oder bis zu dem Tage, wo der letzte russische Jude den Ozean gekreuzt hat oder unter dem /V\ordstahI der Hooligans verblutet ist. Aber beide Tage sind fern, und die Opfer können, sie werden noch furchtbar schwere sein, denn von dem grossen, historischen Schauspiel der russischen Revolution ist erst die erste Szene gespielt, und unsere Brüder werden die leidenden sein, bis der Vorhang fällt. Aber das Ziel ist gar nicht unerreichbar. Wo ein Wind ist, ist auch ein Weg! Und hier ist der Wille von Millionen zum äussersten getriebener Menschen. Sie werden ihren Weg finden, und an uns ist es, ihnen dazu zu helfen, so weit wir vermögen, bis ihr Ziel erreicht ist. Mag die Aufgabe schwer sein, dem versprengten Volke der russischen Juden ein Land, ihr Land zurück zu geben — nichts ist gewaltiger als der Mensch, sagte der griechische Dichter, und Schwierigkeiten vermehren nur die Kraft, sie zu überwinden. Wer nicht will, ob Jude oder Christ, Arier, Semit oder Mongole, dass noch weiter unschuldig Blut in Strömen fliesse, der mag ein anderes Mittel finden, als das, unsere Brüder aus der Mörderhöhle zu erlösen. Und wer nicht will, dass sie überall,