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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No.4 DIE#ELT — 13 zu gebrauchen. Nein, das Schlagwort „mit Feuer und Schwert" ist das Eigentum unseres geehrten Glaubensgenossen Dr. Byk, es ist ihm, wie der ganze Aufruf, in einer unglücklichen Stunde in die Feder geflossen. Seine einzige Entschuldigung ist, daß die Drohung ebenso hohl und unwahr ist, wie der ganze „offene" Brief, politischer Köder, wie das falsche Pathos von „unserer Religion, die wir hochhalten und als Kleinod so unversehrt auf unsere Nachkommen übertragen wollen, wie wir sie von unseren Altvä'tern ererbt haben/-- Ich stehe den galizischen Verhältnissen ganz fremd, ganz unparteiisch, wenn auch nicht teilnahmslos gegenüber; ich habe in Galizien keine persönlichen Interessen, habe keine Feindschaften zu fürchten, keine Freundschaften zu verlieren. Ich habe mich von der Politik immer ferngehalten und auch jetzt ist mir politischer Ehrgeiz vollkommen fremd, aber der müßte zur Mumie erstarrt sein, dem sich solch frevelhaftem Tun gegenüber nicht das Blut in den Adern empört, den es nicht aus seiner Ruhe aufpeitscht, wenn er hört, wie ein Jude, ein Führer der Juden, durch Unterstellung, Verdrehung, Einschüchterung und Aufwiegelung in einem Atem Polen und Juden in Galizien in gleicher Weise verhöhnt. CZERNOWITZ LEON KELLNER GEDENKREDE VON DR. KRANZ OPPENHEIMER, BERLIN Meine Damen und Herren! Die Feier, die wir heute begehen, gilt einer nationalen Heldentat, einer Heldentat freilich, die vor mehr als zweitausend Jahren geschah in einer Nation, die seit mehr als zweieinhalben Jahrtausenden ihre Selbständigkeit verlor, einer Nation, die vor fast zwei Jahrtausenden von einem furchtbaren Wirbelwinde erfasst und über alle Länder des Planeten hin zerstreut wurde. Haben wir dennoch das Recht, diese fast verschollene Heldentat einer zersprengten Nation zu feiern? Die Frage ziemt sich, denn nicht wenige unserer Mitbürger arischer Abstammung, ja sogar viele unserer eigenen Religionsgenossen schauen scheel auf solche „national-jüdischen14 Anwandlungen. Sie wollen, dass wir Deutsche, Franzosen, Engländer usw. seien, keine Nation, nein, nur eine Religionsgenossenschaft. Nehmen wir an, sie hätten recht! Verlören wir darum das Recht, einer hohen Tat der Männer zu gedenken, die wir als unsere Ahnen verehren? Ich glaube nicht! Es sind zufällig dieselben Feinde, die ihr Gift auf unseren Stammesstolz' spritzen, die es den Abkömmlingen alter deutscher Herrengeschlechter als Schimpf und Schande anrechnen, dass sie heute mit Magyaren und Czechen, ihrer Abstammung zum Trotz, das Deutschtum ihres Adoptiv-Vaterlandes zu Boden drücken. Und umgekehrt: gelten nicht die Refugies Berlins für Musterbürger, obschon sie Sprache und Sitte der alten Heimat mit Zähigkeit bewahren? Und ist etwa der Deutsche Kaiser ein unzuverlässiger Deutscher, weil er sich gern der Tatsache erinnert, dass der grosse Admiral Coligny zu seinen Ahnen zählte? So dürfen auch wir, unbeschadet unserer Staatsbürgerpflicht, unbeschadet unserer Liebe zu dem Vaterlande, das uns gebar, die hohen Ahnen feiern. Und liegt ihr Leben und Wirken so unfassbar weit zurück, über zwei Jahrtausende fast, in einer Zeit, die tausend Jahre vor Karl dem Grossen lag, in einer Zeit, da die Ahnen unserer Gastvölker zumeist noch Wilde waren, den heutigen Herero vergleichbar: ist der Ruhm dann nicht um so grösser, der Stolz nicht um so berechtigter? Denn edles Blut, edler Wein und edle Geigen werden in aller Welt um so höher geschätzt, je älter sie sind. Und wer könnte sich in Europa mit dem Alter unseres Adels messen? Unseres Adels! Ich wiederhole das Wort mit allem Nachdruck. Ein adlig Volk waren unsere Ahnen, als sie aus der Wüste hervorbrachen, um das gelobte Land zu erobern, ein ritterlich Kriegsvolk mit speer- und schwertgewohntem Arm, wie seine Geschichte, ein adlig Volk von milden Sitten und frommem Herzen, wie seine unvergänglich ewigen Gesetze zeigen, die zum Grunddfundament aller europäischen Kultur geworden sind. Dies Volk fand die ehernen Worte der zehn Gebote, es fand die Gesetze der Milde und des Erbarmens für Alte, Arme und Knechte, es fand noch vor dem milden Prediger von Nazareth das Siegeswort, das hoffentlich der Leitstern aller Zukunft sein wird: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst!" Von diesem adligen Volke stammen wir ab, in gerader Linie. Wir brauchen keine Geschlechtsregister und Stammbäume, um das zu erhärten: kein Heroldsamt der Welt wird unser sonnenklares Recht bestreiten wollen. Die Tatsache, dass wir Juden heissen, ist Zeugnis genug. Und sie beweist noch viel mehr! Durchblättert die Stammesgeschichten der ältesten und vornehmsten Anm. : Diese Rede wurde gehalten anlässlich der am 22. in Berlin veranstalteten jüdischen Gedenkfeier. Feudalfamilien Europas: ihr werdet viele uuter ihren Ahnen finden, die den Ehrentitel „adlig" in seiner vornehmeren Bedeutung nicht verdienen, in seiner Bedeutung als edel! Wir aber, die wir heute noch Juden sind, wissen ohne Prüfung von jedem unserer Tausende von Voreltern, dass er adlig-edel war. Denn jeder, und mochte er im dunklen Ghetto mit alten Lumpen handeln, mochte er mit dem schweren Packen auf dem Rücken von Dorf zu Dorf pilgern, verspottet, verhöhnt, bespieen: jeder dieser hosenverkaufenden Jünglinge, die zu unseren Ahnen zählen, war dennoch ein Edler. Denn er hielt fest an Glauben und Überlieferung trotz Hohn und Spott, trotz Plünderung und Mord; er straffte seinen Nacken gegen ungerechte Gewalt und Unterdrückung; er duldete, ehe er sich bezwingen liess, er blieb sich treu in furchtbarster Versuchung — und das ist das einzige Kennzeichen wahren Adels. Einer furchtbaren Auslese ward unser Stamm unterworfen in zweitausend Jahren; was schwach und feig und ehrlos war, fiel ab, und ihr Blut kreist heute in den Adern unserer Feinde: wir alle dürfen mit Stolz sagen, dass wir nur Edle zu Ahnen haben, nur Männer und Frauen, die sich treu bleiben in jeder Not. In diesem Bewusstsein dürfen wir das Makkabäerfest feiern, und bleiben doch gute Deutsche, wenn wir der trotzig-hohen Ahnen mif Stolz gedenken. Das Blut macht den Stamm aus und nicht das Volk. Was heut Deutsche heisst, ist ein Gewebe, in das Germanen, Kelten, Slaven, Romanen, einzelne Mongolen und Finnen und wir Juden als Fäden eingegangen sind Was uns mit unserem verschiedenen Blut dennoch alle zu Deutschen macht, ist die gemeinsame Sprache und gemeinsame Geschichte, gemeinsames Glück und gemeinsame Not; unsere Väter haben auf den Schlachtfeldern des 19. Jahrhunderts mit ihrem Blute den Vertrag unterzeichnet, der sie ins deutsche Volk aufnahm; und die Genien Lessings, Herders und vor allem Goethes haben auch unsere Jugend umschwebt. Und doch sind und bleiben wir und nennen wir uns mit Stolz : Juden! Mag das Wort noch Jahrhunderte lang der Dummheit und dem Hasse als Scheltwort gelten, uns ist das ein Ehrentitel, den wir, den Geusen, den „Bettlern" gleich, auf unser Banner schreiben: Ja, wir sind Juden und sind stolz darauf. Wir erkennen und verfechten es als unser heiliges Recht, unsere Stammesart und unsere Überlieferung zu bewahren, dem Zwange nicht zu weichen, der uns, auch uns deutsche Juden leider noch immer, dahin drängt, uns zu ducken, uns zu verstecken. Das Volk, das Moses, Christus und Spinoza, des grossen Goethe grossen Meister, gebar, braucht nicht zu verschwinden. Es hat ein Recht auf Dauer, bis einst alle Völker zusammenschmelzen zu dem einen grossen Bruderbünde der Zukunft, den unser Prophet mit gläubigem Herzen voraussagte. Noch sind wir weit entfernt von diesem goldenen Zeitalter. Noch macht Dummheit und Hass selbst uns deutschen Juden das Vaterland zum Stiefvaterlande. Noch heisst es fast für jeden von uns: verzichten, verzichten auf Ehre und Stellung, Glück und Glanz, wenn wir der ungerechten Gewalt widerstehen wollen; noch zwingt man uns, den Wettlauf um den Siegespreis auf allen Bahnen mit dem zehnfachen Gewicht anzutreten, nicht zum Schaden unserer Rasse, die in dieser strengen Zucht sichtlich, körperlich und geistig, gedeiht. Aber, wenn man uns auch die vollen Bürgerrechte verweigert, wenn wir auch mit Bitterkeit nach Westen und über den Ozean sehen müssen, wo unsere Brüder sich im vollen Sonnenlichte der Gleichheit und Freiheit tummeln und entwickeln dürfen — unser Leben, unser Hab und Gut sind doch gesichert. Und wenn wir nach Osten schauen, dann dürfen wir

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