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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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und bin mit mir selbst nicht ins Reine gekommen. Ein Wilder ist im Reichsrat doch eine gar zu traurige Figur. Ich: Ein Wilder? Warum ein Wilder? Er: Ja, an wen sollte sich denn ein zionistischer Abgeordneter aus Galizien anschliessen? Ich: An die Polen natürlich; an wen sonst? Mein Gegenüber machte bei diesem mir so selbverständlichen Vorschlag ein sehr erstauntes, etwas mitleidig-überlegenes Gesicht. Ein Zionist Parteigänger der Polen — die Zusammenstellung sei verblüffend, beinahe grotesk, ich müsse ihm Zeit lassen, sich von der Überraschung zu erholen. Der Gedanke sei eine Ketzerei und würde von einem grossen Teil der galizischen Zionisten als Verrat gebrandmarkt werden. Ich: Ja, was haben wir Zionisten für Feindschaft gegen die Polen? Haben Sie schon gehört, dass ein deutscher Zionistenführer gegen seine deutsche Mitbürger gesprochen oder geschrieben hätte, dass ein englischer Zionist sich im Gegensatze zu den Engländern befände? Er (nach einigem Schweigen): Ich kann Ihnen auf Ihre Fragen keine Antwort geben, nur weiss ich, dass der Gegensatz bei uns besteht. Das war im Spätherbst, lange bevor das Schlägwort von einer jüdischen Wahlkurie die Gemüter erregt hatte. Jetzt, Mitte Januar, habe ich in einer anderen Stadt Galiziens dieselbe Melodie in einer neuen Tonart gehört. Dem Rabbiner dieses Stadt, sagte mir ein Mitglied des Kultusvorstandes, werde sein Amt von oben herab verleidet, seine Stellung materiell unmöglich gemacht, er werde, gemein ausgedrückt, aus der Gemeinde hinausgehetzt. Der Herr Bezirkshauptmann wolle ihn nicht haben! Und was hat der Bezirksliauptmann gegen den Rabbiner einzuwenden? Ist er ein Germanisator? Nein, er spricht und schreibt Polnisch vollkommen, bessere polnische Predigten werden in keinem Orte gehört. Ist er nachlässig im Amte? Sein Fleiss, seine Sorgfalt, sein Ernst werden einhellig gerühmt. Lässt sein Lebenswandel zu wünschen übrig? Er wird als Muster eines Seelenhirten gepriesen. Hat er sich die Gunst seiner Gemeinde verscherzt? Arm und Reich trauert bei dem Gerüchte, er werde sich um eine andere Gemeinde bewerben. Was hat also der gelehrte, fromme, allgemein geliebte Rabbiner verbrochen, dass ihm der Bezirkshauptmann das Leben vergällt? Er ist ein Zionist! Und noch eine dritte Tatsache. Der Kultusvorsteher einer anderen galizischen Stadt, dem der Vorwurf gemacht wird, er liebäugle mit den Zionisten, habe aber nicht den Mut, seine Überzeugung offen zu bekennen, sagte mir zu seiner Entschuldigung: „Meine Stellung den Behörden gegenüber legt mir Zurückhaltung a uf." Wenn ich mich erinnere, dass im Gegensatz zu Deutschen und Franzosen, Engländern und Russen, Italienern und Skandinaviern kein Pole von repräsentativer Bedeutung jemals ein Wort zu Gunsten des zionistischen Gedankens gesprochen hat, so gewinnen die angeführten Einzelmomente beweisende Kraft, und es scheint eine zwar erstaunliche, aber darum nicht minder feststehende Wahrheit zu sein: Die galizischen Polen stehen dem Zionismus ablehnend, vielleicht sogarfeindlich gegenüber. Das Unmögliche, das in Galizien Ereignis wird, ist unerklärlich, denn es steht mit allem in Widerspruch, was wir von den Polen wissen. Die Polen haben an ihrem eigenen Leibe erfahren, was Unterdrückung und Verfolgung bedeuten, die Polen sind selbst von glühender Liebe zu ihrem Volke, ihrem Schrifttum beseelt, die Polen haben nie wie andere Völker den Zusammenhang mit der Vergangenheit, daher auch nie die Hoffnung auf die Zukunft verloren, die Polen haben jetzt wie niemals vorher Gelegenheit, zu sehen, dass das Festhalten am Boden, der Besitz eines Stückchens Frde einem Volke Widerstandskraft, ewige Jugend und Unsterblichkeit verleiht — und eben diese Polen sollten ihre zionistischen Mitbürger verfolgen, weil sie sich nicht leichtfertig lossagen wollen von ihrem Volk, ihrer Überlieferung, ihrem Hoffen, ihrer Sehnsucht nach einem eigenen Acker, dem sie im Schweisse ihres Angesichts einen ehrlichen Bissen Brod abringen wollen? Ich hatte gleich die Empfindung, dass es nicht mit rechten Dingen zugehe; jetzt ist die dunkle Ahnung erfreuliche Gewissheit. Herr Dr. Emil Byk, der Vertreter der Juden im Polenklub, hat uns das Rätsel gelöst. Sein vor einigen Tagen erschienenes Pamphlet gegen die Zionisten Galiziens, denn das ist, milde ausgedrückt, der „Offene Brief an die geehrten Glaubensgenossen", gibt uns volle, „offene" Aufklärung darüber, wer die Polen Galiziens so schlecht über Wesen und Wollen des Zionismus informiert, wer für ihre feindliche Haltung den Zionisten gegenüber verantwortlich ist. „Die jüdisch - nationale Wahlkurie", verkündet Herr Dr. Byk, „bedeutet die öffentliche und amtliche Lossagung vom Polentume, ja, noch mehr, denn da hilft keine Täuschung: sie bedeutet die Kriegserklärung an die Polen und an das Land!" Man greift sich an die Stirn, wenn man dieses Pronunciamento liest! Ist Herr Dr. Byk so namenlos borniert oder hält er seine „geehrten Glaubensgenossen" für so unendlich dumm, daß er glaubt, sie mit einem solchen Galimathias ins Bockshorn jagen zu können? Ueberlegen Sie doch, Herr Dr. Byk, welch1 bodenlose Unkenntnis der Verhältnisse Sie mit Ihrem Ausspruch verraten! Jüdische Untertanen,des deutschen Kaisers, die sich offen als jüdisch-national und ebenso offen ihre alte Sehnsucht nach dem heiligen Lande bekennen, werden von ihm, diesem weitausschauenden Monarchen, aufs Wohlwollendste empfangen, die englischen Zionisten Südafrikas werden vom Statthalter der Königin von Fngland mit hochwichtigen Aemtern betraut, ein Zionist ist Oberst im englischen Heere, den Zionisten wird vom englischen Kolonialminister Land angeboten, vom Premierminister die Sympathie mit ihren Bestrebungen ausgedrückt — hat man jemals erklärte Feinde mit solcher Auszeichnung behandelt, mit solchen Artigkeiten überhäuft? Was wohl die frommen Bundesgenossen des Herrn Dr Byk dazu sagen, daß sie über Nacht zu Feinden des Landes und der Polen gestempelt werden! Denn die frommen Juden in Galizien verstehen unter Zion noch immer — „denn da hilft keine Täuschung", um die Worte des Herrn Dr. Byk zu gebrauchen — das wirkliche, leibhaftige Zion, nicht .das Millenium der Herren Maybaum und Genossen, und wenn sie dreimal täglich Gott bitten, das Volk Israel zu erlösen, meinen sie, was sie sagen: hat Herr Dr. Byk wirklich den Mut, alle betenden Juden Galiziens mit Feuer und Schwert zu bedrohen? Jawohl, das ist der eigentliche Kern des Manifestes, und das sei der ganzen Welt mit dröhnender Stimme verkündet: Herr Dr. Byk droht den Jüdisch-Nationalen in Galizien mit Feuer und Schwert. „In unserem Lande hat eine Partei junger Männer für die jüdisch-nationale Kurie Feuer gefangen, eine Partei, die seit ihrem Bestände von einem eigenen überseeischen Vaterlande träumt. Diesen jungen Leuten scheint es, daß die Wahlreform die große Konjunktur gebracht hat, das eigene Vaterland in Galizien zu bauen. Sie übersehen, daß Galizien dafür nicht der Platz ist, und daß man uns dies mit Feuer und Schwert verwehren wird." So orakelhaft wahnwitzig die Verleumdung klingt, so deutlich ist die Drohung: wenn die galizischen Zionisten es wagen werden, sich als das zu bekennen, was sie sind, als Juden polnischer Sprache und österreichischer Staatszugehörigkeit, dann wird man sie mit Feuer und Schwert verfolgen. Von wem hat Herr Dr Byk die Ermächtigung, den Juden Galiziens mit den Worten eines Plehwe oder Pobedonoszew zu drohen? Solange wir es nicht aus berufenem Munde selbst hören, wird uns kein Mensch in der Welt davon überzeugen, daß die Polen Galiziens, die politisch so hochstehenden Mitglieder des Polenklubs, auch nur im Traume daran gedacht hätten, solche barbarische, solche unkluge Worte

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