Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No.4 DIEMKE LT 11 nun emanzipieren, weil sie die Macht dazu haben. Eine politische Autonomie ist im Grunde genommen soviel wie eine Loslösung, Ausschälung, Differenzierung aus dem Einstaat in einen Föderativstaat. Alle Funktionen des centralistischen Staates werden auf die autonome Gemeinschaft übertragen. Diese politische Autonomie ist die erste Bedingung für eine wirkliche kulturell-nationale Autonomie. Die beiden Arten der Autonomie stehen zu einander in einem Wechselverhältnis. Aber wie jetzt einmal die Verhältnisse in den Ländern, die für diese Frage in Betracht kommen, liegen, ist diepolitische Selbstständigkeit das Prius, die nationale die Folge. Unter diesem Gesichtswinkel müssen wir auch die jüdische Autonomiebewegung betrachten. Nationale Autonomie oder politische Autonomie — welche dieser beiden Formen ist für die Juden am erreichbarsten, am erwünschtesten? Man könnte natürlich sagen: „beide", aber das wäre keine Antwort, die eine politische Bedeutung hätte. Wenn man unklare Forderungen stellt, bekommt man unverständliche Antworten oder überhaupt gar keine. Können die Juden in Oesterreich eine politische Autonomie verlangen, d. h. können sie sie erreichen? ünd wenn sie sie erreichen würden, wie würden sie die Geschicke der Juden beeinflussen? Die Antwort darauf kann uns die Geschichte geben. Es ist nicht etwa ein Novum, das von den Juden jetzt verlangt wird. Im Gegenteil, es ist die Wiederaufrichtung einer alten historischen Tradition, die bereits in Vergessenheit geraten ist, wie so manches interessante Stück altjüdischen Lebens. Ja, man muss es offen gestehen, die Erde ist rund und alles kehrt wieder. Was einst eine Tatsache war, will es wieder werden. Die meisten Juden, die ein ziemlich schwaches historisches Gedächtnis haben, trotzdem Hess sie das historische Volk genannt hatte, werden wahrscheinlich an die Existenz einer regelrechten Autonomie der Juden in der seligen „Republik" Polen nie gedacht haben. Und doch ist es eines der interessantesten Kapitel der jüdischen Geschichte. Eine der vielgeschmähtesten jüdischen Institutionen war der sogenannte „Kanal.44 Dieses Wort war ein Schreckgespenst für alle fortschrittlichen Juden, ein Gegenstand abergläubischer Furcht und des Hasses der Nichtjuden. Aber dieser „Kanal" war eine andere Form, natürlich eine antikierte — der vollständigen Autonomie der Juden. Wiewohl die Institution des „Kanal", d. h. das Gemeindenwesen, eigentlich tief ins Mittelalter hineinreicht, hatte sie nie und nirgends eine so grosse und entscheidende Bedeutung erlangt wie in Polen. Die wirtschaftlichen und innerpolitischen Verhältnisse der „Rzecz- Pospolita" — wie der offizielle Name Polens lautete — haben es mit sich gebracht, dass die Juden eine ganz eigene, für sich bestehende Klasse gebildet haben. Sie waren der „tiers etat", ohne jedoch einen Bestandteil der Nation zu bilden. Da sie nun eine heterogene Erscheinung waren, so konnten sie auch nicht in die Rahmen des politischen Lebens der Polen hineinpassen. Sie niussten kraft der Umstände eine Sonderstellung erlangen. Und die hatten sie fertig gefunden, indem sie ihre eigene Gemeindezelle zur Stufe einer staatlich anerkannten Organisation erhoben. Der „Kahal", oder der Verband der „Kanals" wurde eine Institution die einen Staatsfaktor bildete. Die Masse der Juden lebte ganz für sich, befolgte ihre eigenen Gesetze, kam in gar keine Berührung mit der Aussenwelt. Der Kahal war der Vertreter der Juden dem Staate gegenüber, der Vertreter des Kahals das „Parlament", der „Waad Arbo Arozos" — die repräsentative Versammlung für die Juden Gross-Polens (Posen), Klein-Polens (Krakau), Rot-Russlands(Galizien und Podolien mit Wolhynien) und Litauens. Dieser „Waad", der von der polnischen Regierung offiziell als „Congressus iudaicus"' oder als „Landtag" (Sejm) bezeichnet wurde, hatte die weitgehendsten Vollmachten. Er war die eigentliche Behörde für alle Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde. Zwei Jahrhunderte hindurch blühte diese Institution, bis sie im Jahre 1764 vom polnischem Landtage gesetzlich aufgehoben und infolge der bald eingetretenen Umwälzung der politischen Verhältnisse des polnisches Reiches — der Teilung Polens — auch für immer zertrümmert wurde. Die neue, zentralisierende russische Regierung hat das Gemeindewesen, das Kahalsystem, untergraben, eine weitere Entwicklung derselben unmöglich gemacht. Eine Reminiszenz an die jüdische Autonomie ist übrigens auch die Existenz der sogen, „politischen Gemeinden" in Mähren, die auch nach der Neuordnung von 1848 bestehen blieben, aber allmählich in Verfall geraten sind. Wäre der Kahal nicht untergegangen, hätte die Entwicklung des jüdischen Lebens eine andere Richtung genommen, wir stünden jetzt vielleicht vor einer vollzogenen Tatsache der jüdischen Autonomie. Aber es konnte nicht so kommen. Die alte Institution hat die Juden zusammengehalten. Die politische Einheit ist zerstört worden. Die Institution brach entzwei. Und neue Interessen traten an das jüdische Volk heran, drangen in seine Mitte wie ein Keil ein, trennend, zerklüftend..... Aber der Wind der Zeit trägt die zerstreuten Knochen wieder zusammen. Knochen an Knochen, Splitter an Splitter. Wird aber aus ihnen ein neues Gerippe sich bilden können? Wird sich dieses Gerippe mit Haut und Fleisch überziehen und aufleben? Die jetzigen Bestrebungen der Juden in Österreich und Russland, soweit sie auf die Erlangung einer jüdischen Autonomie hinauslaufen, sind eine vielleicht unbewusste Wiederanknüpfung an die historische Tradition. Aber, in denselben Strom steigt man nicht zweimal hinein! Wenn sich auch die äusseren Formen ähneln, so decken sich die Inhalte in keinem Falle. Die Verhältnisse, unter denen die Juden jetzt leben, sind grundverschieden von denen, die die Existenz einer Autonomie ermöglichten, ja erheischten: Die Juden sind nicht mehr eine homogene Masse. Sie bilden nicht mehr einen Stand, eine geschlossene Klasse. Sie leben nicht mehr voneinander und untereinander. Ihre Interessen sind vielseitig wie ihre Umgebung, ihre Lebensbedingungen ebenso nach den ökonomischen Rangstufen geschieden, wie die der anderen Völker. Früher waren sie eine hermetisch verschlossene Masse. Jetzt ist die Osmose und die Diastole zu gross. Können nun die Juden unter den jetzigen Umständen, d. h unter Wirtsvölkern lebend, als Städter, dazwischen als Keil die ländliche Bevölkerung der nichtjüdischen grossen Majorität ein autonomes, politisches Leben führen? Wir haben die Vergangenheit befragt, hören wir nun die Gegenwart. — A. Cor. „MIT FEUER UND SCHWERT" Vor einigen Monaten hörte ich zum ersten Male im Leben, dass ein Gegensatz zwischen den Polen Galiziens und ihren jüdischen Mitbürgern zionistischer Färbung bestehe. Als ich nämlich gelegentlich eines kurzen Aufenthaltes in Lemberg einen verdienten, hervorragenden Zionisten fragte, ob er sich nicht bei den nächsten Reichsratswahlen um ein Mandat bewerben werde, meinte er zögernd, es würde ihn stolz und glücklich machen, von den Juden Galiziens in den Reichsrat entsendet zu werden, aber . . . Ich: Ist eine Bewerbung Ihrerseits so aussichtslos? Er: Das vielleicht nicht. Ich habe oft in Versammlungen gesprochen und manchmal grosse Wirkung erzielt; das zionistische Bekenntnis sitzt unseren Stammesgenossen tiefer im Herzen, als man glaubt. Aussicht ist also wohl vorhanden . . . Ich: Nun also! Er: Ich habe über den Punkt mehr als einmal nachgedacht