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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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ZUR FRAGE DER AUTONOMIE Wenn eine Saat, in die Erde geworfen, ohne dass der Sämann sich viel davon verspricht, unerwartet mit einer ungeahnten Schnelligkeit hervorspriesst und gedeiht — so ist's ein Zeichen, dass der Boden schon längst bereit war, dass er sich darnach sehnte, die Saat zu empfangen. Wenn ein Schlagwort, in die Masse geschleudert, ohne dass der Führer und Rufer im Streite grosse "Hoffnungen darauf baute, die Massen in Bewegung setzt, sie aus ihrer gewöhnlichen Trägheit aufschüttelt, zum Kampf führt, so ist es ein Zeichen, dass das Volk schon reif war für dieses Schlagwort, dass die Verhältnisse den Boden für neue Bedingungen geschaffen haben, und dass es nur des erlösenden Wortes bedurfte, um die dumpfe Ahnung in lebendige Tat umzuwandeln. So war es mit allen Bewegungen, so ist es auch mit der jetzigen grossen Bewegung in Oesterreich. Der Habsburgerstaat ist morsch geworden. Das Land ist müde von den unendlichen, inneren Zwistigkeiten, die sich um alte, vom Leben überholte Rechte and Formeln drehen. Es ist müde des Aktenstaubes, der die ganze Oberfläche bedeckt, jede frische Saat erstickend. Es sehnt sich nach einem Regen. Und der Wind, der Vorbote dieses erfrischenden Regens, der in seinem Wasserschwalle alle die alten, wackeligen Pfähle des schwarzgelben Reiches wegschwemmen soll, weht schon. . . . Oesterreich will sich renovieren lassen. Und da die Grundfrage dieses Landes die Nationalitätenfrage ist, so will es auch diese Frage revidieren, in moderner, der Zeit angepasster Form lösen, oder aus der Welt schaffen. Das System der Zentralisation hat abgewirtschaftet. Das sieht jeder ein. Es steht im Widerspruch mit den reellen Kräften des Landes, dass eine Minderheit im Reiche über die grosse Mehrzahl der Einwohner herrsche, bloss dank den verbrieften Rechten, dank vergilbten Urkunden. Die Nationen in Oesterreich wollen zu ihrem Rechte kommen, wollen anstatt unter- oder übergeordnet, nebeneinandergeordnet sein. Das ist der Ertrag der ganzen oesterreichischen Geschichte seit dem Jahre 1848. Das ist das Resultat der Politik der Taaffe, Badeni, Körber und Gautsch. Dem letzteren ist es vielleicht beschieden, dem alten Oesterreich ein Requiem zu singen, ein neues, verjüngtes Oesterreich zu schaffen. Anstatt eines Nationalstaates ein Nationenstaat, anstatt einer Kastenregierung eine Volksregierung. Das Zeichen unserer Zeit ist Selbstverwaltung, „self-governementu. Zu diesem alten politischen Ideale der Engländer schreitet das kontinentale Europa, halb willig, halb gezogen von der Macht der Umstände. Somit ist die Frage für Oesterreich selbst so ziemlich klar und einfach. Für den Gesamtstaat, wie für seine einzelnen Bestandteile, die Nationen. Aber hier erwacht eine andere Frage, die nicht mehr so klar ist, die im Gegenteil schwer lösbar und verwickelt ist, — die Judenfrage. Die Judenfrage hat übrigens das Privilegium, immer die schwierigste zu sein. Warum? Liegt es an ihr selbst, an ihrem Wesen? Oder haben es nur die anderen Völker dazu gebracht, dass die Judenfrage überhaupt ein Problem geworden ist? Eines ist klar, die Grundidee, die zu jeder Zeit das Leitmotiv der Politik war, nämlich die der Einheitlichkeit des Staates, der Homogeneität, stiess immer auf die Judenfrage, befand sich mit ihr immer im Widerspruch. Früher war es die Idee, dass die Religion im Lande einheitlich, ungesondert und ungeschieden sein müsse. Die Staatsmänner der alten Zeit gingen vom Grundsatz der vorherrschenden Religion aus und legten deshalb jede andere Konfession in Acht und Bann. Und als dann der Schwerpunkt des Staatslebens, der Staatsidee von der Religion auf andere, weltliche Gebiete verlegt wurde, da tauchte die Idee des Einheitsstaats, des nationalen Staates auf. In diesem Sinne betrieb Joseph II seine germanisatorische Politik, in dieser Linie bewegte sich das ganze europäische Leben, in den freien wie in den unfreien Staaten, in England sowohl wie in Russland. England, das den Iren ihre flome-Rule verweigert und Russland, das eine zahllose Schar von Völkerschaften in dem Tiegel des Russentums verschmelzen wollte, wobei es aber mit einem solchen Hochdruck darauf hinarbeitete, dass der Tiegel endlich sprang, Deutschland, das die Politik der deutschen Expansion nach dem Osten wie nach dem Westen inaugurierte — alle gehorchten sie derselben Idee der Staatseinheit, der dominierenden Völkerschaft. Und die Folgen blieben nicht aus. Jeder Druck erzeugt Gegendruck. Ein Volk, das sich selbst überlassen, vielleicht durch die Umstände selbst, durch die wirtschaftlische Entwicklung des Landes in die Arme eines anderen,. stärkeren getrieben worden wäre, unbewusst sich assimiliert hätte, wird exclusiv, jeder Unterwerfung unter den Einfluss des anderen Volkes feindlich, wenn es zur Assimilation gezwungen wird. Dies und die ökonomischen Ursachen, die in dem Wachsen der nationalen Märkte gelegen sind, haben die Hochflut der nationalen Bewegung hervorgerufen, die in Europa gegenwärtig einer der Hauptfaktoren der Politik geworden ist. Auch die Sozialdemokratie, die früher streng international war, die sich von den Fesseln der Nationalität befreit glaubte, sieht jetzt ihren Irrtum ein. An der Scholle klebt die Masse. Die Massen haben die Erdenschwere an sich — und sie zwingen auch die Führer, die freien Geister, die einem Ideal von reiner Menschlichkeit, von einer vollkommenen Freiheit und Befreiung von allen Vorurteilen huldigen, sich der gegebenen Wirklichkeit zu bequemen, ihr sich anzupassen. Und auf diese Weise ist die nationalistische Bewegung sanktioniert worden. Die Zukunft, wenigstens die nächste, gehört ihr. Wie drückt sich aber der Wunsch nach Eigenleben aus? Wie ist seine politische Formel? Es ist die der staatlichen Selbständigkeit, oder wenigstens der Autonomie. Eine Autonomie kann national sein oder auch nicht, aber politisch muss sie sein — das ist ihr Charakteristikum. Mit anderen Worten, eine Autonomie kann dazu dienen, um einer bestimmten Nationalität ein Milieu zu schaffen, in dem es sich „ausleben", seine Eigenschaften, Besonderheiten in Kultur umzusetzen, und dann ist sie eine nationale* Sie kann es, sie muss es aber nicht. Es ist eine Autonomie denkbar, die wie in Canada, Australien u. s. w. absolut keine Kultur — d. h. keine Nationalinteressen verfolgt. Die Amerikaner haben während ihres Befreiungskrieges nicht deshalb für ihre Unabhängigkeit gekämpft, weil sie sich „national ausleben", sondern weil sie politisch frei sein wollten. Die erste Bedingung einer Autonomie ist somit die politische Unabhängigkeit. Die nationalkulturelle Eigenart ist oft die Voraussetzung, öfter noch die Folge der politischen Autonomie. Und deshalb sehen wir im Kampfe um die Befreiung, den die geknechteten Völkerschaften in Österreich wie in Russland führen, auf dem Banner der Kämpfenden die Forderung der politischen Autonomie geschrieben. Was heisst aber politisch? Es ist eine Transformation des alten Begriffes „staatlich". Der Staat wird nicht mehr als Selbstziel betrachtet, und an seine Stelle ist der Begriff der politischen Zusammensetzung, der politischen Stellung getreten. Die Ruthenen, Polen und Czechen in Österreich, die Polen, Letten, Kaukasier in Russland verlangen Autonomie. Was will das sagen? Sie verlangen eine Konstatierung der bereits bestehenden Tatsachen. Sie verlangen, dass ihr gutes Recht, das Anrecht auf ihren Boden, der sowohl historisch als auch tatsächlich ihnen gehört, nicht von einem fremdem Volke mit den Füssen getreten wird. Die meisten dieser Völker waren früher selbständig, sind durch die Gewalt in die Hörigkeit der stärkeren Völker geraten und können sich

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