Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No.4 9 Sjno anche lor' pittori! Sind sie ja doch aucli Patrioten! Die „Alliance" war eine grosse, schöne jüdische Institution. Es könnte einem leid tun, wenn sie durch ihre eigenen Fehler geschädigt würde. „ Wie wir gesehen haben, verlangen die Deutsche Politik. . +1,1/1 1 r+-i a adeutschen Kolonialpohtiker, dass die Juden ihren Einfluss für die Verbreitung deutscher Kultur und die Entfaltung deutscher Macht verwenden. Und die Juden beeilen sich, beifällig mit dem Kopf zu nicken und zu diesen Forderungen Ja und Amen zu sagen. Herr Geh. Kommerzienrat Goldberger verspricht in seiner Antwort auf den obenerwähnten Angriff der „Kölnischen Zeitung", der gegen die deutschen Mitglieder der „A11ianceu gerichtet war, auch die Interessen Deutschlands in Marokko zu wahren. Deutschland verlangt von den Juden Opfer, gibt es ihnen aber auch ein Äquivalent? Sieht es nicht im Gegenteil die deutsche Politik immer mehr auf die Zurücksetzung, Missachtung der Juden ab? Nehmen wir die Frage, die jetzt aktuell ist und auf der Tagesordnung steht, — die neue Schulgesetzvorlage. Es ist bekannt, welche reaktionäre Färbung diese Vorlage hat, und das ganze liberale und radikale Bürgertum des Landes protestiert gegen diesen Versuch, die Volkschulbildung zu klerika- Iisieren. Aber am schmählichsten kommen die Juden bei dieser Vorlage weg. Und es wird wohl kein besseres Expose der Stellung der Juden zu den neuen Schulgesetzen geben, als die Denkschrift, die der Verband der deutschen Juden an den Landtag gerichtet hat. Es wird darin Einspruch erhoben gegen den im Gesetz für die Juden geschaffenen Ausnahmezustand, der die jüdischen Schulen ganz der willkürlichen Bestimmung überlässt und sogar als Ausnahmegesetz den im modernen Staat unerhörten Zustand stipuliert, dass das Schulvermögen der Juden durch den Spruch einer Verwaltungsbehörde konfisziert werden kann. Erschwerend komme hinzu, dass die Juden in den Schuldeputationen und Schulvorständen nicht vertreten, also schutzlos sind, dass die Konfiskation des Schulvermögens den Anreiz zur Auflösung bestehender jüdischer Schulen gibt. Da die Lehrer jüdischer Volksschulen vielfach gleichzeitig kirchliche Beamte der Synagogengemeinden sind und in demselben Hause wohnen, in dem die jüdische Schule untergebracht ist und da zuweilen auch die kleine Synagoge oder Betstube der armen Gemeinde sich in demselben Hause befindet, könnte sogar der Fall eintreten, dass den Juden nicht nur ihre Schulen und ihr Schulvermögen, sondern auch die Beamtenwohnung, ja selbst die Synagoge konfisziert werde. Und das alles ohne Einspruchsrecht, ohne geordnetes Rechtsverfahren, lediglich durch das diskretionäre Ermessen der Behörde. Den Juden verblieben sonach von der früheren jüdischen Schule lediglich „Die Verpflichtungen Dritter". Ebenso seien für die Einrichtung neuer jüdischer Schulen Ausuahmebestimmungen vorgesehen. Ohne Befragung der jüdischen Hausväter bezw. Synagogenvorstände werde die Neuerrichtung verfügt oder unterlassen. Das sei ein Rückschritt selbst gegenüber dem geltenden Recht, das durch § 64 des Gesetzes über die Verhältnisse der Juden vom 23. Juli 1847 die Absonderung der Juden zu einem eigenen Schulverbande „auf Antrag des Vorstandes "der Synagogengemeinde" ermögliche. Der Entwurf lasse nicht einmal dann die Neuerrichtung einer jüdischen Volksschule zu, wenn die Synagogengemeinde sich zur Tragung der Mehrkosten bereit erkläre. Eine Zurücksetzung liege auch darin, dass die jüdischen*Schulen ausschliesslich für die jüdischen Kinder bestimmt sein sollen, während sonst andersgläubigen Schülern; der Eintritt zu christlichen Schulen gestattet sei. Andrerseits könne man schliesslich sogar zu einer Interpretation kommen, welche den Schulverbänden bezw. der Schulaufsichtsbehörde die'Befugnis gebe, die jüdischen Kinder ''zwangsweise aus der öffentlichen Volksschule des Schulverbandes auszuweisen, wenn es dem Schulverbande etwa belieben sollte, auch für einej geringere Anzahl jüdischer Kinder eine jüdische Volksschule einzurichten. Betreffs der jüdisch-christlichen Schulen werde bei Umwandlung in Konfessionsschulen den Juden die Geltendmachung ihrer vertragsmässigen Ansprüche versagt. Ferner würden die Juden inbezug auf den Religionsunterricht schlechter gestellt; sie würden gezwungen, die Kosten des jüdischen Religionsunterrichts aus eigenen Mitteln zu bestreiten, während für die christliche Bevölkerung unter den Voraussetzungen des § 21 die Verplichtung des Schulverbandes zur Einrichtung eines Religionsunterrichtes für die Minderheit nicht verneint werden darf..... Diese und noch viele andere Klagen führt die Denkschrift des V. d. J. an. Die Regierung wird sich kaum bewegen lassen, die ihr zusagende Gesetzesvorlage fallen zu lassen. Die konservati veMehrheit wird schon dafür sorgen. Also die vitalsten Interessen des deutschen Judentums werden angegriffen. Und dulden nicht die deutschen Juden in allen Lebenssphären Demütigungen und Zurücksetzungen? Sogar das liberale Mosse-Blatt kann nicht umhin, diese Tatsache zu konstatieren. In dieser Beziehung ist im Artikel des „Berliner Tagebl." über die „Lehren der Volkszählung in der Provinz Posen" von besonderem Interesse. Die statistischen Erhebungen über die Einwohnerzahl der Provinz Posen haben ergeben, dass im Zeitraum von 1900—1905 die jüdische Bevölkerung in der Provinz Posen stark abgenommen hat. Und hierzu bemerkt das Blatt: „Von wesentlicher volkswirtschaftlicher Bedeutung ist die Abwanderung der Juden. Dass diese nur unter dem Zwange der für sie traurigen Erwerbsverhältnisse statthat, bedarf keines Beweises; denn gerade den östlichen Juden zieht nicht der Glanz des Grossstadtlebens von seiner alten Scholle fort, er ist viel zu nüchtern und neigt viel zu wenig zum Uebermut, als dass er sich entschliessen könnte, ohne Not einen Ort zu verlassen, an dem Eltern und Ureltern ihr Auskommen gefunden haben. Zwischen ihnen und den eingeborenen Christen besteht nirgends sowie in unserer Provinz ein vertrautes geschäftliches Verhältnis zum Nutzen beider Teile, so dass es keinem Juden beikommen wird, das sichere Brot in der alten Heimat gegen das unsichere in der Ferne zu vertauschen, wenn er nicht eben gezwungen ist, auszuwandern. Das konzentrierte Kesseltreiben aller protestantischen Behörden richtete sich zunächst gegen die akademischen jüdischen Berufe, dann durch das staatlich unterstützte Genossenschaftswesen gegen die jüdischen Handwerker und Kaufleute. Und der Erfolg? Das Ergebnis der Volkszählung von 1905! Und welches ist das Resultat aus dem Opfer aller der immensen Summen, welche vom Staate nach dem Osten geworfen werden! Das rapide Erstarken der polnischen Banken! Die Regierung ist mit ihrer Polenpolitik gescheitert, weil der weitsichtige Mann fehlt, welcher dem untergeordneten Beamten, dem Landrat und Assessor,, klar vor Augen führt, dass man die Osttnarken nur dann sichert, wenn man einen schaffenskräftigen Bürgerstand erhält, nicht aber auskommt mit den drei bisher beliebten Programmpunkten: Schimpfen auf die Polen, materielle Bedrängung der Juden und das Hurra-Hoch bei deutschen Festen! Die neueste Geschworenenliste in Posen weist keinen einzigen Juden als Geschworenen auf! Nur harmlose politische Kinder glauben an das blind waltende Los." Und wir möchten mutatis mutandis dem „Berliner Tageblatt" und allen deutsch-fortschrittlichen Juden, die Germanisationspolitik in den Ostmarken, im Elsass treiben, und bald offenbar in Marokko für die deutschen Interessen eintreten werden, zurufen: „Nur harmlose politische Kinder ^glauben an den Erfolg einer solchen Politik."