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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE^ELT —No. 4 Noch einmal die .Alliance Israelite Universelle." nehmen den Faden wieder auf. Wir haben in der vorigen Nummer gegen die „Alliance Israelite Universelle" die Beschuldigung erhoben, dass sie im Sinne der französischen Politik handle. Es gab feinfühlige Gemüter, denen dieser Vorwurf ungerecht schien. Die „Alliance" hat ja soviel getan! Die „Alliance44 hat sich ja grosse und unvergängliche Verdienste erworben um die Verbreitung der Bildung unter den Juden des Orients! Gewiss, und wir wollen das nicht leugn en. Die „Alliance14 hat ihre Verdienste, hat auch eine schöne Vergangenheit. Es gab eine Zeit, wo sie im Vordergrunde der jüdis chen Interessen stand, es war die Zeit von Isidor 'Loeb, Albert Cohn, Münk. Aber diese Zeiten sind vorüber. Die jetzigen Verwalter der „Alliance" haben andere Interessen: Ob bewusst oder unbewusst — sie treiben Politik für den Quai d'Or^ay. Es ist nicht etwas Neues und Unerhörtes, was wir hier sagen. Die Spatzen am Dache zwitschern schon davon. Sowohl in Frankreich als auch ausserhalb dieses Landes ist man auf diese Tatsache aufmerksam geworden. Die französischen Politiker — und zwar nicht die von der Richtung Jaures und der Radikalen, sondern Delcasse's und Doumers — lachen sich ins Fäustchen. Die Juden holen mit enormen Kosten die Kastanien für sie aus dem Feuer. Und dann „conspuons le juif!44 Wer hat Algerien zu einer französischen Provinz gemacht, wenn nicht die dortigen Juden? Und was ist der Erfolg? Max Regis und Eduard Drumont und die ganze antisemitische Bewegung in Algerien, die sich teilweise nach Frankreich hinüberwälzte. Sind aber die Franzosen einstimmig in ihrem Lobe der „Alliance"? Hören wir einige Aussagen, die wir nach einem ausführlichen Bericht der „Kölnischen Zeitung14 (21. Januar) zitieren: „Französische Schriftsteller haben sich im Hinblick auf eine etwaige Eroberung Marokkos durch Frankreich mit der Zukunft der Juden in Marokko beschäftigt. In „La Verite sur TAlgerie44 hat Jean Hess die „Alliance Israelite44 beschuldigt, sie versuche die verschiedenartigsten Elemente, Geschäftsleute durch den Hinweis auf das zu machende Geschäft, Nationalisten, Chauvinisten, Militärs durch den Hinweis auf die Ehre und Fahne, für das Vorgehen gegen Marokko zu vereinigen. Dieses Vorgehen müsse militärischer Art sein, um dem Ansehen der „Alllance44 zu dienen. Das sogenannte „friedliche44 Vorgehen, das die Anti - Militärpartei gebilligt habe, werde derart geführt, dass sie das militärische Eingreifen vorbereite. Mit französischem Gut und Blut werde Frankreich die Emanzipation der marokkanischen Juden zu b e zahlen haben. In der Zeitschrift „Le Maroc Franc,aisu ist die Judenfrage in Marokko in einem langen Aufsatz der Nummer vom 21. Juli 1804 ausführlich behandelt worden. Die marokkanische Frage sei nur eine J u d e n f r a g e, hiess es darin. Die nach Marokko kommenden Algerier, algerischen Spanier und die marokkanischen Spanier würden eine.gemeinsame, mit dem gleichen antisemitischen Geist erfüllte Gesellschaft bilden. Diese Gruppe wrerde sich auf die Eingeborenen stützen, wie sie es in Algerien getan habe und werde, da sie die stärkste europäische Gruppe bilden werde, die Behörden in derselben Richtung führen. Der Quai d'Orsay werde gezwungen sein, sich auf das algerischspanische Element zu stützen und diesem die Juden auszuliefern. Der einzige Unterschied nach der Emanzipation werde sein, dass der Jude im europäischen Kleid unterdrückt werde, während er es vorher im Kaftan wurde. Man habe die antisemitische Krisis in Algerien leicht genommen; doch die Bevölkerung Algeriens, sei in separatistischem Geiste geeinigt aus ihr hervorgegangen Die Algerier aber seien entschlossen, sich Marokko zu sichern als Kolonisationsgebiet. Tunis werde sich anschliessen, und das geeinigte Algerien-Tunis-Marokko werde von Frankreich abfallen. Eine antisemitische Krisis in Marokko werde |die separatistische Dreiheit vollenden. Mit den Juden Marokkos, Algeriens, Tunesiens und Frankreichs habe die Republik etwa eine Million Juden. Ausser einer Mohamedanerpolitik bedürfe Frankreich also einer Judenp ol itik. Die „Alliance Isrealite" müsse als politische und soziale Macht mit Frankreich zusammengehen und die Juden in den Dienst der französischen Zivilisation stellen.44 So wird die Politik der „Alliance" von französischer Seite gedeutet und gewürdigt. Der Verfasser des Artikels im „Maroc francais" ist kein Judenfreund, aber seine Prognose ist nicht aus der Luft gegriffen. Die „Alliance44 sollte es selbst wissen, dass der Jude im europäischen Kleid ebenso gut wie der im Kaftan unterdrückt wird. Was hat die „Alliance" in dieser Richtung getan? Doch wenn die Franzosen, in deren Interesse es ja liegt, dass die „Alliance" französische Politik treibe, sich mitunter recht unfreundlich über diese Tätigkeit äussern, umsomehr die nichtfranzösischen Politiker, denen die Ausbreitung des französischen Einflusses ein Dorn im Auge ist. Derselbe Berichterstatter der offiziösen „Kölnischen Zeitung" ergeht sich darüber in Betrachtungen und fordert die deutschen Juden auf, der „Alliance" ihre Unterstützung zu entziehen und ihren Einfluss zum Schutz deutscher Interessen zu verwenden. Und er fragt dann: „Wie soll nun das Geld deutscher Israeliten für den in leiblichem und geistigem Elend lebenden marokkanischen Juden aufgewandt werden, sodass unsere nationalen Interessen möglichst einen Vorteil daraus ziehen? Auf die bisherige Weise nicht, das ist nach dem früher Gesagten ausgeschlossen. Die deutschen Israeliten mögen die Errichtung deutscher Schulen der Alliance oder die Erteilung deutschen Unterrichts an ihren Schulen, die Vorbildung von Lehrern für die Alliance-Schulen Marokkos und anderswo in Deutschland verlangen. Ein solcher Schritt könnte den Anstoss dazu geben, dass die deutsche Sprache, die bisher eine verhältnismässig geringe Rolle im Weltverkehr spielt, sich den ihr gebührenden Platz erränge. Jedenfalls würden derartige Forderungen unserm Handel unmittelbar zugute kommen. Vielleicht könnte die „Alliance", indem sie Landwirtschaftsschulen mit deutschen Lehrern gründete, durch die aus diesen Schulen hervorgehenden Kräfte in wenig zugänglichen Teilen Marokkos neue Kulturen erschliessen, alte (Zuckerrohr, Baumwolle) wieder aufleben lassen. Es ist dabei zu bemerken, dass Juden nicht nur in den Städten, sondern in den Gebirgen (Rif, Atlas) sowie im äussersten Süden inmitten der meist unabhängigen Stämme wohiien; ihre Stellung entspricht dort der der Leibeigenen des Mittelalters. In dem Gebiete zwischen dem iFlusse Sus und dem Flusse Draa findet man, ebenso wie im Quellgebiet des Sus und des Draa, im Atlas zwischen den Quellen der zwei genannten Flüsse, in dem Gebiet zwischen Tafilet und Atlas, im Tafilet selbst überall Judengemeinden. Die deutsche Regierung könnte vielleicht für die Milderung der Lage dieser Juden beim Sultan ihren Einfluss wohlwollend geltend machen; Gegenleistung wäre, dass die Juden sich vornehmlich in den Dienst des deutschen Handels stellten. Ich möchte vorschlagen, dass gleichzeitig mit der Marokkokonferenz eine Beratung von hervorragenden Vertretern der deutschen Israeliten mit Vertretern unserer Regierung unter Hinzuziehung von in Deutschland weilenden Diplomaten, die die marokkanischen Verhältnisse kennen, über diese Frage veranstaltet würde." Vom Standpunkte des deutschen Politikers hat der Korrespondent des offiziösen Blattes des deutschen auswärtigen Amtes vollkommen recht. Wenn die „Alliance", wie es heisst, sich dazu hergibt, französische Interessen unter dem Mantel des Judentums zu fördern, warum sollte die deutsche Judenschaft nicht dasselbe tun? Verstehen nun die Herren der „Alliance44 wohin ihre Politik führt, auf welche Abwege sie geraten sind? Wissen sie auch, dass die deutschen Juden, die in judaicis zu einem guten Teile ebenso denken wie sie, d. h. Assimilanten sind, sich ähnliche Dingep wie die „Köln. Zeit." bringt, nicht zweimal werden sagen lassen?

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