Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No.4 Freilich, man darf sich nicht täuschen. Es ist eine gezwungene Liebe. Noch spukt genug aus der Vergangenheit in den Köpfen der „Bundisten." In ihnen, die nie auch nur das Kleinste für die Förderumg jüdischer Kultur getan haben, die ihre Kulturtätigkeit schon darin sehen, dass sie am Jomkipur die Frommen durch die Veranstaltung animierter Unterhaltungen reizen oder dass sie es verhindern, dass am Grabe gefallener Juden der jüdische Priester die letzten Gebete spricht, in ihnen die Träger einer künftigen national-kulturellen Autonomie sehen zu wollen, wäre widersinnig. Sie waren — nicht, was die Revolution, — was das jüdische Volk anbelangt, immer um die wesentlichsten Forderungen des jüdischen Lebens zurück. Der „Bund" kommt mindestens ein Jahrzehnt zu spät, wenn er heute in seinem Blatte, dem „Wecker", sagt: „Das jüdische Proletariat ist nicht nur ein Teil der internationalen Sozialdemokratie, es ist zugleich ein Teil des jüdischen Volkes, das seine besondere Lage unter den anderen Völkern hat, infolge des schweren Joches der jahrhundertelangen nationalen ünterdrückung, infolge der Verachtung, die man gegen das jüdische Volk hegt, einer Verachtung, die durch den geschichtlichen Prozess weiten Schichten der anderen Völker eingeimpft worden ist." Wenn die Zionisten wollen — können sie darüber Genugtuung empfinden. Denn es ist fast wörtlich nichts anderes, als was vor vielen Jahren schon in zionistischen Deklarationen stand, nicht anderes, als was der „Bund"4, der über 7 Russland nicht hinaussehen, einen geschichtlichen Zusammenhang des alten mit dem gegenwärtigen Judentum nicht anerkennen, einen absoluten Judenhass nicht wahr wissen wollte, lebhaft bekämpfte, um es jetzt aufzunehmen und dann knapp vor dem letzten, dem zionistischen Schluss, zu bremsen. Zu spät für den „Bund"! Nicht zu spät für die Sachel Weil eben die anderen, die Zionisten, nicht gezwungen, sondern aus Ueberzeugung, nicht verklausuliert, sondern offen sich auf das Prinzip eingerichtet haben und jetzt ausgerüstet sind, es in Leben umzusetzen. Damit schliessen wir die Betrachtung, wieÜ der „Bund" zur Aufstellung des Postulats einer jüdischen Autonomie kam. Und nun, wenn wir leinen Querschnitt legen, werden wir uns über das Paradoxon nicht wundern, dass die „Bundisten" für eine jüdische Autonomie, die jüdischen Genossen Oesterreichs gegen eine Autonomie sind. Wer die Dinge so sieht, wie sie wirklich liegen, der kann voraussagen, dass in Oesterreich die sozialdemokratische Assimilation dem Ansturm nicht mehr lange standhalten wird. Die Zeit ist reif für den Zionismus, er muss sein letztes Wort sagen gegen den Bundismus, dessen Nationalismus unzureichend ist, und gegen die jüdisch-sozialistischen Assimilanten, die schon ganz in die Enge getrieben sind. F. DIE^ELT- POLITISCHE REVUE Der Wladimirtag. Russland hatte vor einigen Tagen einen grossen „Jahrestag . Am 22. Januar des Jahres 1905 hat die offene Revolution in Russland begonnen, am 22. Januar 1906 hat sie ihren Abschluss noch nicht gefunden. Barhaupt, mit der dumpfen Ahnung des nahen furchtbaren Ringens in der Brust, gingen zum ersten Mal im Verlauf der neueren Geschichte Russlands Männer des Volkes, ihr Recht zu verlangen. Es war nur eine Ahnung des Kampfes, die in ihnen lebte, kein Bewusstsein ihrer Macht. Sie gingen hin als Bittende, sie kehrten zurück vom Winterpalais als Feinde des absolutistischen Regimes, als zielbewusste Kämpfer. Den „W'ladimirtag" hat man jenen blutigen Tag genannt, als Grossfürst Wladimir der harrenden Menge die Antwort der russischen Regierung überbrachte — mit Kugeln und Patronen. Aber jener Tag war nur ein Vorspiel. Jenes Blut war blos die erste Libation, die den wirklichen Opfern voranging. Und ein Jahr folgte. Das russische Reich hat im rasenden Tempo gelebt, gekämpft. Es hat auch viel erworben. Eine Konstitution trat an die Stelle der früheren Ordnung. Und mag auch die Reaktion für eine Zeit wieder einmal die Oberhand bekommen, mag auch Graf Witte oder Durnowo das Leben, die Entwicklung der Freiheit aufhalten wollen — die Stunde für die Freiheit hat geschlagen. Am 22. Januar 1905, am Wladimirtag, hat die Freiheitsglocke, die weithinhallende, ihren ersten gellenden Ton in die Welt hinausgeschickt. Und sie läutet noch..... Nur die Juden Russlands können den „Jahrestag" nicht mitfeiern. Was hat ihnen dieses Jahr gebracht? Was war für sie der Ertrag der ungeheueren Opfer, die sie für die Sache der Freiheit gebracht haben? Sollen wir das wiederholen, was gestern noch bezweifelt, heute aber leider bejaht werden muss, dass die Juden nichts bekommen haben und vielleicht nichts bekommen werden? Wir stehen ja heute trotz der Judenmassaker, trotz der grossen Agitation der Juden, trotz der öffentlichen Meinung in der ganzen Welt in der russischen Judenfrage auf demselben Fleck, wo wir im vorigen Jahre, ja wo wir unter Plehwe standen. Womit hat die Regierung in Russland den Juden ihre Opfer vergolten? Die Judenmassaker waren ein Ventil der Volksempörung, sagen die Regierungsorgane. Also waren die Juden der Sündenbock für die Regierung. Aber sie sollte doch soviel Dankbarkeitsgefühl haben, um die Juden wenigstens zu entschädigen. Und was tut die Regierung? Sie erlässt noch einstweilen keine neuen Einschränkungsgesetze, aber sie handhabt die alten mit unbarmherziger Strenge. Die Judengesetze, wie sie in Russland in Kraft sind, sind nicht Staatsgrundgesetze, die nur durch eine konstituierende Versammlung geändert '^werden können. Es sind"* ja bloss „provisorische 'Massregeln", „Ministerialdekrete". Und nicht einmal diese will die russische Regierung aufheben. Aber wir wollen nicht ungerecht sein. Sie hat auch den Weg der „Gnade" beschritten. Wir erfahren, dass die Regierung beschlossen hat, in den Gouvernements, wo die Juden das Ansässigkeitsrecht geniessen, die Zahl der Ortschaften auf dem flachen Lande, wo sie ungehindert Aufenthalt nehmen können, um 133 zu vermehren. Welche Ironie! Als ob den Juden in Russland dadurch in irgend welcher Weise geholfen werden könnte! Die russische Regierung ist seit jeher dadurch rühmlichst bekannt, dass sie die überflüssigsten Erlässe der Welt veröffentlicht. „Wer Kuchen hat, der soll sie essen", lautet einer der zahlreichen Erlässe, die der legendäre Administrator der Stadt Glupow seinen Untergebenen einschärfen Hess, wie uns der geniale Satiriker Stschedrin erzählte. Aber es ist mehr als lächerlich, wenn man in einer Zeit der wütenden politischen ^Stürme, der radikalen Reformen den Juden einen so mageren, faulen Knochen hinwirft. Und die russische Regierung hat keinen besseren Weg gefunden, um Gnade vor Zorn walten zu lassen, als indem sie den Juden die 133 Marktflecken geöffnet, d. h. die Juden der Wut der ausgehungerten und aufgehetzten Bauernbevölkerung preisgegeben hat. . . . Der Tag vom 22. Januar ist wiedergekehrt und wir stehen an demselben Fleck wie zuvor. Die Freiheitsglocke läutet und ruft — aber nos, non nobis — uns, nicht für uns.